Kurden in der Türkei

Kinder ab in den Knast

„Sie verhaften unsere Kinder nur, weil wir Kurden sind“, sagt eine Mutter. Eindrücke aus Mersin, wo viele Kurden am Rande der Gesellschaft leben müssen.

Der 8-jährige Davut Özer in der Küche seines Hauses am 20. November 2013 in der Sevket Sümer Mahallesi in Mersin, Türkei. Bild: Agata Skowronek

Schon jeder Dreikäsehoch in Sevket Sümer kennt die Gleichung: Polizei ist gleich feindliche Staatsmacht, die Kurden nur mit Gewalt und Verachtung begegnet. Vor der Polizeiwache im kurdischen Viertel der südtürkischen Hafenstadt Mersin stehen zwei Beamte mit schweren Maschinengewehren, auf dem Hof ist ein Wasserwerfer geparkt, allzeit einsatzbereit. Polizisten fahren nur in gepanzerten Fahrzeugen mit vergitterten Windschutzscheiben durch das Quartier.

Dabei hat die Polizei in Sevket Sümer auch ein anderes, freundliches Gesicht. Es gibt einen Spielplatz und sogar mehrere Computer mit Internetanschluss für Kinder. Einige besuchen deshalb gerne die Wache, und manche Eltern sind froh, wenn ihre Kleinen an einem sicheren Ort sind.

Davuts Familie wohnt genau gegenüber der Polizeiwache. Nach der Schule ist er häufig zum Spielen rübergegangen. Dabei kam es schon mal vor, dass ihm ein Polizist eine Ohrfeige verpasste. Deshalb gab seine Mutter zuerst nicht viel darauf, als ihr am 11. September Kinder sagten, Davut werde geschlagen. „Ich dachte, vielleicht hat er etwas angestellt“, sagt Kamile Özer. Aber dann hätten Nachbarn Alarm geschlagen: „Sie schlagen dein Kind tot.“

Sein ganzer Körper voller blauer Flecken

Özer, eine rundliche Frau mit rosiger Haut und munteren Augen, rannte die paar Meter über die Straße. Am Eingang der Wache versperrten ihr Beamte den Weg. Ein Polizist habe ihr sogar mit Schlägen gedroht. Aber Özer lies nicht locker. Schließlich wurde sie hineingelassen und suchte in der Wache überall nach ihrem Sohn. Sie stieß die Tür zu einem Raum auf.

„Da lag er. Sein ganzer Körper voller blauer Flecken. Drei Polizisten standen da und schütteten kaltes Wasser über ihn. Einer rubbelte sein Gesicht“, sagt sie. Im Spital stellten die Ärzte am nächsten Tag schwere Hämatome durch äußere Gewalteinwirkung und eine gebrochene Nase fest. Ein Psychiater bescheinigte dem Achtjährigen eine traumatische Störung.

Zusammengekauert, die Arme an den Körper gedrückt und die Hände im Schoß vergraben, sitzt Davut auf dem Sofa und hört der Unterhaltung zu. Mehr als drei Monate nach dem brutalen Vorfall hat er Angst, alleine auf die Straße zu gehen. Nachts wacht er auf und schreit. „Wenn ich ihn baden will, wehrt er sich, weil er denkt, alles ginge von vorne los“, sagt seine Mutter. Der Psychiater hat ihm gegen die Angstzustände ein Neuroleptikum und ein Antidepressivum verschrieben. „Was Davut bräuchte, wäre eine Therapie bei einem Kinderpsychologen“, sagt uns eine Psychologin, die ihn kennt. Das können sich die Eltern freilich nicht leisten.

Kamile Özer hat nie eine Schule besucht und kann weder lesen noch schreiben. Sie hat früh geheiratet und fünf Kinder zur Welt gebracht. Ihr Mann verdingt sich als Lastenträger, der älteste Sohn schlägt sich ebenfalls als Tagelöhner durch. Sie selbst bessert die Haushaltskasse auf, indem sie für andere Leute Brot bäckt. Alltag in Sevket Sümer.

