Männerbild der Bundeswehr

Das letzte Refugium des Mannes?

Fronteinsatz und Elternzeit: Die Bundeswehr muss wegen des sich verändernden Geschlechterverhältnisses in der Gesellschaft ihr Männerbild neu konstruieren.von PHILIPP GESSLER

Braucht eine männliche und eine weibliche Seite: Der Soldat.  Bild:  dpa

Was ist Krieg? Der Hauptmann der Luftlandetruppe müht sich ab, das zu erklären. In Afghanistan, wo er schon eingesetzt war, könne man erleben, wie ein Maschinengewehr in 150 Metern Entfernung "einen Menschen zweiteilt". Und das, sagt er, sei "keine erfundene Geschichte". Vor allem bei den Fallschirmjägern, Pionieren und Sanitätern der Luftlandebrigade 26 in Kundus, sagt der Hauptmann, der anonym bleiben will, habe er dies erlebt: "Ernste junge Männer, die sich ihrer gegenseitigen Verantwortung bewusst sind." Der gebildete Soldat sagt, dort laufe das so: "Aktion, Reaktion - nach Rommel: ,Infanterie greift an!'" Und, fügt er hinzu: "Politisch nicht korrekt: Deutschland hat wieder Frontoffiziere, Frontsoldaten."

Eigentlich war die Frage, ob in der Bundeswehr ein neuer Männertypus zu finden sei, ein Soldat, fern des Haudegen-, Macho- und Kämpfermythos', der zumindest noch die Wehrmacht prägte. Der Offizier kann mit der Frage wenig anfangen. Es gebe in Kundus vor allem zwei Soldaten-Typen, sagt er: die Soldaten, die in der sicheren Kaserne blieben - und die, die ins unsichere Umfeld gingen, also "die Drinbleiber und die Rausfahrer". Und das, will er wohl sagen, habe weniger mit dem Geschlecht zu tun. Es brauche eben viele unterschiedliche Charaktere und Selbstbilder: Die Soldaten, die "eher die weiche Seite" übten, etwa im Kontakt mit der Zivilbevölkerung - und die, die sagten: "Wir sind die Kämpfer und Krieger."

Der deutsche Soldat ist wieder da - zumindest am Hindukusch, wo er tötet und getötet wird. Aber wie sieht der aus, dieser neue, alte Soldat? Entspricht er dem traditionellen Männer- und Soldatentypus, gestählt in Stahlgewittern? Oder ist es eher der Staatsbürger in Uniform, der Jungens das Haar strubbelt, Schulen für Mädchen mauert, Brücken baut und Brunnen bohrt, wie das Verteidigungsministerium den Einsatz im Norden Afghanistan gerne zeichnet?

"Das Militär bestimmt wie kaum ein anderer Lebensbereich die Konstruktion von Männlichkeit und ist selbst in hohem Maße von Männlichkeit durchdrungen", so schrieben Maja Apelt und Cordula Dittmer 2007 in ihrem Aufsatz "'Under pressure' - Militärische Männlichkeiten im Zeichen Neuer Kriege und veränderter Geschlechterverhältnisse". Demnach war der Bundeswehr stets eigen: "Aufgrund der spezifischen deutschen Vergangenheit entwickelte die Bundeswehr ein ambivalentes Verhältnis zu militärischer Männlichkeit." Zum einen stellte sie weniger den männlichen Kämpfer als vielmehr die Technikbegeisterung, den Sport- und Teamgeist in den Vordergrund. Zum anderen betonte sie die preußischen Militärtraditionen "und suchte das Militär als Männerbund festzuschreiben". Ein Mittel: Der Rekrut müsse in der Kaserne durch penibelste Sauberkeits-, Ordnungs- und Kleidungsvorschriften erst einmal einer (Haus-)Frauen-Rolle genügen: "Zunächst werden die Individuen in ihrem Selbst verunsichert, verweiblicht und entindividualisiert. Die Männlichkeit erwächst dann aus der aktiven Überwindung dieser Position."

