Debatte über Garbsener Brandstiftung

Hartnäckiger Ruf

Als im Juli die Willehadi-Kirche im Garbsener Stadtteil Auf der Horst abbrannte, war das dort nur eine von mehr als 30 Brandstiftungen in diesem Jahr. Nun berichtet die Presse über Jugendbanden, im Internet hetzen Rechtsextreme gegen angeblichen "Moslemterror". Und in Garbsen rücken die Leute zusammen.

Solidarität in Garbsen: Willehardi-Schild nach dem Brand Bild: dpa

Schon von Weitem ragt der Turm der Willehadi-Kirche zwischen Plattenbauten und Bungalows hervor. Viel mehr ist auch nicht übrig von der evangelischen Kirche im Garbsener Stadtteil Auf der Horst: Nur noch der Turm und die Außenmauer stehen, seit dem Feuer Ende Juli. Nachts um eins meldeten Anwohner den Brand, bis zum Morgen dauerten die Löscharbeiten. Vom halb abgerissenen Gemeindehaus griffen die Flammen auf das Kirchengebäude über. Eine Million Euro Schaden, die Polizei ermittelt wegen vorsätzlicher Brandstiftung. Und Garbsen, 60.000 Einwohner-Trabantenstadt am Rande Hannovers, kommt nicht mehr zur Ruhe.

Bundesweit berichtet die Presse. „Bandenkriminalität: Brandstiftung als Spektakel“, titelt die FAZ, „Billig-Wodka kippen und danach Container anzünden“ die Welt. In Internetforen wird über „Moslemterror gegen Deutsche und Christen“ gehetzt, ein Video der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ kursiert: Vor dem Bauzaun an der Brandruine wird ein Zettel in die Kamera gehalten – „Garbsen: zu bunt für Kirchen?“ steht darauf. Mehrfach liefen Rechte auf, die rechtskonservative Wählergemeinschaft „Die Hannoveraner“ stellte sich Ende August sogar während einer Ratssitzung vors Rathaus.

Neben diesen Versuchen von rechtsaußen, die nach wie vor unaufgeklärten Brandstiftung zu vereinnahmen, gibt es auch den Ruf, man sei ein sozialer Brennpunkt. Der klebt hartnäckig an dem Städtchen im hannoverschen Speckgürtel, gerade auch am Stadtteil Auf der Horst. Binnen vier Jahren wurde der in den 60ern hochgezogen: 2.630 Wohnungen in Betonplattenbauten, Bungalows und Reihenhäuser, weitläufiges Grün zwischen dem Grau. Das „Planeten-Center“ am Rande der Siedlung war einst das erste überdachte Einkaufscenter weit und breit, heute steht es größtenteils leer. Hauptsächlich Arbeiter von VW und Conti zogen hierher, der Migrantenanteil ist hoch.

15.000 Euro Belohnung sind für Hinweise zur Willehadi-Brandstiftung ausgelobt. 6.000 Euro hat die Stadt bereitgestellt, nur Tage nach dem Brand, 9.000 kommen von der Versicherung der Kirche. Als Bürgermeister Alexander Heuer (SPD) kurz darauf ein Bürgergespräch zur Gründung eines Bündnisses „Für ein friedliches Miteinander“ veranstaltete, kamen 200 Leute. Bei einem Sternmarsch demonstrierten über 2.000, darunter Schüler aller Garbsener Schulen. Wann immer sich die Rechten zeigen, sind da auch Gegendemonstranten.

Die beiden Moscheegemeinden hielten vor der Ruine eine Mahnwache. Bis zwei Uhr nachts sei er geblieben, sagt Orhan Akdag von der Türkischen Gemeinde, der für die Grünen im Stadtrat sitzt. „Bei solchen Vorfällen sind wir sofort im Einsatz.“ Die Hetze im Internet, die Flyer mit der Frage „Wie lange noch?“, die in der Stadt verteilt werden, kann er kaum ertragen.

„Wenn jemand sagt, er ist Moslem, kann er so etwas nicht machen, das ist meine feste Überzeugung“, sagt Akdag. „Eine Kirche ist ein Gotteshaus, egal welchen Glaubens.“ Schon beim ersten Trauergottesdienst waren die Imame der beiden Gemeinden dabei. In den Moscheen werden Spenden gesammelt, die Frauengruppen verkaufen auf dem Wochenmarkt Essen zugunsten der Willehadi-Kirche.

„Das macht das Ganze etwas erträglicher“, sagt Pastorin Renate Muckelberg. Von ihrem Büro im Pfarrhaus blickt sie auf die verkohlten Kirchenmauern, die bunten Schleifen, die an den Bauzaun gebunden sind, die Blumensträuße auf der Fensterbank. Auf dem Boden stehen Tüten mit Geschenken, auf Muckelbergs Schreibtisch stapeln sich die Papiere. Ihr E-Mail-Postfach quillt über: Solidaritätsschreiben, Spendenankündigungen, Presseanfragen, Organisationskram für den geplanten Wiederaufbau. Sie sei sich sicher, dass der Brand nicht gegen die Kirche an sich gerichtet war, sagt die Pastorin. Die Instrumentalisierung funktioniere nur im Internet, „vor Ort ist das nicht so“. Die Polizei ermittelt nach wie vor in alle Richtungen. Trotz der Belohnung gibt es bislang keine Tatverdächtigen.

