Meine kleine Gründerzeit

VON BARBARA WREDE

Kunst ist eine Wertanlage. Eine wachsende sogar. Insofern bin ich eine gute Anschaffung. Leider hat das bislang kaum jemand bemerkt. Jedenfalls hat noch keiner nennenswerte Beträge für eine echte Wrede ausgegeben. Zeit, etwas zu ändern. Ich gründe also eine „Ich-AG“.

In meinem Kurs sitzen Leute wie ich, die vom Angestelltendasein oder von der Arbeitslosigkeit so genervt sind, dass sie es nicht mehr aushalten. Sie wollen sich selbstständig machen. Das Existenzgründertraining beginnt mit einem Kennenlernspiel: Jeder der zwanzig Seminarteilnehmer bekommt ein Namensschild und schreibt seine Gründungsidee auf einen Zettel. Die Zettel und eine Nummer für jeden werden an die Tafel gehängt. Es gibt drei verschiedene Ausgangspositionen der Gründung: Überbrückungsgeld einmal mit und einmal ohne Kreditaufnahme sowie die Ich-AG.

In der ersten Woche behandeln wir Marketingstrategien und lernen einiges über Russlandgeschäfte, das Steckenpferd der Dozentin. Russische Chefs gelten als streng und nehmen Frauen nicht ernst. „Kennen Sie die Verbrauchs- und Bedarfsgewohnheiten Ihrer Kunden?“ – „Hm, eigentlich nicht. Mein Produkt ist nicht zu gebrauchen.“ – „Wie viel geben die Kunden durchschnittlich bei Ihnen aus?“ – „Meistens nichts.“ – „Können Sie Ihre Beobachtungen durch konkrete Umsatzerwartungen untermauern?“

Langsam bekomme ich Angst vor meiner Courage. Vielleicht hätte ich meinen letzten Job doch nicht kündigen sollen. Wenn ich Pech habe, sperrt mir das Arbeitsamt sogar das Arbeitslosengeld. Unsere Dozentin zeichnet einen Branchen- und Produktzyklus an die Tafel. An der vertikalen Achse steht Umsatz/Gewinn und horizontal die Phasenzeit. Vor der Kreuzung der Achsen liegt die pränatale Phase. Die Phasenachse ist in die Begriffe Einführung – Wachstum – Reife – Niedergang unterteilt. Die Dozentin malt einen Stern über das Wort Wachstum. Dann bittet sie mich nach vorne. „Frau Wrede, Sie sind doch Künstlerin, malen Sie mir mal hier“, sie zeigt auf ‚Reife‘, „eine Cashcow hin.“ „Wie? Ich kann das nicht!“, stammle ich entsetzt. „Sie sind doch Künstlerin!“ Ich werde rot und zeichne eine kruckelige Kuh an die Tafel, etwas höher als den Stern. Über das Wort Niedergang zeichne ich einen armen Hund. Ich bin immer noch rot, fühle mich ertappt, weil ich nicht so toll gezeichnet habe und alle denken könnten: Die ist ja gar keine Künstlerin. Wenn die Kühe sich in Hunde verwandeln, muss man sie vom Markt nehmen. Nicht aber bevor man sich einen neuen Stern ausgedacht hat, lerne ich. Das ist logisch. Ich schreibe alles mit und muss gestehen, dass mir der Unterricht Spaß macht.

Die beiden Typen neben mir fangen an zu lästern und wollen, dass ich für sie mitschreibe, damit sie in Ruhe Zeitung lesen können. „Gibt es belegbare Hinweise auf gute Zukunftsaussichten in Ihrer Branche?“ – „Puh! So optimistisch traue ich mich gar nicht zu denken. Eher im Gegenteil.“ – „Du könntest Autos bemalen, das wäre eine tolle Werbung für dich!“ – „Ich will keine Autos bemalen.“ – „Oder deine Bilder bei eBay versteigern.“ – „Nein.“ – „Ich habe den Eindruck, Sie wollen gar keinen Erfolg haben.“ Peng! Jetzt geht’s ans Eingemachte. Will ich gar keinen Erfolg? Natürlich will ich Erfolg. Erfolg hängt doch aber nicht von der Dicke des Portemonnaies ab. Ich will nur so viel verdienen, dass ich mein Atelier behalten und einigermaßen in Ruhe leben kann.

