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Die Form ist streng, doch immer wieder gibt es Augenblicke schierer Schönheit

So radikal kann bürgerliches Kino sein: Dank DVD kann das Werk Jean-Claude Guiguetsneu entdeckt werden

Wenig bekannt ist bis heute in Frankreich – und erst recht außerhalb – ein Kollektiv von Filmemachern, das sich Ende der Siebzigerjahre zusammentat, um einer beim anderen auszuhelfen, als Kostümbildner und Cutter, als Darsteller, Koautor und Freund. Geld hatten sie keines, der Name der Gruppe, die niemals Geschichte schrieb, war Diagonale. Ihr Spiritus Rector, der im selben Jahr wie Jean-Luc Godard geborene Paul Vecchiali, stammte aus dem Umfeld der Cahiers du Cinéma, auch seine wichtigsten Schützlinge, Jean-Claude Biette und Jean-Claude Guiguet, begannen als Kritiker. Ihr Oeuvre ist vergleichsweise schmal, Vecchiali selbst hat bis heute immerhin sechzehn Spielfilme gedreht, Biette sechs, Guiguet nur vier. Ein Überschuss an Sorgfalt, ein Mangel an Geld. In Deutschland waren ihre Filme nicht regulär zu sehen, selbst auf Festivals hatten die Diagonale-Leute eher vereinzelte Auftritte.

Paul Vecchiali lebt, Jean-Claude Biette aber starb 2003 mit gerade sechzig Jahren. Im September dieses Jahres erlag Jean-Claude Guiguet einem Krebsleiden. Er wurde nur sechsundfünfzig Jahre alt, kaum ein Lexikon nennt seinen Namen. Nichts von Vecchiali, nichts von Biette ist auf DVD erhältlich. Verblüffenderweise liegen die Filme Jean-Claude Guiguets seit 2002 fast vollständig vor, auf vier DVDs, mit englischen und deutschen Untertiteln. Man kann sich also ein Bild machen von Guiguets Werk, und wer dann etwa „Faubourg Saint Martin“ (1986) gesehen hat, ein wahres Muster an filmischer Intelligenz und Eleganz, wird erstaunt feststellen müssen, dass hier ein zwar weithin unbekannter, aber großer Filmemacher gestorben ist.

Man begreift freilich auch, warum er es schwer hatte, man begreift es im Grunde mit der ersten Einstellung schon seines ersten Films, „Les Belles Manières“ („Die guten Manieren“) von 1979. Ein junger Mann, der Held, wenn man so will, Camille, blickt frontal in die Kamera. Eine fast trotzige Herausforderung, eine Einladung, ein Blick, der schon mit dieser ersten Geste heraustritt aus der Illusion des Films und dann erst den Betrachter mit der Wendung des Kopfes nach rechts, mit seinen vom Schwenk der Kamera verfolgten Schritten einen Bahnsteig entlang, hineinnimmt in die Geschichte, die sich nun entfaltet. An Realismus im üblichen Sinne liegt Jean-Claude Guiguet nachdrücklich nichts. Es geht in diesem ersten Film um Klassengegensätze, um einen jungen Arbeiter, der sich dem Verständnis des Bürgertums, in dessen Sphären er gerät, mit Notwendigkeit entzieht.

Guiguet aber verhandelt das nicht in sozialrealistischer Tradition, nicht im ausgestellten Bruch mit der Konvention, sondern mit den Mitteln eines zu äußerster Radikalität gelangten bürgerlichen, ja kultivierten Kinos. Jedes Wort, jede Einstellung, jeder Zoom, jeder Schwenk, jeder Schnitt, jeder Musikeinsatz (in der Regel klassische Musik), jede Bewegung der Figuren im von der Kamera erschlossenen Raum sind sorgfältig bedacht. Es wird viel und sehr artifiziell gesprochen, aber das Wort wird ganz Film, geht ein in eine geschlossene ästhetische Form, in der alle Mittel des Kinos auf engstem Raum miteinander verbunden sind. Es ist kein Zufall, dass Guiguet Thomas Mann verfilmt hat, und dessen Novelle „Die Betrogene“ („Le Mirage“, 1992), die Sexualität und Tod in empörender Manier ineinander wirkt. Michel Houellebecq, ein radikaler Bürger auch er, hat die Verfilmung in den höchsten Tönen gelobt.

Stets gibt es bei Guiguet jubilatorische Momente schierer Schönheit als Gegenhalt zur bindenden Strenge der Form. Seit „Le Mirage“ wird die Kontrastmontage wichtiger. Die Natur, der Tod (vor allem Aids als Bedrohung) und die Schönheit stehen zusehends schroffer nebeneinander. So auch in „Les Passagers“ (1999), Guiguets letztem, seinem freiesten und mutigsten Film, der, den Passagieren einer Tramlinie folgend, von ganz unterschiedlichen Schicksalen erzählt, der mit der Narration, der Musik, dem Bild, dem Ineinander von Künstlichkeit und Direktheit experimentiert, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.

Die DVDs bieten neben den Hauptwerken weitere Kurzfilme – allerdings ohne Untertitel – des Regisseurs und seine luziden Einlassungen zum eigenen Werk. Man muss unendlich dankbar sein für eine solche Edition, die allen ökonomischen Erwägungen zweifellos spottet. Ohne sie wäre das Werk von Jean-Claude Guiguet derzeit nicht zu entdecken. EKKEHARD KNÖRER

Edition Jean-Claude Guiguet: 4 DVDs („Les Belles Manières“, „Faubourg Saint Martin“, „Le Mirage“, „Les Passagers“), je 19,90 €, Bezug über www.absolutmedien.de