Entlang der Keystone-XL-Pipeline

Aus Teersand wurde Ölsand

Im Shell-Museum in Alberta wird die wunderbare Welt der Ölgewinnung demonstriert. Dass der Abbau von Teersand extrem umweltschädlich ist, weiß dort keiner.

Versaute Landschaft: Ölsand-Abbau in der Nähe von Fort McMurray. Bild: imago/Larry MacDougal

REDWATER taz | Es sieht aus wie Teer. Es fühlt sich so an. Es riecht so. Und es hat seit Menschengedenken auch so geheißen: „Teersand“. Die Ureinwohner der Region haben es benutzt, um ihre Boote wasserdicht zu machen. Und eines der vielen stechenden oder beißenden Insekten, die in dem Feuchtgebiet im Norden der kanadischen Provinz Alberta herumfliegen, trägt es im Namen: „Tarsand Beetle“.

Aber seit im Norden von Alberta auf einem Gebiet in der Größe Floridas Öl abgebaut wird und täglich weitere Teile des Waldes, der Tiere und der Feuchtgebiete verschwinden, darf der Teersand nicht mehr Teersand heißen. „Ölsande“ heißt das Zeug jetzt im offiziellen Sprachgebrauch. Wer heute in Alberta von „Teersanden“ spricht, ist Kritiker.

„Oil Sands Discovery Centre“ heißt das Museum am Ortsrand von Fort McMurray, das für sieben Dollar Eintritt eine Propagandaschau bietet. Unter einem Firmenlogo von Shell schaufeln Kinder Sand in Spielzeuglaster. Für Erwachsene demonstriert ein junger Mann mit kunstvoll hochgeföhntem Haar, wie einfach und sauber es ist, Öl von den restlichen Bestandteilen des Bitumen zu trennen.

Auf seinem kleinen Tisch auf Rädern stehen ein Wasserkocher und mehrere Messbecher. Das Publikum darf alles anfassen und schütteln. Und es erfährt, dass am Ende – wenn die mit den bisherigen Methoden förderbaren 1.700 Milliarden Barrel Öl aus dem Boden Alabertas geholt sein werden – der gerodete Wald wieder wachsen, die Tiere zurückkommen und die giftigen Abwasserteiche wieder nutzbar gemacht werden. Das Stichwort „Klima“ fällt nicht. Zu dem Treibhausgas Kohlendioxid kann der junge Mann nichts sagen, weil er „kein Naturwissenschaftler“ ist.

Die einen hoffen auf eine neue Nord-Süd-Lebensader, die jede Menge Jobs schafft. Die anderen sprechen von einer Umweltschweinerei, die die Abhängigkeit der USA vom Öl manifestiere. Sie alle fiebern der Entscheidung von US-Präsident Barack Obama entgegen, ob die Keystone-XL-Pipeline gebaut werden darf. Sie soll Teersandöl über 3.462 Kilometer aus der kanadischen Provinz Alberta bis in die Raffinerien an der texanischen Golfküste transportieren.

Für die taz-Serie fährt die US-Korrespondentin Dorothea Hahn die Strecke in den kommenden Wochen ab, besichtigt Produktionsstätten, spricht mit Indianern und Umweltaktivisten, begegnet enteigneten Landbesitzern und hoffnungsfrohen Bürgermeistern.

Die Besucher erfahren nicht, dass bei der Ölgewinnung aus Teersanden über 20 Prozent mehr Kohlendioxid freigesetzt wird als bei der Förderung konventionellen Öls. Kohlendioxid ist eines der Gase, die die globale Erderwärmung verursachen.

„Für ein besseres Alberta“

Hinter dem Museum beginnt der Highway 63, der einzige ganzjährig befahrbare Weg, der das Ölgebiet mit dem Rest des Kontinents verbindet. Es ist eine der zehn gefährlichsten Straßen Kanadas. Demnächst wird der Highway komplett vierspurig sein. Fürs Erste informiert die Provinz auf großen Schildern, dass sie baut: „Für ein besseres Alberta“. Daneben brettern Lkws mit 110 Stundenkilometern vorbei. In Kanada sitzen Lkw-Fahrer bis zu 13 Stunden am Stück hinterm Steuer.

Die ersten 200 Kilometer von Fort McMurray aus in den Süden sind schnurgerade. Kein Ort. Nicht mal eine Tankstelle. Einzige Abwechslung ist alle paar Dutzend Kilometer ein Klohäuschen. An den Wänden stehen aggressive Graffiti. „Wenn du nicht auf dem Highway fahren kannst, benutz Waldwege“, und: „Newfies go home“. Damit sind die Neufundländer aus dem krisengeschüttelten Nordosten Kanadas gemeint, von denen viele in die Teersande gekommen sind.

Urplötzlich wird die Landschaft lieblicher, zwischen den Wäldern tauchen bebaute Felder auf. Gelb-grün leuchtet der Raps. Dazwischen sattgrüner Weizen. Kein Mais. Dafür ist es zu kalt. Wenn der Raps in Alberta im September geerntet wird, laufen die Heizungen wieder. Vor der Ankunft in dem Ort Redwater liegen mehrere „Pipeline Crossings“. Straßenschilder weisen auf die ansonsten unsichtbaren Kreuzungen zwischen Asphalt und Pipeline hin. Der Boden unter Alberta, wo seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in konventionellen Verfahren Gas und Öl abgebaut wird, ist ein Spinnennetz von Pipelines. „Wild Rose Country“, steht auf dem Autokennzeichen von Alberta.

Der rosa-metallicfarbene Kleinwagen zieht Schaulustige an. Sie steigen aus Geländewagen aus, die fast doppelt so hoch sind wie der Kleinwagen. Und über denen rote Wimpel flattern, damit Lkw-Fahrer aus ihren hoch gelegenen Führerhäuschen sehen, dass vor ihnen auch noch jemand fährt. Im Cactus Cafe sagt die Kellnerin: „Wenn Sie einen Job suchen, sind Sie in Alberta richtig. Wer hier keine Arbeit findet, ist einfach nur faul.“

75 Kilometer für ein Frühstück

„Klar gibt es Schöneres als die Ölförderung“, sagt ein Mann, der 75 Kilometer zu dem nächstgelegenen Café gefahren ist, um Speck, Spiegeleier und Sauerteigbrot zu essen. „Aber wir wollen doch alle ein Auto, und heizen müssen wir auch.“ Er trägt den Ganzkörperanzug der Ölarbeiter. Mit zwei zu einem „X“ gekreuzten reflektierenden Streifen auf dem Rücken. Von Haus aus ist er Farmer.

Neuerdings hat er sich auf Flussunterquerungen von Pipelines spezialisiert. Bei dem Pipelineunternehmen geht er demnächst in Rente. Anschließend widmet er sich wieder ganz seiner Farm. Auch da dreht sich alles ums Öl. Er baut Raps an. Das meiste davon wird Biosprit. Davon geht viel nach Europa.

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