Mein Atelier ist achtzig Quadratmeter groß, bietet mir optimale Arbeitsbedingungen und hat Toilette und Heizung. Ein weiterer Vorteil ist die Fußnähe zu meiner Wohnung, in der ich mein Büro für Illustration, Buchführung und Marketing eingerichtet habe. So kann ich auch kurzfristig Kundentermine vereinbaren und umstandslos zu jeder Tages- und Nachtzeit im Atelier arbeiten. „Was will der Kunde von Ihnen?“ – „Er kauft mich mit meinem Kunstwerk im Pack, er kauft ein Stück meiner Haltung, meine Idee. Er kauft mein Label. Hab ich mir übrigens patentieren und in den Arm ritzen lassen.“ Ich halte meinen Arm in die Runde. „Dann müssen Sie Ihr Image weiter ausbauen. Setzen Sie sich doch mal eine Baskenmütze auf!“ Bitte? Mir versagt die Stimme. Was soll das? Mir schießen Tränen in die Augen. Herr S. flüstert von der Seite: „Für mich brauchst du keine Baskenmütze.“ Vielleicht geht es doch zu weit, sich selbst als Teil seiner eigenen Marketingstrategie zu stilisieren.

Was dann? „Sie müssen sich einen Mäzen suchen!“ Mir fällt der Wunsch der gelähmten Tini aus dem Kinderbuch „Prinz Malle von Monopoli“ ein, und ich singe leise: „Mäzen, Mäzen, komm herbei, wenn du hier bist, sind wir zwei …“ John David Rockefeller hat seinen Kunden Petroleumlampen geschenkt. Um die Lampen zu benutzen, haben die Kunden das Öl bei ihm gekauft. Was könnte ich verschenken, um Kunden zu gewinnen? Blankobilderrahmen? Nägel, Klammern, Stahlnadeln? Jemand hat einen Zeitungsartikel über eine Frau mitgebracht, die in Krisengebieten thailändische Imbisse eröffnet. Sie fährt den Kriegen hinterher und hat mittlerweile viele Stammkunden. „Tolle Geschäftsidee“, sagt der Dozent. Und erzählt von einem glücklichen Schuhputzer. Ich könnte kleine Affen rasieren und als Kinder verkaufen, sage ich. Das wäre eine Geschäftsidee mit Nischencharakter. In Berlin und auch in Kriegsgebieten. Bedarf an pflegeleichten Ersatzkindern ist da. „Tolle Idee“, sagt der Dozent wieder. Herr S. links von mir spuckt seinen Kaffee vor Lachen aus, und Herr B. prägt nach dem Vortrag meiner neuen Gründungsidee die Berufsbezeichnung Affenbarbier.

Frau R., die lange in der Erwachsenenbildung gearbeitet hat, sagt abends nach dem Kurs, das mit der Überschreitung der Schmerzgrenzen sei normal, in ihren Kursen seien gestandene Mütter wieder zu Schulmädchen mutiert. Beruhigend. Meine größte Angst vor dem Lehrgang war ja, dass ich es nicht aushalte mit so vielen Menschen in einem Raum. Ich muckel sonst eher allein vor mich hin und rede nicht.