Der Wandel des Krieges aber und die Auslandseinsätze zwingt die Bundeswehr seit den 1990er Jahren "zunehmend in einem schwierigen Spagat", so die Forscherinnen: "Einerseits erfordern Peacekeeping und Peacebuilding den weiteren Abschied vom heroischen Kämpfer; der Soldat soll politische, soziale, diplomatische, interkulturelle und ökonomische Kompetenzen erwerben." Andererseits werden diese Peacekeeping-Einsätze gefahrvoller: "Die Truppen erhalten immer häufiger ein ,robustes Mandat', d.h. der Einsatz von Waffen zur Erzwingung, Wahrung oder Wiederherstellung des Friedens ist erlaubt, die Grenzen zwischen Friedens- und Kampfeinsätze schwindet."

Auch im Bund, heißt es, werde offen erörtert, "wie männlich die Streitkräfte sein dürfen oder sein müssen: Männlichkeit sei dabei einerseits funktional im Sinne einer (friedenssichernden) Demonstration von Macht und der Fähigkeit zum Schutz der Zivilbevölkerung, zugleich aber führe sie zu Macho-Gehabe, erhöhe die Gefahr des Machtmissbrauchs und sexueller Übergriffe". Die Folge: "Männlichkeit könne einerseits eine Ressource sein, um die psychischen Belastungen des Umgang mit Verwundungen und Sterben besser aushalten zu können, sie würde andererseits aber verhindern, dass sich Soldaten ihren einsatzbedingten Traumata stellen."

Dem stimmt Constanze Stelzenmüller, Chefin der Organisation "Women in International Security Deutschland", im wesentlichen zu: "Soldaten müssen heute im klassischen Sinne kämpfen können", erläutert sie. "Gleichzeitig werden von ihnen aber auch traditionell ,weibliche' Fähigkeiten verlangt: sie müssen einen Konflikt auch verhindern oder entschärfen können, verängstigte Flüchtlinge beruhigen und mit Dorfältesten verhandeln können. Und: der Soldat muss blitzschnell zwischen beiden Rollen wechseln können."

Stelzenmüller zufolge hat die Gesellschaft der Bundeswehr einen neuen deutschen Soldatentypus aufgedrängt: "Das sich verändernde Geschlechterverhältnis in der Gesellschaft hat natürlich auch vor der Bundeswehr nicht haltgemacht. Vor ein paar Jahren soll ein junger Offizier den Generalstabslehrgang an der Führungsakademie - ein Elitelehrgang also - angetreten haben mit der Mitteilung, er trete jetzt erst einmal eine Elternzeit an, weil er gerade Vater geworden sei. Sein überraschter Vorgesetzter meinte, dass man das prüfen müsse. Der junge Offizier hat angeblich trocken geantwortet, da müsse nichts geprüft werden, er habe ein Recht darauf." Vor allem die modernen Lebensumstände hätten viel verändert: "Die Aufgabenverteilung in der Familie ist ,normaler', weil viele Soldatenfrauen heute arbeiten. Höchstens ältere Ausbilder wundern sich noch, wenn sich junge Offiziere in der Kasernenkantine darüber unterhalten, wie man am besten einen schreienden Säugling beruhigt."

Anteil an dieser Veränderung hat auch die Aufnahme von Frauen in die Bundeswehr seit rund 10 Jahren: "Heute dürfen in fast allen westlichen Streitkräften Frauen Soldaten sein. Mit Feminismus hat das nichts zu tun - sondern eher mit kühlem Pragmatismus in der Not. Die Anforderungen an Soldaten sind heute höher und komplizierter; gleichzeitig melden sich weniger Männer freiwillig, wegen der höheren Gefährlichkeit der Einsätze. Den Militärdienst für Frauen öffnen hieß: da waren plötzlich viele neue, gut qualifizierte Interessenten", meint Stelzenmüller.

