Kommentar Proteste in der Türkei

Originell, fröhlich, emanzipiert

Mit ihren Aktionsformen fordert die Gezi-Bewegung die Staatsmacht heraus, schafft schöne Bilder und zeigt, welchen gesellschaftlichen Wandel sie ausgelöst hat.

Brautpaar im Gezi-Park: Erinnert nur noch entfernt an eine traditionelle türkische Hochzeit. Bild: dpa

„Das ist erst der Anfang, der Widerstand geht weiter“, skandiert die türkische Protestbewegung seit der Gezi-Park Mitte Juni geräumt wurde. Und, ja, der Widerstand geht weiter, trotz der verstärkten Repression. Zwar derzeit mit weniger Teilnehmern, aber dafür in neuen Formen: der „stehende Mann“, der zwei Tage nach der Räumung auf dem Taksimplatz auftauchte; die „Parkforen“, die am selben Abend vom Istanbuler Stadtteil Beşiktaş ihren Ausgang nahmen; das kollektive Fastenbrechen auf der Einkaufsstraße Istikal zu Beginn des Ramadan. Am Samstag schließlich die Hochzeit von Nuray Çokol und Özgür Kaya, die sich während der Besetzung des Gezi-Parks kennengelernt hatten und aus ihrer Trauung eine ebenso fröhliche wie politische und nur ein klein wenig pathetische Feier machten. (Das kann man auch dann dem Hochzeitsvideo entnehmen, wenn man kein Wort Türkisch versteht.)

Mit dem Schmarren aber, der hierzulande als „kreativer Protest“ firmiert – so was wie: Attac protestiert vor dem Bundeskanzleramt mit einer aufblasbaren Insel gegen Steueroasen –, mit Darbietungen also, bei denen der organisatorische Aufwand meist so hoch ist wie die Schamgrenze niedrig, haben diese Aktionen in der Türkei nichts gemein. Sie fordern die Staatsmacht heraus, sie schaffen schöne, nie zuvor gesehene Bilder und sie drücken einen gesellschaftlichen Wandel aus, den die Gezi-Bewegung ausgelöst oder zumindest enorm beschleunigt hat.

So hält der „stehende Mann“ dem Fetisch der Massen, dem auch viele Kritker der Regierung anhängen, die Verantwortung und die Möglichkeiten des Individuums entgegen. Die „Parkforen“ sind der Versuch, in einem Land, in dem Politik, auch oppositionelle und außerparlamentarische, traditionell autoritär verfasst ist, einen partizipatorischen Diskurs zu organisieren. Das von einer Gruppe namens „Antikapitalistische Muslime“ veranstaltete öffentliche Fastenbrechen kündigt das Prinzip auf, dass wer fromm und sunnitisch ist, politisch rechts steht. Und die Hochzeit mit den Insignien des Widerstands verstößt gegen die auch unter Linken und Liberalen verbreitete Norm, Liebesbeziehungen, Ehe und Familie in mehr oder minder althergebrachter Weise zu regeln. Wenn das Brautpaar dann noch unter dem Jubel der Gäste verspricht, ein homosexuelles Kind zu akzeptieren, dann zeigt dies, wie sehr die Gezi-Bewegung die Gesellschaft bereits verändert hat.

Kein Wunder, dass genau dieser Moment der Trauung – neben dem Vorgehen der Polizei, die nach bewährter Art mit Reizgaz, Wasserwerfern und Plastikgeschossen zur Hochzeit gratulierte –, in der Türkei für die meiste Aufmerksamkeit gesorgt hat, nicht nur für wohlwollende, versteht sich. So twitterte Ismail Karaosmanoglu, der Vorsitzende der Jugendorganisation der Regierungspartei AKP: „Möge euer Geschlecht austrocknen inschallah.“

So widerlich derlei Reaktionen sind, haben sie etwas Gutes. Sie offenbaren, ebenso wie etwa die antisemitischen Tiraden des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan („Schuld ist Finanzlobby“) oder, expliziter, seines Stellvertreters Besir Atalay („Schuld ist die jüdische Diaspora“), mit welchen Leuten man es hier zu tun hat. Man muss nur ein bisschen kratzen, schon lugt unter dem Antlitz der wirtschaftsliberalen und „islamisch-konservativen“ AKP der Islamismus hervor.

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Im Sommer 2013 begann es als lokaler Protest gegen eine Städtebau-Projekt im Gezi-Park in Istanbul. Bis heute kommt es zu regelmäßigen Demonstrationen und Polizeigewalt dagegen.

Von Juli 2007 bis April 2015 bei der taz. Autor und Besonderer Redakteur für Aufgaben (Sonderprojekte, Seite Eins u.a.). Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik 2011. „Journalist des Jahres“ (Sonderpreis) 2014 mit „Hate Poetry“. Autor des Buches „Taksim ist überall“ (Edition Nautilus, 2014). Wechselte danach zur Tageszeitung Die Welt.

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