Nach 40 Wochenstunden Gesetzen, Verordnungen und Gesellschaftsformenkunde weiß ich, dass Kommissionsware nach zehn Jahren dem Leiher gehört. Ich habe also noch sieben Jahre Zeit, um meine 98 Arbeiten auf Leinwand und Papier aus Bayern abzuholen. In drei Jahren hat der Galerist zwei von meinen Bildern verkauft, fünfzig Prozent vom Verkaufspreis behalten, und ich habe satte fünfundsiebzig Euro verdient. Und das auch nur, weil ich zweimal gemahnt habe. Gewährleistung ist eine gesetzlich vereinbarte Rechtsbeziehung zwischen Verkäufer und Käufer, lerne ich, Garantie eine freiwillige Zusatzvereinbarung zwischen Hersteller oder Verkäufer und Endverbraucher.

Dann werden Steuern, Versicherungen und Fördermittel behandelt. Bei der doppelten Buchführung, die ich als so genannter Kleinunternehmer nicht machen muss, kann man getrost alles vergessen, was man bislang über Soll und Haben gelernt hat. Alles ist anders, behalten habe ich nur, dass der Saldo ein ausgleichender Wert ist. Nehme ich irgendwo was weg, muss ich das woanders dazutun. Oder so. Seit Jahren tippe ich meine Ausgaben und Einnahmen zusammen und hoffe, dass irgendwann mal was überbleibt. Würden sich die Ausgaben mit den Einnahmen decken, wäre ich auch schon froh. Meine Bilanz gebe ich an eine Steuerberaterin.

Klar, ich könnte auch alles allein machen und mir die Steuerberaterkosten sparen. Aber nachdem ich vor Jahren auf dem Finanzamt in Neukölln zwecks Um-Hilfe-bei-der-Einkommensteuererklärung-Bitten gewesen bin, habe ich mich anders entschieden. Auf dem Finanzamt saß eine als Beamtin getarnte Kampfhündin. Mit Reißzähnen und rot lackierten Klauen zerpflückte sie meinen Ordner. Meine Ordner sind sehr ordentlich. Ich liebe es, abzuheften. „Wofür brauchen Sie so viel Porto?“ – „Für Ausstellungseinladungen, Bewerbungen, Kundenpflege.“ – „Wer ist denn diese Frau F., mit der Sie 1999 zweimal essen waren?“ „Eine Geschäftspartnerin.“ – „Wieso haben Sie keinen Steuerberater?“ – „Das sehen Sie doch an meiner Bilanz.“– „Wenn Sie noch einmal so ein Minus einfahren, dann stufe ich Sie als Hobbykünstlerin herunter!“ – „Habe ich nicht auch fünf Jahre Zeit, mich mit meinem Geschäft zu etablieren, wie andere Unternehmen auch?“ – „Sie nicht! Und nächstes Mal will ich von Ihnen eine Einnahmenüberschussrechnung, sonst …“ Sie warf den Kopf Richtung Fenster. Das Gespräch hatte vierzig Minuten gedauert. Meine Steuerberaterin hält den Ärger nun weit von mir fern.

Mit Zahlen muss ich mich trotzdem weiter rumplagen. „Für einen richtigen Businessplan brauchen Sie Statistiken, Frau Wrede. Der Banker steht auf Zahlen. Und Sie müssen Worte wie ‚Costumer Relationship‘ und ‚Joint Venture‘ verwenden. Das finden die Banker auch toll.“ „Welche Statistiken?“ – „Na, wer sind denn Ihre Kunden?“ – „Die meisten haben selber kein Geld und arbeiten freiberuflich.“ – „Gucken Sie mal in die Berlin-Statistik bei Freiberuflern und Angestellten.“ Mache ich. Ich verstehe die Statistik nicht. Mein Businessplan ist sowieso ein Wunschbild. Beim Recherchieren im Internet stoße ich auf die Rubrik: Kultur – Freizeit – Sport. In einer Tabelle ist der Tierbestand der Berliner Tiergärten aufgelistet. In der Tierklassenordnung Säugetiere im Zoologischen Garten gibt es 1.326 Stück, 237 verschiedene Formen, 103 darunter mit Zuchterfolg. Von den 1.326 Säugetieren sind 342 Primaten. Soll ich die Statistik in meinen Plan kopieren?

