ISLAM

Zwei für das Kopftuch

Erstmals sitzen im wichtigsten muslimischen Dachverband Schura Bremen zwei junge Studentinnen. Sie kämpfen dafür, dass ihre Kopfbedeckung kein Thema mehr ist.

An deutschen Schulen verboten, bei Olympia aber erlaubt: Das Kopftuch. Bild: DPA

„Worüber wollen wir reden? Übers’s Kopftuch?“ „Oder die Rolle der Frau!“ „Oder Salafisten!“ Esra Cakmakli und Tina Slawinski-Hussain lachen, während sie sich zu Beginn des Gesprächs mit der taz diese möglichen Themen zuwerfen. Aber eigentlich, das ist ihnen anzumerken, finden sie es überhaupt nicht lustig, als gläubige Musliminnen immer zu denselben Themen Auskunft geben müssen. Warum sie ein Kopftuch tragen. Wie das damit zusammen passt, dass sie sich als emanzipierte Frauen empfinden. Ob ihre Geschwister auch so gläubig sind wie sie selbst. „Wie misst man das eigentlich?“, fragt Esra Cakmakli, mit 25 zwei Jahre älter als ihre Freundin. Sie ist die Nachdenklichere der beiden, sucht länger nach Antworten oder hat auch mal einfach keine. An der Bremer Uni haben sie sich kennengelernt, gründeten dort mit anderen den islamischen Hochschulbund. Unter anderem, um einen Gebetsraum zu schaffen. Zum vergangenen Wintersemester wurde er eröffnet.

Jetzt wollen sie mehr erreichen. Was genau das ist, beschreibt Esra Cakmakli in einer E-Mail: „Meine Arbeit ist dann getan, wenn die Muslime als vielfältige Individuen wahrgenommen werden. Wir sind in erster Linie Bremer, vielleicht Eltern oder Bäcker, wir können singen, klettern oder haben furchtbare Angst vor dem Zahnarzt.“

Um diesem Ziel näher zu kommen, haben sich die beiden Studentinnen vor zwei Monaten als einzige Frauen in den zehnköpfigen Vorstand der Schura Bremen wählen lassen. Die ist ein vor sieben Jahren gegründeter Dachverband für derzeit 22 muslimische Vereine. Ohne sie gäbe es den Staatsvertrag mit dem Land Bremen nicht, der die Gleichstellung des Islam etwas näher gerückt hat. Diese Organisation, die in Bremen das Gesicht des Islams entscheidend prägt, haben sich die Frauen ausgesucht. Und sind damit in dieser Kombination auch für die Schura etwas Neues: Akademisch, weiblich, jung.

Jetzt müssen sie sich auf mehr öffentliches Interesse einstellen, auf mehr Fragen, auf Wünsche nach Fotos. Ein Foto will Esra Cakmakli nicht, weil sie im Internet-Zeitalter die Kontrolle über ihr Bild behalten will. Die Fragen beantworten sie: Offen und direkt.

Also: Tina Slawinski-Hussain ist nicht wegen ihres Mannes, mit dem sie eine sieben Monate alte Tochter hat, konvertiert. Das stellt sie ungefragt gleich zu Beginn klar. „Den kenne ich schon seit der achten Klasse.“ Damals war sie noch katholisch, ihre Familie stammt aus Polen. Sie beschäftigte sich intensiv mit ihrem Glauben, lernte während des Abiturs Alt-Hebräisch, die Sprache, in der das alte Testament geschrieben ist. Und sie beschäftigte sich mit den Wurzeln von Christentum und Islam. Dessen Gerechtigkeitsgedanke, sagt sie, faszinierte sie.

Das Kopftuch trägt sie seit dem 13. Juni 2011. Sie erinnert das Datum. Es war für sie, die 2007 den Glauben annahm, ein bedeutender Tag. „Ich fühlte mich damit vollständig.“ Sie will gerne in Bremen bleiben, aber sie wird hier ihre Fächer Deutsch und Politik nur unterrichten dürfen, wenn sie das Tuch ablegt.

Esra Cakmakli, die sich immer schon als Muslima gefühlt hat, aber erst seit neun Monaten ein Kopftuch trägt, wird es leichter haben. Sie hatte während ihres Germanistik- und Kunstpädagogik-Studiums gemerkt, dass die Schule sie zu sehr einengen würde. Jetzt macht sie ihren Master in transkulturellen Studien.

Sie hat ein Jahr in Istanbul studiert und wohnt bei ihren Eltern. Warum? „Wenn ich ins Ausland gehen würde, würden meine Eltern sagen, ’ja, mach das, wir unterstützen dich‘. Aber wenn ich sagen würde, ich möchte in Bremen woanders leben, wären sie sehr verletzt. Das will ich nicht.“ Wenn sie etwas fürchtet, das macht sie auch an anderer Stelle deutlich, dann ist es ungezügelter Egoismus. Der mache viel kaputt, sagt sie. Was zum Beispiel? „Die Umwelt!“

Ihre Aufgabe in der Schura sieht sie jetzt darin, Familienbildungsarbeit zu fördern. „Wenn wir die Familien verlieren, verlieren wir die Gesellschaft.“ Und was ist mit dem Kopftuchverbot, das immer noch im Bremer Schulgesetz steht? „Ich will, dass Vielfalt akzeptiert wird.“ Esra Cakmakli möchte wegen des Tuchs nicht mehr schief angeguckt werden, von Verkäuferinnen im Laden, auf der Straße. Oder in der Moschee. Einmal, erzählt sie auf die Frage nach Kopftuch-Diskussionen unter Muslimen, habe sie eine Frau beim Gebet angesprochen: „Schwester, dein Gesicht ist gar nicht bedeckt!“ Esra Cakmakli trägt ihr Kopftuch gern lässig wie einen Turban gebunden. Dazu eine Häkelblume auf dem Blümchenkleid.

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