Herausgeschüttelt

Weg mit Taktsystem und Tonkorsett: Der Soundsurrealist Harald Sack Ziegler stellt seine Greatest Hits auf CD vor

Der schlafende Herr mit der Brille sieht auf dem CD-Cover unschuldig und sehr zufrieden aus. Zur Zufriedenheit hat Harald Sack Ziegler allen Grund, denn sein vor kurzem erschienenes Album „Punkt“ ist eine exklusive Zusammenstellung seiner besten Songs, die es bisher nur auf Vinyl und auf Audiokassetten gab. 22 Stücke mit einer Gesamtspiellänge von 39 Minuten, die es in sich haben!

So friedlich, wie er da wirkt, ist er selten. Der Multi-Instrumentalist und Experimental-Exzentriker fährt einiges von den Absurditäten und Kakofonien auf, die die deutsche Sprache und die Welt der Töne so aufbieten können. Es summt, fiept und scheppert, er jault, haucht und schluchzt, die Songs rütteln und schütteln sich aus den Boxen. Das ist eine Herausforderung für Hörgewohnheiten und Musikgebrauch.

Ziegler wurde 1961 in Berlin geboren, lebt seit 1986 in Köln, studierte Orchestermusik in Frankfurt und begann vor über 20 Jahren Musik zu machen. Inzwischen hat er mehr als 30 Tape-Alben produziert und sich an über 100 Kassetten-Compilations beteiligt. Hinzu kommen Vinylalben, Kooperationen mit anderen Soundtüftlern wie Mouse on Mars und jetzt das große Ausholen mit einer Art „Best of“ – hübsch zusammen mit Joseph Suchy remastert.

Musikmagazine haben für Künstler wie Ziegler ein Lieblingsadjektiv: frickelig. Musiker, die frickelig sind, fummeln an jenem Regler und diesem Instrument herum, bis alles perfekt ist, aber ja nicht zu glatt klingt. So viel Berechnung passt aber gar nicht zu Ziegler. Denn sein Motto ist: Weg mit dem Taktsystem und dem Tonkorsett, her mit dem lustvollen Infantilismus. So verwebt er Reime im Stil von „Alle Hunde sind Ungeheuer, alle Hunde sind ungeheuer teuer, alle Hunde kosten ungeheuer Hundesteuer“ mit einer weichen Trompetenbegleitung zur lauschigen Idylle. Ob er dabei naiven NDW-Spaß, Hamburger-Schule-Intellektualität oder schrägen Elektroclash zitiert, ist nicht wichtig. Viel wichtiger ist sein Charme, der Umgang mit Sprache, sein Soundsurrealismus, der sich allen Bezügen auf Kettensägenmassaker zum Trotz immer noch innovativ anhört.

Ziegler, der Chaos-Komponist, schüttelt seine Musik wie aus einem riesigen, dadaistischen Kreativkosmos hinaus: locker, leicht, lärmend. Einige Songs gleichen vertonten Kurzgedichten, sind zarte Momentaufnahmen und intime Beobachtungen, die nicht anders leben können als in Miniaturen von einer Minute Länge, so wollen es Sack-Poesie und Ziegler-Klangkunst.

Dagegen sind die Dreiminutensongs „Meine Oma“ und „Barbie Hymne“, zwei Liebeserklärungen für zwei sehr verschiedene Frauentypen, beinah episch. Diese Stücke spielt Ziegler mit einer legeren Geste, mit reduzierter Basslinie und punktgenau eingesetzter Gitarre, was einfach nur schön ist. Aber er wäre nicht Sack, wenn sich zu der hinreißend simplen Melodie nicht eine hinreißend quäkend malträtierte Melodica dazugesellte. Was nur eins bedeutet: Achtung, wir reisen in meine Visionen und Versionen des deutschen Liedgutes! Hinein in die Digital-Dissonanzen und Noisepop-Arien! Wie schön, dass der zufrieden schlafende Herr auf dem Cover so anarchisch kindlich sein kann. Tu nicht so erwachsen, heißt es im Werbespruch. Stimmt.