Eine wohlhabende Stadt

Mersin ist eine wohlhabende Stadt. Der zweitgrößte Hafen des Landes hat in den letzten Jahren Zuwachsraten von 20 Prozent erlebt. Er ist ein wichtiger Umschlagplatz für Erdöl, hier enden die Pipelines nach Ceyhan. Daneben bringen Zitrusfrüchte und Baumwolle Wohlstand.

In der Innenstadt versprühen trendige Cafés und eine Küstenpromenade mit Palmen und Bootsrestaurants mediterranes Flair. Keine zwanzig Minuten entfernt liegen Sevket Sümer und die anderen kurdischen Quartiere der Millionenstadt. Von Aufschwung weit und breit keine Spur. Ein paar kleine Handwerker, ein Brautmodengeschäft, zwei Apotheken und ein Billardsalon ist alles, was das Viertel zu bieten hat. Die meisten Läden stehen leer und sind mit Metallrollläden verrammelt. In den Kaffeehäusern vertreiben sich Männer mit Brettspielen die Zeit oder sitzen schweigend da. „Das einzige, was hier blüht, ist der Drogenhandel“, sagt eine Sozialarbeiterin.

Viele Kurden kamen nach Mersin in der Hoffnung, ihr Glück zu finden. Anderen blieb keine andere Wahl, weil das Militär im Kampf gegen die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in den neunziger Jahren in ihre Dörfer einmarschierte und Soldaten die Häuser und Höfe niederbrannten. Allein nach Mersin flohen damals Zehntausende.

Es war mitten in den dunklen neunziger Jahren, Fatma Kaygan war mit ihrem fünften Kind schwanger, als die Polizei auftauchte und ihren Mann wegen Unterstützung der PKK verhaftete. Ihr ältester, damals elfjähriger Sohn Erdal musste die Schule abbrechen, um mit dem Verkauf von Hausschlappen die Familie durchzubringen.

„Drei Jahre, einen Monat und 15 Tage saß mein Vater wegen nichts im Gefängnis“, sagt Erdal Kaygan. Vor einer Woche tauchte die Polizei wieder auf und verhaftete den Jüngsten, der geboren wurde, als der Vater im Knast saß. Es ist nicht das erste Mal, dass der heute 17-Jährige Ärger mit der Polizei hat. Schon fünf Mal stand er wegen der Teilnahme an Protesten und Steinewerfens vor Gericht. Doch diesmal geht es um mehr. Die Ermittler werfen ihm vor, er habe vor zwei Jahren einen Molotowcocktail auf eine Schule geworfen. „Mein Bruder träumt davon, Arzt oder Rechtsanwalt zu werden. So etwas hätte er nie getan“, sagt Erdal. „Sie verhaften unsere Kinder nur, weil wir Kurden sind“, sagt seine Mutter.

Mehrere Justizreformen hat die Regierung in jüngster Zeit auf den Weg gebracht, seit einem Jahr verhandelt sie mit dem inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öcalan über einen Frieden.

Menschenrechtler sprechen von Rachejustiz

Für die Kurden in Mersin hat sich dadurch wenig geändert. „Kinder landen hier weiterhin wegen Lappalien im Gefängnis“, sagt Ali Tanriverdi vom Menschenrechtsverein IHD. Allein in den letzten Monaten hat der IHD 129 Fälle von Verhaftungen Minderjähriger dokumentiert. Dabei sind die Richter mit saftigen Freiheitsstrafen schnell bei der Hand. Schon für einen Steinwurf kann es 15 Jahre geben. Ist ein Jugendlicher mehrmals auffällig geworden, verhängen die Richter oft für jeden Tatbestand eine eigene Strafe. Auf diese Weise seien einem 16-Jährigen 65 Jahre Gefängnis aufgebrummt worden, sagt Tanriverdi. Er ist kein Einzelfall. Laut dem IHD sind in jüngster Zeit 67 Jugendliche zu insgesamt fast 579 Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Der Menschenrechtler sieht darin einen Akt von Rachejustiz. Viele der Verurteilten seien zuvor in Pozanti inhaftiert gewesen, sagt Tanriverdi. In dem Jugendgefängnis in der Provinzhauptstadt Adana hatten Mitgefangene 13- bis 17-jährige Jugendliche systematische misshandelt und vergewaltigt. Monatelang hatte sich der IHD bemüht, die Behörden zum Handeln zu bewegen. Nachdem nichts passiert war, wandten sich die Menschenrechtler im März 2012 an die Öffentlichkeit.