Die anderen Berlin-Statistiken interessieren mich nicht. Wieso soll ich Gehälter von Leuten, die ich nicht kenne, in meinen Plan aufnehmen? Ist es wichtig, ob ein Käufer meiner Arbeit evangelisch, muslimisch oder gar nichts ist? Wie soll ich das denn einem Banker erklären? Also schimpfe ich wegen der Energie- und Zeitverschwendung, die ich mit Recherche im Internet betreibe, und schmeiße alle in meinen Plan kopierten Statistiken wieder raus. Keine Ahnung, wer meine zukünftigen Kunden sind und was die wollen außer: eine echte Wrede. Das schreibe ich und dann noch, dass ich eine tolle Costumer Relationship anbiete; meine Kunden per Post und E-Mail zu Veranstaltungen einlade; es gibt Tage der offenen Tür; Interessenten können die Produktionsstätte besuchen oder von zu Hause aus meine Website aufrufen und sich da informieren. Junge Sammler mit einem niedrigen Budget können sich meine Arbeiten leisten, die Preise liegen auf dem unteren Kunstmarktniveau. Joint Ventures mit großen Firmen will ich natürlich auch. Außerdem habe ich einen Verteiler mit 700 Adressen. „Super“, sagt der Dozent, „dann berechnen Sie doch mal die Zahlen der möglichen Verkäufe.“ – „Aber das sind doch nicht alles Käufer. Und wenn einer was kauft, dann vielleicht auch nur einmal.“ Ich rechne: 700 Kunden kaufen im Monat eine Arbeit für 200 Euro bei mir. Mir wird schwarz vor Augen. „I make my Finanzding at home“, sagt Herr N. und packt entnervt seine Zettel zusammen. „Welchen Nutzen hat Ihr Angebot?“ – “Mein Produkt kann die Fantasie anregen oder einfach nur vermitteln, dass alles viel schlimmer sein könnte, als es ist.“ – „Wer ist denn Ihre Konkurrenz auf dem Markt?“ Soll ich mich mit Gerhard Richter vergleichen? Ein Kursteilnehmer schlägt Leonardo da Vinci vor. Ich keife ihn an. Zum x-ten Mal kommt nun von allen Seiten, dass Künstler erst berühmt werden, wenn sie tot sind. „Ich will aber jetzt was von der Torte abhaben.“ – „Dann müssen Sie Kompromisse machen.“ – „Ich mache seit zehn Jahren nichts anderes.“

Vielleicht sollte ich mich mit Prinz Harry von England vergleichen? Der fing vor zwei Jahren mit Zeichenunterricht an und zeigt jetzt seine ersten zwei großformatigen Malereien im Aborigines-Stil. Die englischen Kritiker sind euphorisiert, und der Observer schätzt die beiden Stücke auf je 21.000 Euro. Ich sollte meinen Stil ändern und könnte meine Preise ein wenig nach oben schrauben. Zwar bin ich nicht hochadlig, habe aber auch rote Haare und Sommersprossen.

Die letzten zwei Kurswochen finde ich anstrengend. Ich habe mich zu einem richtigen Rudeltier entwickelt und recherchiere mich fast zu Tode. Meine Augen sind gerötet, und obwohl ich schon seit fast zehn Jahren mit dem Studium fertig bin und mich seitdem auf freier Wildbahn bewege, überfallen mich jetzt größere existenzielle Zweifel als zu Beginn des Kurses. „Was ist denn das Motiv für Ihre Unternehmensgründung?“ – „Ich will und wollte nie etwas anderes als selbstständig sein. Alles andere macht mich krank.“

Zwei Jahre später: Seit Mitte November 2003 habe ich offiziell eine Ich-AG. Als bildende Künstlerin. Diese staatliche Förderung ist wie ein Stipendium für mich. Im ersten Jahr erhielt ich pro Monat 600 Euro. Davon mussten allerdings Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung gezahlt werden. Im zweiten Jahr verringerte sich der Förderbetrag auf 360 Euro und im dritten und letzten Förderjahr sind es immerhin noch 240 Euro. Herr B. sagt, das „AG“ in „Ich-AG“ heißt Arbeitgeber. Ich will mir gern Arbeit geben. Eine Aktiengesellschaft kann ich immer noch gründen.

