Neues von Andreas Dorau zum 50.

Ohrwürmer und eine Vogelskulptur

Wer „Happy Birthday“ singt, fliegt raus: Zum 50. Geburtstag gönnt sich der skurrile Hamburger Andreas Dorau gleich zwei neue Alben.

Bloß nicht zu viel Aufmerksamkeit, bitte: Andreas Dorau wird 50 - unauffällig. Bild: Soenke Held/promo

Was sind die beliebtesten Sujets für Popsongs? An erster Stelle wäre die Liebe zu nennen, und die Menschen, die sie entfachen. Gern wird auch das Wetter besungen, oder eben einfach: der schnöde Alltag.

Alles bereits tausendfach vertextet und vertont. Aber das Flaschenpfand? Da ist Andreas Dorau weltweit der Erste, der es gut gelaunt besingt: „Die Kinder rufen im ganzen Land / Fli-Fli-Fla-Fla-Flaschenpfand.“

Man ahnt es schon, nie wieder wird man ohrwurmfrei vor einem Pfandautomaten stehen können: „8, 15, 25 Cent / Ein jeder diese Zahlen kennt.“ Ginge es nach Dorau, gäbe es überhaupt keinen Grund, ohne Ohrwürmer den Alltag zu bewältigen.

Andreas Dorau: „Aus der Bibliothèque“ und „Hauptsache Ich!“ (beide Bureau B/Indigo)

Live: 18. 1., „Knust“, Hamburg

25. 1., „Bi Nuu“, Berlin

19. 1., „Hanseplatte“, Hamburg: Alle je gedrehten Dorau-Videoclips werden gezeigt

Denn ebendiesem trotzt er in seiner unnachahmlichen Art Musik zu machen, und das ziemlich konsequent seit 33 Jahren. Jetzt sitzt er im Café der Bücherhalle genannten Hamburger Stadtbücherei am Hühnerposten.

Wandelndes Archiv

Der Treffpunkt ist naheliegend, denn sein heute erscheinendes Album „Aus der Bibliothèque“ ist diesem Ort gewidmet. Hier hat Andreas Dorau daran gearbeitet, und auch die Ortswahl liegt nahe. Denn er ist selbst ein wandelndes Archiv der Musikstile, kennt die Popgeschichte bestens und formt seine Musik aus vorhandenem Material.

Die Melodien der Songs von „Aus der Bibliothèque“ sind aus Loops zusammengebastelt, die Dorau von beliebig ausgewählten CDs aus der Leihbücherei gewonnen hat.

„Ich habe die Alben nach ihren Covern ausgewählt“, erklärt Dorau. „Es gab nur zwei Kriterien. Da musste etwas mit Gitarre und Allerweltsmelodie sein.“ Die Loops bilden die Grundsteine für die Sunshine-Melodien der neuen Songs auf „Aus der Bibliothèque“, die später mit Band eingespielt wurden.

Trauriger Vogel

Elf Stücke sind so in der für Dorau – sonst vergehen gut und gern fünf bis acht Jahre zwischen zwei Alben – rekordverdächtig kurzen Zeit seit Juni letzten Jahres entstanden. Außerdem gesellen sich zu den neuen zwei bisher unveröffentlichte Songs, „Stählerner Adler“ und „Sabelle fliegt“. Ihre Wiederentdeckung ließ in Dorau überhaupt erst die Idee zum neuen Album reifen.

„Stählerner Adler / wo willst du hin?“, besingt Dorau mit sentimentalem Einschlag jene Vogelskulptur, die im Bundestag im Parlamentarierraum hinter dem großen Plenarsaal ein Schattendasein fristet. Aussortiert, weil sie als nicht vorzeigbar erachtet wurde, inspirierte sie Doraus Freund, den Berliner Künstler Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris) zu einem schönen Text: „Traurig geht dein Blick dahin ins Nichts / Manchmal auch zurück in bess’re Zeit.“

Songs über Beziehungen, Gefühle oder Lebenskrisen kommen Dorau dagegen nicht in die Tüte. In der Popmusik haben die ohnehin nicht viel zu suchen, findet er: „Man muss nicht versuchen, dieses leichte Medium künstlich mit Bedeutung und Schwere zu beträufeln.“ 33 Jahre ist es her, dass Andreas Dorau, damals noch im Teenageralter, mit „Fred vom Jupiter“ unverhofft einen Hit landete, der die sogenannte Neue Deutsche Welle (NDW) mitbegründen half.

