Wolf-Dieter Mechler über Hannover 96 im Museum

"Ein echter Schatz"

In Hannover sind Fotos aus der Frühphase von Hannover 96 aufgetaucht. Der Historiker Wolf-Dieter Mechler zeigt sie bis zum 22. Juli im Historischen Museum der Stadt.

Die zweite Mannschaft von Hannover 96 vor einem Rugby-Spiel 1897. Die Hinwendung zum Fußball kam erst 1901. Bild: Historisches Museum Hannover

taz: Herr Mechler, die Hannover-96-Ausstellung zeigt Fotos, die die Enkelin einer früheren Schatzmeisterin entdeckt hat. Wie ist der Fund zu Ihnen ins Historische Museum gekommen?

Wolf-Dieter Mechler: Die Enkelin ist selbst eine Historikerin und wir kennen uns aus gemeinsamen Studienzeiten. Sie hat die beiden Alben im Schrank ihrer verstorbenen Mutter gefunden und zur Diskussion gestellt, ob die Fotos interessant sein könnten für das Historische Museum. Schon nach dem Sichten von zwei, drei Seiten war klar, dass das ein echter Schatz ist.

Worin liegt dessen Wert?

Die Alben versammeln eine Vielzahl von Fotografien, die im Jahr 1896 beginnen und mit Aufnahmen der Altherrenmannschaft aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg enden. Die frühen Aufnahmen zeigen die damals noch Rugby spielenden jungen Hannoveraner. Das Historische Museum besaß aus dieser Zeit zwei Aufnahmen, Hannover 96 hat im Archiv aus dieser Zeit nichts. Jetzt hat man beispielsweise ein Bild der allerersten Fahne, von der man vorher gar nicht wusste, dass es sie gegeben hat. Oder man hat erstmals ein Bild einer Schülersportvereinigung namens Germania, die sich 1904 mit Hannover 96 zusammenschließt.

Was entnehmen Sie den Bildern?

Man entnimmt diesen Bildern zum Beispiel, welche Spielkleidung getragen wurde. Es gab am Anfang noch keine Sportkleidung, am Anfang spielten die 96er zum Teil in Räuberzivil. Ansonsten kann man sportgeschichtlich fragen: Wer waren die Gründer von 96? Wie haben sich die Mannschaften entwickelt? Wie entwickeln sich die Trikots und die Logos?

Welchem sozialen Milieu entstammten die Gründer?

Die Gründer waren eine kleine Gruppe Jugendlicher, die über keine großartigen finanziellen Mittel verfügten. Sie waren Bürgerschüler, oder wie man später dann sagte: Volksschüler. Sie hatten eine Karriere als Arbeiter oder Handwerker vor sich. Entsprechend war ihre Ausstattung.

Was brachte diese Jugendlichen dazu, den Verein zu gründen?

Der erste Verein, der in Hannover Rugby spielte, war Hannover 1878. Innerhalb von 78 entwickelte sich eine Art Hierarchie: Bürgerschüler konnten nur bis zum 18. Lebensjahr in dem Verein sein und wurden als C-Mannschaft eingestuft. Also haben sie sich entschlossen, einen eigenen Verein zu gründen, weil sie bei 78 nicht weiterkommen konnten.

Werder Bremen hat ein Vereinsmuseum, der Hamburger SV auch. Wie sieht es diesbezüglich bei Hannover 96 aus?

58, ist gebürtiger Hannoveraner, Historiker im Historischen Museum Hannover und Kurator der Hannover-96-Ausstellung.

Bei 96 gibt es bislang noch keines. Aber 96 überlegt jetzt, wenigstens eine museale Präsentation im Stadion zu machen. Das Vorhaben wird mit befördert durch die Ausstellung, die wir aus dem Fund gemacht haben.

Nachdem Sie den Fund gesichtet haben, sagten Sie, es würde Korrekturen an der Vereinsgeschichte geben müssen. Wie fallen die aus?

Unter anderem hat man immer gesagt, das allererste Spiel wäre am 2. November 1896 gewesen. Das war damals noch ein Rugby-Spiel. Wir können jetzt sagen, dass es später gewesen sein muss, nämlich am 8. November. Andere Fotos aus der ersten Festschrift, die Hannover 96 im Jahr 1921 zum 25-Jährigen Bestehen hat machen lassen, müssen umdatiert werden um mindestens ein Jahr. Oder es stellte sich heraus, dass ein Foto nicht das zeigt, wovon man bislang ausging.

Wie war die Zusammenarbeit mit Hannover 96 bei der aktuellen Ausstellung?

Die Zusammenarbeit war gut. Wir haben die Ausstellung noch ergänzt um die drei großen Erfolge von Hannover 96, nämlich um die beiden Meisterschaften 1938 und 1954 und den Pokalsieg 1992. Zu diesen drei Ereignissen gibt es relativ viel im Archiv von 96 und der Verein hat alles bereitwillig zur Verfügung gestellt. Auch den größten Schatz, nämlich die handschriftliche Chronik von Hannover 96, die am 1. Dezember 1896 begonnen wurde und 1911 endet. Außerdem ist die Replik des Pokals von 1992 in der Ausstellung zu sehen.

Konnten Sie unabhängig kuratieren oder wollte Hannover 96 mitreden?

Die wollten niemals mitreden und haben die Ausstellung immer gefördert. Nicht finanziell, aber durch die großzügigen Leihgaben und durch Werbung beispielsweise auf ihrer Website und in ihrer Stadionzeitung.

Heute ist 96 im Fußball der wichtigste Verein der Region Hannover. War das damals auch schon so?

Nein. Die Anfänge waren wie überall lokal begrenzt. Es kam in Hannover zunächst nur zu einem innerstädtisochen Wettkampfbetrieb. Bei dem kristallisierte sich schnell heraus, welche Vereine führend waren. Unter denen war Hannover 96 von Anfang an mit dabei.

Wann wurde 96 auch jenseits der Stadtgrenzen bekannt?

Wenn man sich mit anderen Gegnern messen wollte, dann war das nur im Rahmen eines Freundschaftsspieles möglich. Dann wurde Werder nach Hannover eingeladen oder Hannover nach Hamburg. 1913 kommt es dann zur ersten norddeutschen Liga. Die besteht aus zehn Clubs. Da ist dann Holstein Kiel dabei, Hannover 96 und Altona 93.

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