Mein Vermieter ruft mich an. Er müsse unbedingt in mein Atelier, durch die Decke sollen Leitungen gelegt werden, sagt er und fragt, ob er sich Sorgen machen müsse, er habe mich schon seit Monaten nicht mehr gesehen, und auch kein Licht in meiner Werkstatt. „Nein, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Momentan arbeite ich zu Hause“, sage ich zu ihm. Mit arbeiten meine ich schreiben; es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich traute, zu sagen, dass ich arbeite, wenn ich schreibe. Mir ist etwas mulmig nach dem Telefonat. Vor einem Monat bin ich das letzte Mal länger im Atelier gewesen, nicht um Kunst zu machen, sondern um an einem Kunstspiel für Kinder zu tüfteln, das ich zusammen mit meiner Schwester entwickelt habe.

Das Atelier ist voll mit meinen Arbeiten: Ölgemälde, Objekte, große und kleine Zeichnungen, Linolschnitte und so weiter stapeln sich dort auf Tischen, in Schränken, Regalen, auch die Wände hängen voll. Von rund 145.000 Selbstständigen in „kreativen“ Berufen, die Mitglied bei der Künstlersozialkasse sind, sind ca. 55.000 bildende Künstler. Das Durchschnittseinkommen eines Malers oder Bildhauers liegt bei monatlich 880 Euro. Läge mein Umsatz bei 880 Euro, wäre ich froh. In den jüngeren Altersgruppen beträgt der Frauenanteil 60 Prozent. Jenseits der 50 verringert sich der Anteil auf 33 Prozent. Wie lange werde ich noch durchhalten? Im Schaufenster vom JobPoint in Neukölln, einer Agentur, die Teil- und Vollzeitarbeitsplätze vermittelt, hängt ein Stellengesuch für eine Bäckereifachverkäuferin.

Was der Unterschied zwischen mir und einer Bäckereifachverkäuferin sei, fragte mich Wolfgang, Produktionsleiter einer Firma, die Backmittel herstellt und vertreibt, vor einiger Zeit bei einem Treffen. Ich zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Hab ich noch nie drüber nachgedacht. Ich habe eine Werkstatt und meistens Geldsorgen. Und das, was ich produziere, kann niemand gebrauchen. Ich stelle Luxus her.“ – „Aber Kunst ist doch kein Luxus! Wäre Kunst Luxus, dann wäre Kunst überflüssig. Vielleicht kann sich nicht jeder Kunst leisten, aber Kunst ist Kulturgut. Glaubst du, dass deine Arbeit sinnlos ist?“ – „Nein! Aber ein Geschäft wie jedes andere.“ – „Du willst mir jetzt nicht erzählen, dass du einen ganz normalen Job machst und bodenständig bist …“ „Doch!“ – „Wie sieht dein Tagesablauf aus?“ – „Morgens jogge ich eine Stunde, dann fange ich an, zu schreiben oder zu zeichnen. Im Moment schreibe ich hauptsächlich. Fünf bis zehn Stunden. Täglich. Zwischendurch mache ich lange Spaziergänge, um mein Hirn auszulüften.“

Doch wenn ich nicht überflüssiger Luxus sein will, dann muss ich unternehmerischer denken. Gerade als Ich-AG. Wie sollen Leute auf mich und meine Kunst aufmerksam werden, wenn ich nicht versuche, mich zu vermarkten? Über meine Kunst zu reden ist mir allerdings genauso unangenehm, wie über meine Preise zu verhandeln. Leute, die sich in meinem Atelier wie im Selbstbedienungsladen benehmen und um Preise feilschen, sind mir zuwider. Auch die, die meinen, man könne die Kosten von Schrauben, Rohren und Blechen mit dem Wert der Kunst vergleichen.

