Ausstellung zu Müll im Meer

Erregt Euch!

Die Ausstellung "Endstation Meer?" zeigt in Hamburg, wie Plastik die Meere vermüllt. Sie zielt auf eine Verhaltensänderung.

Verhungert mit vollem Magen: Eissturmvogel, der Plastik fraß. Bild: Chris Jordan

HAMBURG taz | Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe befindet sich in einem Gebäude, das gut einer Adelsfamilie gehören könnte. Außen prunkt eine Neorenaissance-Fassade, innen gibt es opulente Treppenhäuser und hohe Decken. Viele der Räume wurden gerade erst saniert, die Schilder, Türen und Heizungen sehen nagelneu aus. Das Museum wird allen erdenklichen repräsentativen Bedürfnissen gerecht.

Nur im ersten Obergeschoss gibt es derzeit einen Raum, der sich nicht für den Neujahrsempfang der Handelskammer eignen würde. In diesem Raum liegen fünf Tonnen Plastikmüll: Plastikflaschen, Kanister, Fischernetze, Flipflops, alles Schwemmgut aus verschiedenen Meeren der Welt, säuberlich aufeinandergetürmt.

Der Müllberg gehört zur Ausstellung „Endstation Meer?“, die sich mit der Verschmutzung der Meere durch Plastikmüll beschäftigt. Im Museum für Kunst und Gewerbe liegt er zwischen einem Raum mit vielen Schautafeln und einem, der viele Texte und Plastik-Exponate zeigt. Der Müllberg ist dazu da, der Ausstellung eine sinnliche Komponente zu geben. Allein: Er stinkt nicht. Der Müllhaufen dient als rein optisches Ereignis einem wohl dosierten Schauder.

Das Problem, für das der Müllberg steht, ist nicht neu, hat aber wie viele Umweltprobleme an Bedrohlichkeit gewonnen: Bereits im Jahr 2004 berichtete die Zeitschrift Geo von einem Müllteppich im Pazifik zwischen Kalifornien und Hawaii, der die Größe von Mitteleuropa erreicht habe. Die Macher der Hamburger Ausstellung sprechen nicht mehr von einem Teppich aus Müll, sondern von einer Insel. Der Müll nämlich sammelt sich in den stillen Zonen jener Wasserwirbel, die durch die Meeresströmungen entstehen. Allerdings schwimmt nur ein kleiner Teil des Mülls oben – der weitaus größere Teil geht unter.

Plastik im Magen

Lernen kann man das im Ausstellungsbereich „Plastik im Meer“, in dem viele alarmierende Zahlen präsentiert werden: 1,5 Millionen Tonnen Plastik wurden 1950 produziert, heute sind es über 250 Millionen Tonnen. Etwa 6 Millionen Tonnen davon landen jedes Jahr in den Meeren. 95 Prozent der verendeten Eissturmvögel haben Plastik in ihren Mägen. Sie können das Plastik nicht mehr ausscheiden und verhungern, weil neben dem Plastik kein Platz mehr ist für Nahrung. Eine Ausstellungswand zeigt Fotos von halb verwesten Eissturmvögeln, bei denen da, wo mal der Magen war, Plastikmüll ist.

Nebenan im Ausstellungsbereich „Plastik im Alltag“ werden die verschiedenen Kunststoffe vorgestellt. Auch hier viele Zahlen: Etwa ein Drittel des weltweit produzierten Plastiks wird für Verpackungen eingesetzt. Ein Europäer verwendet pro Jahr circa 500 Plastiktüten. Die häufigsten Schwemmgut-Objekte sind Plastikflaschen. Textilien aus Fleece verlieren beim Waschen bis zu 1.900 Kunststofffasern, die als Mikroplastikpartikel in die Meere gespült werden, dort in die Nahrungskette gelangen und schließlich wieder auf unseren Tellern landen.

Weil das alles schwer verdaulich und rein faktenorientiert ist, gibt es als Ergänzungen zu den Texten, Schautafeln und Filmbeiträgen das eine oder andere Kunstwerk in der Ausstellung. Dazu gehören die fotografischen Großaufnahmen von Mikroplastikstücken, mit denen die kalifornischen Künstler Richard und Judith Lang zeigen wollen, wie schön diese sind – und wie schwer es ist, sie von Sandkörnern zu unterscheiden. Dazu gehört auch der wandfüllende Comic von Alexandra Klobouk, in dem Holland klimatisch bedingt absäuft und ein Wissenschaftler ein neues Holland schafft, indem er aus dem Plastikmüll im Meer eine bewohnbare Insel baut.

Seltener Optimismus

Mit seinem verspielten Optimismus ist der Comic eine Ausnahmeerscheinung in der Ausstellung, die das erklärte Ziel hat, das Konsumverhalten ihrer Besucher zu ändern. „Endstation Meer?“ solle die Menschen aufrütteln und emotional ansprechen, sagt Kuratorin Angeli Sachs vom Museum für Gestaltung Zürich. Dort wurde die Wanderausstellung konzipiert und erstmals gezeigt. Hamburg ist nun die zweite Station, viele weitere Stationen sollen folgen.

Mit ihrem appellativen und emotionalen Ansatz wirkt die Ausstellung wie ein Relikt der 1980er: Beim Betrachter entsteht ein Gefühl des Schocks und der Betroffenheit, der Wunsch, dem Übel sofort und entschlossen entgegenzutreten. Erreicht wird die emotionale Anteilnahme weniger durch das Mittel der Kunst als durch die Lebensnähe der Exponate – schließlich ist Plastik von der Zahnbürste bis zur Schokoriegelverpackung allgegenwärtiger Bestandteil unseres Alltags.

Blöd nur, dass eine simple Verzichtslogik nicht immer die Lösung ist. Die von den Herstellern viel zitierte Idee der Ökobilanz eines Produktes ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Ferner gibt es die auch nicht ganz schlechte Idee des Recyclings. Beides, die Ökobilanz und das Recycling, werden in der Ausstellung berücksichtigt. Aber eher am Rande – es geht hier schließlich ums Aufrütteln.

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