Tal probt den Aufstand

Im italienischen Val di Susa eskalieren die Proteste. Grund: der geplante Bau einer Eisenbahn-Schnellstrecke

ROM | taz ■ | Schulen und Fabriken im Streik, der Frejus-Autobahn-Tunnel ebenso wie die Eisenbahnlinie von Protestierern blockiert, tausende auf den Straßen: In Italien probt ein komplettes Alpental, das Val di Susa, seit vorgestern den Aufstand.

Schon seit Wochen schwelte in dem Tal westlich von Turin der Konflikt: Dem Val di Susa soll eine Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnstrecke beschert werden, die Turin und Lyon verbinden wird. Gegen diesen Plan machte fast die komplette Bevölkerung, machten Lokalpolitiker, Gewerkschafter und Pfarrer seit Wochen mobil, mit Demonstrationen, aber auch mit Protest-Camps an den für die Probebohrungen ausersehenen Stellen.

Die Hochgeschwindigkeitsgegner argumentieren, dass das Tal schon durch eine Autobahn, zwei Staatsstraßen und eine Eisenbahnlinie belastet werde. Zudem entfalte das Bergmassiv, durch das unter anderem ein 50 Kilometer langer Tunnel gebohrt werden soll, Asbest. Die Folgen der Bauarbeiten für die Umwelt seien nicht absehbar.

Bisher war dieser Protest immer friedlich geblieben. In der Nacht von Montag auf Dienstag aber räumte die Polizei ein Protest-Camp. Mehrere hundert Beamte setzten Schlagstöcke ein. Die Demonstranten beklagten, auch Rentner seien Opfer des rüden Einsatzes geworden.

Die Bevölkerung des Tals reagierte sofort. Alarmiert über SMS und Internet, fanden die Menschen am Dienstag zu Blockadeaktionen zusammen. Das Tal wurde völlig von der Außenwelt abgeschnitten, und auch gestern legten die Protestierer wieder den Verkehr auf der Autobahn zum Frejus-Tunnel lahm.

So groß der Zusammenhalt der Bevölkerung vor Ort ist, so isoliert erscheint sie doch schon in der eigenen Region. Während im Tal die linken Bürgermeister die Demonstrationen anführen, ist die Präsidentin der Region, Mercedes Bresso von den Linksdemokraten, erklärte Befürworterin Projekts. Nur die Grünen und die Kommunisten unterstützen die Nein-Front, während der große Rest der Mitte-links-Opposition unter Romano Prodi hinter den Bauplänen steht.

Von der Räumungsaktion setzte sich die Opposition klar ab. Sie warf der Regierung eine unnötige Eskalation des Konflikts vor und forderte, man müsse „mit den Protestierern reden“. Einen Joker haben die Hochgeschwindigkeitsgegner im Ärmel. Im Februar 2006 werden in Turin die Olympischen Spiele stattfinden; wichtige alpine Wettbewerbe werden im Val di Susa und in den Nachbartälern ausgetragen. Schon hieß es auf den Demonstrationen der letzten zwei Tage: „Ihr könnt Olympia vergessen!“