„Aber gerade das ist es doch“, erklärt eine Freundin. „Wenn ich ein Atelier besuche, dann will ich doch auch nichts Normales!“ – „Aha! Du willst heilige Kunst in heiligen Hallen von Durchgeknallten sehen und kaufen?“ – „Genau. Was unterscheidet dich also von einer Bäckereifachverkäuferin?“

Und wenn ich doch wieder als Angestellte arbeiten würde? Auf viele Angebote, für die ein Vermittlungsschein vom Arbeitsamt benötigt wird, kann ich mich erst gar nicht bewerben. Für eine der Stellen einer Verkäuferin in Vollzeit für berufsübliche Tätigkeiten braucht man eine Waffenhandelsgenehmigung und die Fachkundeprüfung der IHK, dann steht da noch, dass polnische oder russische Sprachkenntnisse von Vorteil sind, aber nicht Bedingung. Keine Voraussetzungen brauchte ich, um in Vollzeit Fleisch und Wurst zu verkaufen. Ob ich als Vegetarierin die Richtige wäre? Es werden Projektmanager im Flugzeugbau zur Durchführung von richtlinienkonformen Konformitätsverfahren, Experimentalphysiker, Ärzte für Psychotherapie, Busfahrer, Edelstahlschweißer und Turmdrehkranführer gesucht. Das ist mir alles viel zu viel, und ich gehe erst mal nach gegenüber in ein Schuhgeschäft. „Heil Hitler!“ schreit da gerade ein Zwölfjähriger seinen Kumpels zu, bevor sie anfangen, Kartons und Schuhe aus den Regalen zu schmeißen. Schuhverkäuferin möchte ich nicht sein.

Letztes Jahr bewarb ich mich um eine Stelle als Professorin und wurde mit sechs anderen Künstlerkollegen zu einer Probevorlesung eingeladen. Was daraus geworden ist? Auf meine Nachfrage erhielt ich eine Sammel-E-Mail, in der stand, ich sei leider bei keiner der drei Stellen, auf die ich mich bewarb, in die nähere Auswahl gekommen. Ich hatte mich aber lediglich auf zwei der ausgeschriebenen Stellen beworben und war zur Probevorlesung – was ja engere Auswahl bedeutet – eingeladen. Künstler, die sich auf eine Professur bewerben, seien finanziell abgesichert und auf keine Reisekostenerstattung angewiesen, hieß es, als ich wenigstens die Bahnfahrtkosten erstattet haben wollte. „Was erwartest du auch von so einer Probevorlesung an einer Hochschule, an der dich niemand kennt? Du bist in das Verfahren sowieso nur mit Glück reingeschlittert. Die brauchten einfach einen Dummy für ihre Liste. Von wegen „Frauen werden ausdrücklich aufgefordert, sich zu bewerben“.

Ich schickte unserem ehemaligen Bundeskanzler, als er noch unser Bundeskanzler war, einen Text über die Gründung meiner Ich-AG, in dem ich mir die Option „Affenbarbier kann ich immer noch werden“ freihielt. Der Referatsleiter im Kanzlerbüro wirkte erstaunt über die Erfahrungen, die ich während meiner Gründungszeiten machte. „Sicher haben Sie Verständnis dafür, wenn ich Ihnen sage, dass andere Künstler, die von diesem Angebot Gebrauch gemacht haben, um durch die Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit ihre Arbeitslosigkeit zu beenden, weitaus positiver über ihr Existenzgründerseminar berichtet haben“, schrieb er mir. Ich habe nicht meine Arbeitslosigkeit beendet. Ich habe meine Existenz gegründet, dachte ich, als ich das Schreiben des Referatsleiters las, und wunderte mich, dass den Herren an der Macht das zu fehlen scheint, was man gemeinhin als Galgenhumor bezeichnet. Braucht man den nicht im Kanzleramt?

