Heimliche Kunst

AUFBRUCH Das Bauhaus-Archiv in Berlin widmet sich Gertrud Arndt, der „Weberin und Fotografin am Bauhaus“. In ihren Selbstporträts wirbelte sie provokant die Codes der Identität durcheinander – zeigte sie aber nur Freunden

VON KATRIN BETTINA MÜLLER

Üppig sprießende Blumenmuster, hauchdünne Schleier, die den nackten Körper darunter ahnen lassen, und exzentrische Inszenierung – das alles klingt so gar nicht nach Bauhaus, jener Schule der angewandten Künste, die in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren nachhaltig das Bild der Moderne geprägt hat. Streifenmuster, rhythmische Gliederung geometrischer Formen, Experimente mit handwerklichen und industriellen Techniken, Kalkulationen von Arbeitsstunden und Materialverbrauch – das passt schon viel eher zu unserem heutigen Bild der auf eine entschlackte Ästhetik und ihre alltägliche Anwendbarkeit konzentrierten Schule.

Im schmalen Werk von Gertrud Arndt, das jetzt im Bauhaus-Archiv Berlin ausgestellt ist, findet sich beides dicht nebeneinander. Sie kam 1924 ans Bauhaus in Weimar, mit knapp 21 Jahren, einem Stipendium der Stadt Erfurt und einer Vorbildung als Architekturzeichnerin. „Eigentlich wollte ich Architektin werden“, so zitiert sie der Ausstellungstitel; aber noch gab es keinen Platz für Frauen im Architekturstudium. Auch am Bauhaus wurde ihre Lehre bei dem Erfurter Architekten Karl Meinhardt nicht als ausreichend eingestuft, um in das Büro von Walter Gropius, dem Direktor des Bauhauses, aufgenommen zu werden. Sie wurde in die Werkstatt für Weberei aufgenommen, wie auch andere junge Künstlerinnen, die eigentlich mit anderen Zielen nach Weimar gekommen waren.

Heute gelten die Fotos als Dokument in der Geschichte der verhinderten Künstlerinnen

Gertrud Arndt hat, wie man aus ihren späteren Selbstaussagen weiß, die Weberei nicht geliebt; nach dem Abschluss der Lehre rührte sie keinen Webstuhl mehr an. Aber die Werkstatt bot ihr trotzdem eine willkommene Möglichkeit, nach dem Vorkurs bei Johannes Itten und Paul Klee, am Bauhaus zu bleiben. Und ihre Teppiche wurden bald zu Musterstücken der Werkstatt. Schon der erste wurde schnell verkauft, der zweite fand in dem programmatisch gestalteten Direktorenzimmer von Walter Gropius seinen Platz, beide wurden in Bauhauskatalogen publiziert. Dieser Erfolg war sicher auch eine Ermutigung und Bestätigung.

Die gezeichneten Entwürfe für die Teppiche, Musterkarten mit Farben und Wolle, Kalkulationstabellen über die gebrauchte Menge sind nun an zwei Wänden der Ausstellung neben Streifenstoffen, dem zweiten Spezialgebiet der jungen Weberin, zu sehen. Sie sind in ihren Strukturen und Farben noch immer attraktiv. Teils arbeitete Arndt mit metallisch glänzenden Garnen, mit wechselnder Lichtbrechung durch die Stoffstruktur, mit Farbmischungen aus Braun, Goldfarben und Blau oder rötlichem neben rosafarbenen Glanz. Gerade in den kleinen Mustern zeigt sich eine Spur vom Glamourösen in der sachlichen Grundstruktur.

Am Ende ihre Ausbildung 1927 heiratet die junge Weberin ihren Kommilitonen und zukünftigen Bauhausmeister Alfred Arndt, mit dem sie zwei Jahre später an das Bauhaus in Dessau zurückkehrt. In einer Vitrine liegt ein von ihr als Collage gestalteter Ehekontrakt: Ausgeschnitten aus einer Zeitung sind das Motto „völlige Gleichheit der Frau neben dem Mann“ und die gymnastiktreibenden Figuren, die das zweite Motto, „wie bleibe ich jung und schön“, illustrieren. Neben Frühsport versprechen sich die Eheleute häufigen Sockenwechsel und gemeinsam, unter Verzicht auf das Rauchen, auf zukünftige Reisen zu sparen.

Gekommen ist es dazu nicht. Als Frau eines Bauhaus-Meisters findet sich Gertrud als „Nichtstuerin“ wieder und in dieser Zeit entstehen ihre selbst inszenierten Porträts in Spitze, Schleiern und kostbaren Stoffen. Gertrud Arndt gelten sie zeitlebens als privater Schabernack; aber seit sie in den siebziger Jahren das erste Mal im Folkwang Museum in Essen ausgestellt waren, werden sie auch als ein Dokument in der Geschichte der verhinderten Künstlerinnen gelesen und des langen Weges zur Emanzipation. Mit der Geburt ihres ersten Kindes und später als Mitarbeiterin im Architekturbüro ihres Mannes war für Gertrud Arndt auch die Fotografie beendet.

Schaut man heute auf die Fotografien, die den zweiten Teil der Ausstellung bilden, so frappiert die Lust an einer Inszenierung, die so gar nichts mit dem Bauhaus-Stil zu tun hatte. Arndt fotografierte zu Hause, das Licht kam durch die großen Fenster im Meisterhaus, den Selbstauslöser konstruierte sie mit einer Rolle Garn. Mal macht sie Kulleraugen und spitzt die Lippen, mal probt sie frömmelnde Blicke, mal frivole Posen, alles leicht überspitzt und ins Komische gezogen. Die zarten Spitzen aber, die sie dabei trägt, ein alter Bestand ihrer Familie, laden alle diese Verkleidungen mit einer geheimnisvollen Erotik auf.

Es ist auch ein Spiel mit Symbolen der Weiblichkeit, das ganz anders wirkt als die oft androgyne Stilisierung der Bauhäuslerinnen mit kurz geschnittenen Haaren und in Hosen. Arndts Spiel wirkt selbstbewusst und provokant – allein, dass die Bilder nicht für ein öffentliches Publikum entstanden, relativiert den Gestus der Selbstbehauptung. Gertrud Arndt markiert keinen bestimmten Typ in ihren Maskeraden; eher wirbelt sie die Codes der Identität durcheinander – und das passt gut zu einer Generation, die gesellschaftliche Rollenbilder aufzubrechen wollte, darin aber bald gestoppt wurde.

■ Bauhaus-Archiv Berlin, bis 22. April. Katalog 14,90 Euro