Die Nacht von Taksim

Feiern, Rennen, Bluten

Gewaltsam geht die Polizei gegen die Demonstranten vor. Ein Protokoll dessen, was unsere Autoren in der Nacht erlebt haben, als der Taksim-Platz geräumt wurde.

Die Augen brennen, die Sinne sind vernebelt: Die Nacht auf dem Taksim-Platz. Bild: ap

18.45 Uhr: Einkaufsstraße Istiklal. In den frühen Morgenstunden hatte die Polizei den Taksim-Platz gestürmt und auch den Gezi-Park immer wieder mit Pfeffergas geschossen. Für 19 Uhr hat das Protestbündnis „Taksim-Solidarität“ zu einer Kundgebung aufgerufen. Auf der Istiklal sind weniger Menschen als sonst unterwegs. Vereinzelt sieht man Leute in Atemschutzmasken, ein Hauch von brennendem Gummi liegt in der Luft. Es ertönen Sprechchöre, eine Gruppe ist unterwegs in Richtung des Platzes. Fast alle Passanten bleiben stehen und beklatschen die Demonstranten.

19.00 Uhr: Taksim-Platz. Vor einigen Stunden noch fest in der Hand der Polizei, strömen nun die Demonstranten auf den Platz.

19.20 Uhr: Eine Gruppe kommt mit Regenbogenfahnen und Trommeln, linke Gruppen skandieren Parolen, die Linkskemalisten posieren sich vor den Polizeieinheiten, die vor dem leerstehenden Atatürk-Kulturzentrum stehen, und singen die türkische Nationalhymne. 20.000 bis 30.000 Leute sind auf dem Platz. Auch der angrenzende Park ist voll.

19.50 Uhr: Auf der östlichen Seite des Gezi-Parks stimmen die Leute in die Parolen von Çarşı, den Ultras des Fußballclubs Beşiktaş ein: „Los, sprüh dein Gas / Los, sprüh dein Gas / Wirf den Knüppel weg / Zieh den Helm aus / Zeig, dass du dich traust.“ Die Stimmung ist fröhlich, die Polizei nur wenige Meter entfernt.

20.10 Uhr: Plötzlich, ohne jede Ankündigung oder Vorwarnung, schießt die Polizei Pfeffergasgranaten in die singende Menge. Schreie. Die Menschen rennen in den Park, stolpern über Zelte. Das Gas greift erst die Augen an, dann den Kopf. Orientierungslosigkeit. Husten, Keuchen. Hunderte fliehen durch eine enge Straße, ihre Sinne vernebelt. Hier hätte es Tote geben können. Die Polizei nimmt das in Kauf.

Nach den schwersten Auseinandersetzungen seit Beginn der Proteste in der Nacht zum Mittwoch hat die Polizei wieder Stellung am Rande des Taksim-Platzes bezogen. Sie werde bleiben, damit der Platz nicht erneut besetzt wird, kündigte der Gouverneur von Istanbul, Hüseyin Avni Mutlu, an. Am Morgen war der Platz menschenleer, dann belebte er sich. Überall liegen Teile von Barrikaden, die Demonstranten errichtet und Bulldozer niedergerissen hatten.

Seit Beginn der Proteste kamen nach offiziellen Angaben drei Menschen ums Leben. Der Ärzteverband spricht von fast 5000 Verletzten. Trotz der Eskalation der Gewalt plant der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ein Treffen mit einer Gruppe Demonstranten. Dabei soll es um die umstrittenen Pläne zur Umgestaltung des Gezi-Parks in Istanbul gehen. Diese waren der Auslöser für die Proteste.

Ergogan hatte die Demonstranten mehrfach als „Gesindel“ bezeichnet. Er sieht die Türkei als Opfer von Angriffen aus dem In- und Ausland. Internationalen Medien warf Erdogan vor, Unruhe schaffen zu wollen, um die Wirtschaft des einzigen muslimischen Nato-Mitglieds zu untergraben.

Deutsche Politiker kritisieren das Vorgehen von Erdogan. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) forderte Erdogan auf, im Geiste europäischer Werte zu deeskalieren und einen konstruktiven Austausch und friedlichen Dialog einzuleiten.

Einige Europa-Abgeordnete der CDU forderten einen Stopp der EU-Beitrittshandlungen mit der Türkei. „Neue Verhandlungskapitel dürfen nur im Einklang mit Fortschritten bei Menschenrechten eröffnet werden“, mahnten sie. Auch die USA, die die Türkei unter Erdogan bislang als Musterbeispiel für eine islamische Demokratie bezeichnet hatten, äußerten sich besorgt über die Lage in dem Nato-Staat. (ap/rtr)

20.40 Uhr: Gezi-Park. Leute, denen Mund, Nasen und Augen brennen, werden mit Mich und Talcid-Lösungen Menschen versorgt. Unter den Helfern sind auffällig viele junge, wirklich junge Frauen. Die meisten von ihnen hatten vor vier Wochen wohl nicht gewusst, was dieses Pfeffergas überhaupt ist. Jetzt geben sie Tipps: „Augen kurz schließen, dann blinzeln, ist in zwei Minuten vorbei.“

20.50 Uhr: Die Fliegenden Händler sind noch im Park. „Letzte Nacht haben sie uns in unserem Viertel Talimhane angegriffen, erst mit Pfeffergas, dann mit Knüppeln“, erzählt der Teeverkäufer mit kurdischem Akzent.