Ein paar Tage später erhielt ich einen Brief der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte: Ab dem nächsten Ersten seien 78 Euro für die Rentenversicherung fällig. Eine Neuregelung und Pflicht für alle Existenzgründer. Bei keinem Einkommen sind 78 Euro genau 78 Euro zu viel. Ich legte Widerspruch ein. Erfolglos: Rentenversicherung ist eine Pflichtversicherung für Existenzgründer und gesetzlich verankert, hieß es in der Begründung der BfA. Irgendwie kriege ich das auch noch hin, sagte ich mir, stellte mich vor meinen Spiegel und wiederholte den Satz: „Ich bin von meiner Kunst überzeugt und kriege das hin“ – so oft, bis ich wieder von mir überzeugt war. Diese Selbstmotivation nahm ich als festen Punkt in meinen Zeitplan auf.

Kurz nachdem ich meinen Tagesablauf um die Beschwörungsformel erweitert hatte, kam ein Galerist ins Atelier. Wir hatten seit einem Jahr Kontakt miteinander. Irgendwann saß ich im Atelier und merkte, wie ich mich so langsam, aber sicher zubaute mit der Masse meiner Arbeiten. Verkaufen kann ich leider genauso wenig wie zu Gast in einer Quizshow sein: Ich leide an einer chronischen Krankheit, die Maulsperre heißt. Meine Produkte sind immer ein Teil von mir, und ich fühle mich unwohl, wenn ich mich anbieten muss wie sauer Bier. Seit Jahren bin ich auf der Suche nach jemandem, der meine Arbeit vermarktet. Agnes sagte, sie könne sie verstehen, meine Unlust, immer in einen luftleeren Raum zu produzieren. Angebot und Nachfrage ständen in keinem Verhältnis. „Niemand fragt nach“, sagte ich. „Eben“, sagte Agnes. Also begann ich, Kurzgeschichten für Zeitungen zu schreiben, die mir ein wenig Geld mehr als meine Kunst einbrachten. Reichte natürlich nicht. Aber immerhin. „Jetzt sei nicht undankbar!“, höre ich Bettina sagen. Halt die Klappe, denke ich und überlege, ob es einen Unterschied zwischen künstlerischem und literarischem Klinkenputzen gibt.

Wieso ich plötzlich wieder male, fragte der Galerist, als er sich im Atelier umschaute. „Weil Malerei am besten zu meiner neu begonnen Serie ‚Don’t test my passion‘ passt“, sagte ich. „Du solltest dich mal auf eine Sache beschränken, dann würdest du auch auf den Punkt kommen. Und dich nicht auch noch mit Internet, Schreiberei und Geldverdienen befassen. So geht das nicht. Ich habe den Eindruck, du willst gar nicht mehr ausstellen“, sagte der Galerist.

Dass die neue Regierung die Ich-AGs wieder abschaffen will, kann mich auch nicht mehr erschüttern. Don’t test my passion. Ich mache das, was ich immer tun wollte: Ich bin bildende Künstlerin, ich schreibe, illustriere, fotografiere. Manchmal habe ich Angst, dass mein Humor mich verlässt. Den braucht man, um durchzuhalten. Und nicht nur den. Falls ich doch noch Affenbarbier werde, brauche ich jemanden, der den kahl rasierten Tieren das Sprechen beibringt. Sonst werden sie nicht zu verkaufen sein, die Kleinen.

BARBARA WREDE, Jahrgang 1966, lebt seit zehn Jahren in Berlin. Weiteres findet sich auf ihrer Homepage unter www.olompia.de