Der Skandal führte landesweit zu Schlagzeilen. Die Regierung versuchte, die Berichte zuerst als PKK-Propaganda abzutun, musste sie dann aber bestätigen. Sie schloss den Horrorknast und verlegte die Kinder nach Ankara. Nach ihrer Freilassung wandten sich viele Opfer an den IHD. „Deshalb wurden sie jetzt so hart bestraft“, sagt Tanriverdi. Auszuschließen ist das nicht. Familien berichten von massivem Druck der Polizei, die Aussagen der Kinder zurückzuziehen. Während die Leiter von Pozanti mit einer Versetzung davonkamen, landete Tanriverdi ebenfalls im Gefängnis. Sieben Monate saß er im Hochsicherheitsgefängnis von Adana. Im März kam er frei, doch das Verfahren läuft weiter.

„Verleumdung der Türkei“ wirft ihm die Anklage wegen der Pozanti-Berichte vor. Sie hat 45 Jahre Haft beantragt. Auf einem Schreibtisch liegt ein dicker Stapel von abgehörten Telefongesprächen. Minutiös haben die Lauscher protokolliert, mit wem er über Pozanti sprach. „Nach wie vor will man uns zum Schweigen bringen“, sagt der 65-jährige ehemalige Lehrer. „Nichts hat sich geändert.“ Das ist der Nährboden, auf dem die PKK gedeiht. Trotz Waffenstillstand mangelt es ihr nicht an Zulauf.

„Haut ab, ihr Hunde! Haut ab!“

In Sevket Sümer preisen Graffiti an Häuserwänden die PKK und ihren Chef „Apo“. „Für den Friedensprozess braucht es zwei“, sagt Fahriye Cengiz. „Die Regierung stellt nur Forderungen.“ Dabei ist es in dem Quartier nicht nur der Staat, der Gewalt sät. Prügel in der Familie sind an der Tagesordnung, Morde an Frauen ebenso. Allein in diesem Sommer seien drei Frauen umgebracht worden, sagt Cengiz. Mit Familienberatung, Sportkursen und Theaterprojekten versuchen die Psychologin und ihre drei Kolleginnen vom Frauenzentrum Istar, das Elend etwas zu lindern. Frauen in langen, dünnen Baumwollröcken mit bunten Mustern und Kopftüchern mit gehäkelten Spitzen sitzen auf dem Sofa am Eingang. „Unser Teehaus“, nennt es eine der Frauen und lacht. Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein.

Vor der Polizeiwache feixen und grölen ein paar Buben. Der Jüngste ist gerade einmal neun, der Älteste zwölf Jahre alt. „Hunde! Hunde!“, brüllen sie aus Leibeskräften. Dazu hopsen sie und machen das V-Zeichen. „Haut ab, ihr Hunde! Haut ab!“ Vom Balkon verfolgt Davut den Zwergenaufstand mit starrem Blick. Seine Eltern haben Klage gegen den Polizisten eingereicht, der ihn verprügelt hat. „Ich habe der Polizei vertraut“, sagt seine Mutter. „Aber wenn du Kurde bist, wirst du behandelt wie ein Terrorist. Dabei verbreiten sie den Terror.“

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Seit dem Putschversuch im Sommer 2016 entwickelt sich die Türkei unter dem Präsidenten Erdogan immer stärker zu einer Autokratie.

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