Der Künstler selbst mag den Song nicht besonders. Aber wenn er heute auf seine Anfangstage zurückblickt, sagt er: „Meine Grundeinstellung zur Musik ist gleichgeblieben: gegen Klischees, gegen Rockismen, gegen peinliches Pathos.“

Befreit von Zwängen

Unschwer hört man hier Doraus Sozialisation im Westdeutschland der späten Siebziger heraus, wo eine kleine Szene anfing, sich von den Vorgaben und Zwängen der Musikindustrie zu befreien und Songs in Eigenregie zu produzieren. Man hatte genug von supermännlichen und bierernsten Rockstars, denen die besten Plätze der Plattenmultis reserviert blieben.

Und bald besaß man auch die Technik, um sich davon unabhängig zu machen. DiY war geboren. Und diese eckigen deutschen Texte und die in Heimarbeit gebastelten Sounds klangen anders als der Mainstream-Rock, nicht so straight, dafür viel humorvoller und origineller.

Dorau nennt die Zeit von 1979 bis 1981, in der er als leidender Teenager sein Debütalbum produzierte, die erste Neue Deutsche Welle. Damit grenzt er sich ausdrücklich gegen ihre spätere kommerzielle Vereinnahmung mit „spaßiger, bunter, schrecklicher, leicht zu vermarktender Musik“ und den damit assoziierten Blödelbarden wie Markus („Ich will Spaß“) ab. Diesen müden Abklatsch zählt Dorau zur zweiten NDW. Als die Masse anfing, ihn und Gleichgesinnte mit dem Kommerz in einen Topf zu werfen, hörte der Hamburger mit dem Musikmachen auf.

Zeugnis von seinen Anfängen gibt die zeitgleich mit „Aus der Bibliothèque“ erscheinende Zusammenstellung „Hauptsache Ich!“ Neben den Hits und dem Frühwerk enthalten sind darauf auch Songs seiner mittleren Phase: Gott sei Dank fand Dorau Ende der Achtziger wieder Spaß am Musikmachen. Er lebte damals als Filmstudent in München, noch heute verdient er sein Geld als Video Consultant.

Künstlerisch emanzipiert

Es folgten spannende Jahre für Dorau, der sich von dem ihm selbst verhassten zweiten Album – „das war wirklich unter aller Kanone“ – künstlerisch emanzipiert hatte. In der Zwischenzeit hatte sich Dorau auf Flohmärkten eine beträchtliche Plattensammlung mit verschiedensten Musikrichtungen zusammengekauft, die ihn mit genug Inspiration und Material für ein neues Album versorgte.

1988 brachte er, wieder beim Düsseldorfer Label Ata Tak, sein drittes Album „Demokratie“ heraus. Seinerzeit entdeckte Dorau die Technik des Sampling für sich, die dank günstigerer Geräte erschwinglich wurde. „Als man ein Stück in nur einer Stunde am Computer basteln konnte, war das ein Riesenschritt“, erinnert sich Dorau. Gemeinsam mit seinem Freund Tommy Eckhardt, der später mit 2raumwohnung bekannt wurde und damals in einer Band namens Die alternativen Arschlöcher spielte, saß er stundenlang im Wohnzimmer und bastelte an Songs.

1992 erschien Doraus Meisterwerk „Ärger mit der Unsterblichkeit“. Von den unendlichen Möglichkeiten der neuen digitalen Technik und den Acid-House- und Techno-Strömungen der frühen Neunziger inspiriert, setzte Dorau für dieses und seine folgenden Alben auf digitale Klangerzeuger.

Nach geradlinigem Rave und Tanzfutter haben die allerdings nie geklungen, zu sehr ist Dorau seinen skurrilen Texten und den Tüftelsounds mit einer markanten Mischung aus kauzigem Humor und Alltagstrotz treu geblieben.

Top-Ten-Hit in Frankreich

Völlig überraschend landete Andreas Dorau 1997 in Frankreich mit „Girls in Love“ einen Top-Ten-Hit. Weitere drei Alben und ein paar Labelwechsel später ist „Aus der Bibliothèque“ nun das erste Album seit 1988, das Dorau wieder mit Band aufgenommen hat.

Er hat dafür Freunde wie Carsten Friedrichs, ex Superpunk, heute Liga der gewöhnlichen Gentlemen, ins Boot geholt. Mit Friedrichs verbindet ihn außer einer modernistischen Geisteshaltung, was Pop soll und darf, seine Liebe zur Bücherhalle. Der Superpunksong „In der Bibliothek“ diente als Muse für den Titel des Albums.

Noch einen Vorteil hat es für Dorau, wenn er an seinem heutigen 50. Geburtstag in Hamburg mit Band auftritt: Dass er beim Konzert nicht allzu sehr im Mittelpunkt stehen muss. Das wäre Dorau höchst zuwider. Mit ernster Miene droht er: „Wer ’Happy Birthday‘ singt, fliegt raus.“

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