Westliche Armeen haben mittlerweile lange und, militärisch gesehen, positive Erfahrungen mit Frauen auch im Kampfeinsatz gemacht. Das ficht manche nicht an. "Wo gekämpft wird, sind keine Frauen", schreibt etwa der konservative Medientheoretiker Norbert Bolz martialisch. Gerade für manche Zivilisten erscheint der Krieg derzeit als letztes Refugium echter Männer: "Krieg war immer der Ernstfall der Männlichkeit, die Möglichkeit ihrer vollständigen Entfaltung", schwärmt Bolz. Auch Deutschland muss sich an Soldaten gewöhnen, die traumatisiert heimkehren. Dennoch meint Bolz: "Im Krieg ist die Welt der Männer noch in Ordnung." Nein, wie kommt dieser Professor aus dem friedlichen Berlin dazu?

Militärdekan John Carsten Krumm von der Evangelischen Militärseelsorge war 2006/7 in Kundus. Hilfreich für den Einsatz sei, psychisch gesehen, "eine gewisse Weichheit". Denn es helfe dem Soldaten, wenn er sich "gefühlsmäßig öffnen kann". Wer sich das bewahre trotz des oft abstumpfenden oder ernüchternden Dienstes, habe bessere Chancen am Ende ein "besserer Führer" zu sein. Zugleich habe sich unter den Soldaten in letzter Zeit auch eine Kultur entwickelt, über Ängste und Sorgen zu reden.

Stelzenmüller sagt das so: "Nach zehn Jahren auf dem Balkan und am Hindukusch gelten Posttraumatische Belastungsstörungen in der Bundeswehr nicht mehr als ,unmännlich'. Auch das ist eine gewaltige kulturelle Veränderung." Sie warnt jedoch: Das Ideal des "Staatsbürgers in Uniform", dieser radikale Gegenentwurf zum männlich-harten Kommiskopp des Weltkriegs, könnte in der neuen Realität der Bundeswehr nach und nach entschwinden: "Im Grunde verlangt die Bundeswehr heute nach einem Soldaten, der Diplomat, Manager, Therapeut und Kämpfer ist. Er soll die Fähigkeit zu Empathie haben, moralisch denken, das Völkerrecht stets präsent haben und im Ernstfall auch töten können. Aber das Leitbild des ,Staatsbürgers in Uniform' ist im Einsatz durchaus gefährdet. Insofern ist die Bilanz dieser Entwicklung nicht nur positiv."

Ähnlich argumentiert Philipp Christoph Langer, Wissenschaftlicher Angestellter des Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr: Die Bundeswehr sei zwar "nicht mehr wie in den 1960er Jahren eine homosoziale, mann-männliche Gemeinschaft". Aber: "In Kampfsituationen kann es zugleich zu einer Reaktivierung einer alten Sozialfigur, der des ,warriors' kommen. Dann kann es sein, dass sich Soldaten wieder mit einem ungebrochenen Männlichkeitsbild identifizieren, um mit der Situationen zurecht zu kommen." Insgesamt aber ist der Bund im Heute gelandet: "Es gibt Soldaten", sagt Langer, "die wurden auch durch die feministische Bewegung geprägt, weil diese Bewegung die ganze Gesellschaft beeinflusste und dadurch auch die Bundeswehr darauf reagieren musste, weil sie ja ein männlich konnotierter Raum ist."

Der Hauptmann der Luftlandetruppe erzählt eine Geschichte aus Afghanistan. Im Herbst 2009 rückten Infanteristen mit einer Sanitäterin aus dem Lager in Kundus aus. Der Trupp bekam "etwas auf die Mütze", so berichtet er, die Sanitäterin wurde schwer verwundet. Solche Situationen fürchten manche Militärstrategen. Ihre Angst: Die Soldaten könnten wegen der Verwundung eines Kameraden und dann noch einer Frau in Panik geraten. Die Männer aber blieben cool, die Verwundete konnte schnell versorgt werden, überlebte. Langsam scheint die Bundeswehr zu lernen: den Umgang mit den neuen Gefahren, mit dem anderen Geschlecht - und mit den ganz anderen Gefühlen.

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