20.55 Uhr: Zwei junge Männer in Businessanzügen, Krawatten und Atemschutzmasken laufen vorbei. „Wir kommen aus Levent, direkt von der Arbeit. Wir hatten keine Zeit, uns umzuziehen.“ Levent ist das Istanbuler Bankenviertel.

21.00 Uhr: Ein Pärchen, sie Architektin, er ebenfalls Banker. Er wohnt in Beşiktaş, wo es am Anfang der Proteste zu heftigen Straßenschlachten gekommen war. Ist dort wieder was los? „Nein, sonst wäre ich dort. Beim Angriff der Polizei habe ich mit den Çarşı-Leuten Beşiktaş verteidigt, bis ich morgens zur Arbeit musste. Die Çarşı-Leute und die militanten Linken wissen, wie wir uns verteidigen können“ − sagt ein Mann, der bei einer internationalen Großbank arbeitet.

21.10 Uhr: Am westlichen Rand des Parks geht es steil runter. Unten auf der Cumhuriyet-Straße brennen Barrikaden – es sind die Bilder, die in dieser Nacht um die Welt gehen werden. Einige tausend Leute sind unten, andere stehen oben, skandieren Parolen.

21.15 Uhr: Ein Mann telefoniert. „Das waren die von meiner Arbeit. Die wollen, dass ich morgen zurückkomme. Aber das mache ich nicht, ich hab mir Urlaub genommen. Alle meine Freunde sind hier.“ Er wohnt in Maltepe, einem Armenviertel auf der anatolischen Seite der Stadt, in dem viele Aleviten leben. „Ich bin an dieses Gas gewohnt, ich bin Beşiktaş-Fan“, sagt er.

21.25 Uhr: Ein Fliegender Händler hat Masken. Drei Lira (etwa 1,20 Euro) kosten die. Gestern waren es noch zwei. Man sieht ihm an, dass er kurz zuvor selber jede Menge Gas schlucken musste. Während der Händler erzählt, woher er diese Masken hat (Baumarkt), mischt sich jemand anderes ein: „Das sind Staubmasken, keine Gasmasken.“ Er ist Metallarbeiter in Gebze, einer Industrievorstadt von Istanbul. „Ich weiß vom 1. Mai, dass diese Masken nicht taugen“, sagt er.

21.40 Uhr: Wieder in der Mitte des Parks. Einige Leute singen „Pfeffergas olé, Pfeffergas olé!“ Als die Polizei das Zeug schoss, war die Reaktion zwar längst nicht so cool. Aber es macht Mut.

Auch an der Barrikade: Immer schön an die Fahne denken. Bild: reuters

22.00 Uhr: Alle Luxushotels der Umgebung haben den Demonstranten ihre Türen geöffnet. Handys aufladen. Essen.

22.05 Uhr: Der Konferenzraum eines dieser Hotels dient als Lazarett. Verwundete werden versorgt, Helfer geben telefonisch durch, welche Medikamente sie benötigen. Wer nicht verletzt ist oder medizinische Hilfe leistet, soll wieder hoch.

22.10 Uhr: Bizarres Bild: Das Restaurant eines Luxushotels voller Demonstranten, deren Taucherbrillen, Atemschutzmaske und Helme auf den Tischen legen.

22.40 Uhr: Vor dem Hotel: Auf der linken Seite haben Menschen ein Spalier gebildet, durch das Helfer Verletzte ins Hotellazarett tragen. Es müssen einige hundert sein, die von hier bis zu den Barrikaden am Taksim-Platz in Zweierreihen stehen. Rechts ist eine weitere Menschenkette, über die Decken und Medikamente von Hand zu Hand weitergereicht werden.

23.00 Uhr: Eine Kollegin von einer ausländischen Zeitung hat sich in einem anderen Hotel in der Nähe einquartiert. Blick in den Fernseher: Den kleinen linken Sender „Halk TV“ hat das Hotel nicht im Programm, die übrigen türkischen Sender zeigen irgendwelche Pinguin-Dokumentationen oder absurde Talkshows, in denen irgendwelche Leute das Vorgehen von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan verteidigen. CNN International und BBC, filmen von Balkonen aus die heftige Schlacht auf der Cumhuriyet-Straße und senden live.

23.40 Uhr: Zurück im Park. Hier sind immer noch etwa 10.000 Leute. Explosionen, Lärmgranaten. Schießen sie schon mit Gummigeschossen?

0.00 Uhr: Die meisten Zelte stehen noch, aber das fröhliche Chaos, das hier noch am Vortag herrschte, ist einem schrecklichen Chaos gewichen. Bei allem Trotz merkt man den Menschen an, wie traurig sie sind. Einige weinen.