„Die Situation ist hier sehr widersprüchlich“, sagt Muckelberg. „Im Alltag klappt vieles sehr gut, wie eng man im Stadtteil ist, wird einem zum Teil erst jetzt nach dem Brand klar.“ Zugleich gebe es bei vielen Anwohnern aber auch Ängste. Die Pastorin berichtet von Flaschen, die über Gartenhecken geworfen werden, und von eingeschlagenen Scheiben. Auch Orhan Akdag weiß von „Leuten, die gerne Krach haben wollen“.

Seit Jahren gibt es in Auf der Horst immer wieder Brandstiftungen, meist an Papier- und Müllcontainern. Im Frühjahr wurde ein Jugendlicher wegen einer Brandserie zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Allein in diesem Jahr wurden bereits 31 Feuer gelegt, nach dem Brand der Kirche gab es drei weitere. Daneben verzeichnet die Polizei vor allem „jugendtypische Vorfälle“: Pöbeleien, Lärmbelästigung. Etwa 20 Jugendliche fallen immer wieder einschlägig auf. „Bandenmäßige Strukturen“, Gangs, über die die Lokalpresse immer wieder berichtet, gibt es laut der Polizei nicht.

Schon 2006 wurde Auf der Horst ins Städtebauförderprogramm „Soziale Stadt“ aufgenommen. Seit dem Brand steht die Polizei nachts mit einer Streife auf dem Kirchplatz, uniformierte und zivile Beamte sind zu Fuß im Stadtteil unterwegs. Man hat sich zu Behördengesprächen zusammengetan, auch die Staatsanwaltschaft und Garbsens Präventionsrat sind dabei. Vier zusätzliche Stellen für Streetworker sind geplant, die Auf der Horst Kontakt zu Jugendlichen aufnehmen sollen. Beschlossen hatte der Stadtrat das schon Monate vor dem Willehadi-Feuer. Man habe den Stadtteil schon länger „im Blick“, wie es der Stadtsprecher formuliert.

Ein Weckruf war auch jener Bandbrief des ehemaligen Rektors der Hauptschule: Er forderte 2011, kurz vor seiner Pensionierung, Polizeischutz für seine Lehrer – und schaffte es damit in die Bild. Sein Nachfolger ist selbst auf der Horst aufgewachsen, gezielt habe man nach einem Rektor mit Migrationshintergrund gesucht, sagt der Sprecher. Brandbriefe würden seither keine mehr geschrieben.

Er sehe „gewisse Reibungsflächen“, die Rede vom Problemstadtteil aber mag der Sprecher der Stadt nicht: „Wir sind auf einem guten Weg.“ Laut einer Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen geht die Gewaltkriminalität in Garbsen seit 2011 rapide zurück – im Gegensatz zum Bundestrend. Die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen sank seit 2006 um 80 Prozent.

Auch beim Freizeitheim, nur wenige Hundert Meter von der Willehadi-Kirche entfernt, ist man über viele der Berichte verwundert. „Dass es heißt, hier ist es gefährlich, und dass man cool ist, wenn man hierherkommt“, genau darum gehe es denen, die pöbeln und Scheiben einschmeißen, sagt Ismael, der auf den Stufen vor dem Aufenthaltsraum sitzt. Bei den Aktionen für die abgebrannte Kirche war er dabei, hat Banner gemalt für den Sternmarsch. Der Brand, sagt der 17-Jährige, „macht mich echt traurig, so was geht gar nicht“.

Bei den Jugendlichen im Freizeitheim sei das Feuer „Dauerthema“, sagt Sozialpädagoge Rainer Ehlers. Von den Spekulationen fühlten sich viele „angegriffen“. Oft sei „die Adresse Auf der Horst ohnehin schon ein Problem“, bei der Jobsuche zum Beispiel. Aber Ehlers weiß auch von Jugendlichen, die bei Facebook „Brandstiftung“ als Hobby angeben, die „durchs Raster gefallen sind“ und schon lange nicht mehr ins Freizeitheim kommen.

„Auf der Horst hat schon immer seinen Ruf“, sagt Abdullah Sengül, genannt Abu. Auf dem Herouville-St.-Clair-Platz, gleich hinter dem Freizeitheim, betreibt er einen Kiosk mit Bäckertheke. Von den Tischen vor seinem Laden aus sieht man den Turm der Willehardi-Kirche emporragen. In seinem Kiosk hat Abu eine Spendenbox aufgestellt. Er lebt seit 33 Jahren im Stadtteil. In seiner Kindheit, als es in Garbsen noch keine Moschee gab, gingen die Muslime zum Beten in die Willehadi-Kirche.

„Probleme und Prügeleien“, sagt der Mittfünfziger, habe es auch damals im Stadtteil gegeben, mit „den Rockern“. Einige von ihnen säßen heute immer auf den Bänken neben seinem Café, nicht mehr in Rockerkluft, dafür mit Bierflasche und Rollator.

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