Bodo Ramelow über Linke und Religion

„Die PDS war toleranter“

Seine Partei sei gegenüber Gläubigen zu intolerant, meint Bodo Ramelow. Deshalb hat er gegen das Bundestagswahlprogramm der Linken gestimmt.

In einer bayrischen Schule wird das Kruzefix entfernt. Bild: dpa

taz: Herr Ramelow, Sie haben auf dem Bundesparteitag im Juni gegen das Wahlprogramm Ihrer Partei gestimmt, weil Ihnen im Wahlprogramm eine Passage zur Religion missfiel.

Bodo Ramelow: Religion ist kein Thema, über das man nachts auf einem Parteitag spricht. Das Thema muss so gründlich behandelt werden wie unsere sozialen Stammthemen.

Was folgt für Sie daraus?

Das war ein Betriebsunfall, der bedauerlich ist. Als ich am nächsten Tag in einer Erklärung meine Entscheidung für mein Nein begründet hatte, bekam ich viel Applaus. Seitdem gibt es in der Linken eine Diskussion, bei der mein Werben für die Bedeutung der Religion auf viel Zustimmung stößt.

Was bedeutet für Sie Religion?

Ich entstamme einer christlichen Familie, evangelische Traditionen sind bei uns zu Hause gelebt worden. Die zweite Ebene ist der öffentliche Raum. Da sage ich: Religion gehört zu Spiritualität, zum geistigen Wesen der Menschheit dazu.

57, ist Fraktionsvorsitzender der Linkspartei in Thüringen und seit 2012 im Vorstand der linksparteinahen Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er ist bekennender Christ.

Was heißt das konkret?

Jeder kann für sich sagen: Ich glaube an den christlichen Gott, an den islamischen Gott. Oder: Ich glaube an gar nichts, ich will mit all dem Zeug nichts zu tun haben. Diese spirituelle Wahlfreiheit möchte ich ungern verstellt wissen – unabhängig davon, was ich ganz persönlich glaube.

Damit stehen Sie in Ihrer Partei allein da. Keine andere Partei in Deutschland gibt sich so areligiös wie Ihre.

Religion gehört tatsächlich nicht zu unseren Stammthemen. Und wenn es um Religion geht, werden in meiner Partei darunter vielfältige Dinge verstanden, Kritik an der Amtskirche etwa. Es gibt einen Genossen bei uns, der als Arbeitnehmervertreter in einem kirchlichen Sozialbetrieb tätig ist und der sehr präzise Kritik an den dort nur sehr eingeschränkt vorhandenen Mitbestimmungsrechten übt. Darüber diskutieren wir häufig. Aber mit Religiosität und Spiritualität hat das nichts zu tun

In ihrem Wahlprogramm bekennt sich die Linkspartei zum „Recht aller Menschen auf ein Bekenntnis zu einer Weltanschauung oder Religion“. Gleichzeitig will sie aber die Militärseelsorge, die Kirchensteuer und den Blasphemieparagrafen im Strafrecht, mit dem die Schmähung von religiösen Bekenntnissen unter Strafe gestellt wird, abschaffen.

Sie fordert: „Schulgebet, Schulgottesdienst und religiöse Symbole wie das Kruzifix sind in staatlichen Schulen zu entfernen“ und „durch kirchliche Arbeitgeber ausgeübte Diskriminierung von Beschäftigten“ ist zu verhindern. (SH)

Wie steht Ihre Partei zur Religion?

Die PDS hatte ein höheres Maß an Toleranz im Umgang mit Christen als die Linkspartei. Durch die Erinnerungen an die Intoleranz der SED-Diktatur auch gegenüber der Kirche hatte sich innerhalb der PDS gleich nach der Wende der Vorsatz durchgesetzt, eine ähnliche Intoleranz nie wieder zuzulassen. Das zog sich wie ein roter Faden durch die PDS-Geschichte. Nicht zufällig befand sich in der ersten linken Bundestagsgruppe unter Gregor Gysi schon ein Pastor, der nicht Mitglied der Partei war.

Wie sehen Gläubige Ihre Partei?

Das Verhältnis war nicht immer einfach. Das habe ich ganz persönlich erfahren: An jenem Sonntag im Jahr 1999, nachdem bekannt wurde, dass ich für die PDS kandidieren werde, blieben in meiner Kirchgemeinde die Plätze auf der Kirchenbank neben mir leer. Da saß ich ganz allein. Das hat sich später geändert, ich habe viel Zustimmung aus meiner Gemeinde erfahren. Aber am Anfang war der Schock in der Gemeinde über meine politische Entscheidung groß.

Warum hat sich die Haltung zur Religion von der PDS zur Linkspartei geändert?

Das hat mit der Antiklerikalität der 68er in der Bundesrepublik zu tun, die vor allem in der Westberliner SPD einen Kristallisationspunkt gefunden hatte. Durch die Eintritte ehemaliger SPD-Mitglieder in die PDS/WASG sind solche Strömungen verstärkt in die Linkspartei vorgedrungen.

Karl Marx soll gesagt haben: „Religion ist Opium für’s Volk“.

So hat Marx den Satz nicht gesagt, sondern: „Religion ist das Opium des Volkes.“ Lenin hat später daraus gemacht: „Opium für’s Volk“. Marx hat gemeint: Das Volk betäubt sich mit Religion, weil die Verhältnisse so schlimm sind, wie sie sind. Lenin meinte: Die Amtskirche betäubt das Volk mit Religion. Das ist eine völlig andere Aussage. Es lohnt sich, Marx’ Text anzuschauen.

 

Der Wahlkampf hat begonnen. Am 22. September werden die politischen Farben gemischt. Bis dahin beobachtet die taz das Geschehen auf Marktplätzen, Hinterzimmern und im Netz.

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