0.30 Uhr: Mitteilung von der Bühne: „Freunde, wer Helme, Handschuhe und ordentliche Masken hat, soll bitte die Freunde an den Barrikaden unterstützen. Wir brauchen Leute, die die Gaskartuschen zurückwerfen und Verletzte abtransportieren.“ Einige Leute gehen zur Bühne, ein Mittdreißiger erteilt genaue Anweisungen. „Ich habe als Unteroffizier gedient“, sagt er.

1.00 Uhr: Vor der östlichen Flanke des Parks liegen zwei ausgebrannte Busse auf der Straße. Die Polizei formiert sich davor. Offensichtlich sollen diese Barrikaden geräumt werden. „Wenn sie die Busse haben, haben sie den Park“, sagen Leute, die davor stehen. Tatsächlich ist der Zugang zum Park fast ebenerdig, von keiner Seite könnte man den Park so leicht stürmen wie von dieser.

Ein Bild von voriger Woche: Die Barrikaden stehen noch und können besichtigt werden. Bild: reuters

1.20 Uhr: Erste Gaskartuschen fliegen in die Menge, die sich hier gesammelt hat. Ein paar schnelle Schritte zurück, irgendwer wirft die Kartusche zurück oder ertränkt sie in einem Wasserkanister. Dann wieder ein paar Schritte vor. So geht es hier eine ganze Weile. Vereinzelt fliegen Steine in Richtung Polizei, ein mehrstimmiger Chor ruft die Steinewerfer dazu auf, das zu unterlassen.

1.30 Uhr: Gas.

1.35 Uhr: Gas.

1.45 Uhr: Gas.

2.00 Uhr: Zwei Jungs um die 20 unterhalten sich über die Armeegasmaske, die jemand neben ihnen trägt: „Hält die gut?“ − „Sehr gut. Die kostet aber 150 Lira (60 Euro).“ − „Wenn ich 150 Lira für eine Maske hätte, wäre ich nicht hier.“ Sie selbst tragen nur Staubmasken.

2.10 Uhr: Die Polizei hat die Busse beiseite geräumt und ist vorgerückt. Die Gefahr: Am Ende dieser Straße warten Ambulanzwagen direkt am Lazarett der Parkbesetzer, um Schwerverletzte abzutransportieren. Gerade als jemand auf einer Bahre in den Krankenwagen gebracht wird, fliegen Gaskartuschen auf sie zu. Die Polizisten stehen so nahe, sie können unmöglich übersehen, dass dies ein Krankenwagen ist. Wer hier schießt, tut dies in voller Absicht.

„Pfeffergas olé!“ auf der Cumhuriyet-Straße neben dem Gezi-Park. Bild: reuters

2.30 Uhr: Der Versuch, eine Gaskartusche zu ertränken, endet mit einer mittleren Verbrennung am Finger. Handschuhe hätten geholfen.

2.40 Uhr: Jetzt ist auch die letzte Barrikade weg. Die Polizei hat freien Zugang zum Park. Ein Teil der Leute flieht in den Park, ein anderer in die Lobby eines nahen Hotels.

2.45 Uhr: Dort sind vielleicht hundert Leute. Aus dem Fenster ist zu sehen, wie die Polizei Unmengen von Tränengas in den Park schießt. Und ins Lazarett. Aus dem Park fliegen einzelne Kartuschen zurück. Ein Polizist beugt sich und schleudert eine zurückgeworfene Kartusche wieder in den Park.

3.00 Uhr: Der Direktor spricht: „Liebe Freunde, herzlich willkommen. Niemand wird sich trauen, unser Hotel anzugreifen. Wir nehmen euch gern auf. Aber bitte bleibt ruhig und tragt die Auseinandersetzung nicht in unser Hotel.“

3.00 Uhr: Fernsehen. Auf „Habertürk“ erklärt der Gouverneur von Istanbul die Polizeioperation: „Am Atatürk-Kulturzentrum und dem Denkmal der Republik hatten marginale Gruppen Transparente und Fahnen angebracht. Die Einsatzkräfte haben interveniert, um diese hässlichen Bilder zu beseitigen.“ CNN sendet Bilder von einer Handkamera. Offenbar hat sich die Straßenschlacht in benachbarte Viertel ausgeweitet.

4.15 Uhr: Von draußen sind immer noch Parolen und der Lärm von Räumfahrzeuge zu hören. Über dem Bosporus geht die Sonne auf.

7.00 Uhr: Es ist hell. Kurzer Rundgang. In der Lobby schlafen knapp 20 Leute, die vom Hotel Decken bekommen haben. Draußen hat sich die Polizei zurückgezogen. Im Park sind Menschen. Und selbst auf der eben noch freigeräumten Straße ist aus Geröll und Schutt eine neue Barrikade errichtet.

 

Im Sommer 2013 begann es als lokaler Protest gegen eine Städtebau-Projekt im Gezi-Park in Istanbul. Bis heute kommt es zu regelmäßigen Demonstrationen und Polizeigewalt dagegen.

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