Unheimlicher Heimatfilm "Bullhead"

Ihr seid alle Tiere

Helle Weiden, dunkle Straßen und Hormone: In Michaël R. Roskams Regiedebüt "Bullhead" bedeuten kulturelle Differenzen, dass man sein Gegenüber nicht versteht.

Hormone für alle: In "Bullhead" ist es finster für Vieh und Mensch. Bild: Rapid Eye Movies

Nur wenige Kilometer liegen die Handlungsorte in Michaël R. Roskams Regiedebüt "Bullhead" auseinander, aber die Demarkationslinie, die an dieser Stelle die Landkarte durchzieht, gehört zu den politisch brisantesten Grenzverläufen in Westeuropa.

Eine Sprachbarriere trennt die ländliche Provinz Limburg vom wallonischen Lüttich, und mit welchem separatistischen Eifer die niederländisch und französisch sprechenden Bevölkerungsgruppen um ihre Autonomie kämpfen, ließ sich in den vergangenen zwei Jahren beobachten, als die belgische Politik nahezu zum Erliegen kam. In "Bullhead" äußert sich die kulturelle Differenz darin, dass man aneinander vorbeiredet oder sein Gegenüber erst gar nicht versteht.

"Bullhead" ist ein moderner Heimatfilm, und wie jeder gute Heimatfilm spielt er mit dem Heimlichen, das sich über die Landschaft gelegt hat und sich schließlich als Unheimliches manifestiert. Mit einer dämmerigen Totalen auf einen nebelverhangenen Waldrand eröffnet Roskam seinen Film, eine Stimme aus dem Off erzählt von einem Geheimnis tief in den Wäldern und einem unausgesprochenen, zwanzig Jahre zurückliegenden Stillschweigeabkommen.

Die Stimme gehört Jacky Vanmarsenille (Matthias Schoenaerts), einem jungen Viehzüchter aus Limburg, der zusammen mit seinem Onkel die Geschäfte des Vaters weiterführt. Wie schon der Vater päppelt er seine Rinder mit Wachstumshormonen auf.

Die Hormonmafia

Die belgische Hormonmafia hatte in den neunziger Jahren tatsächlich weite Teile der Landwirtschaft unter ihrer Kontrolle; einen bekannten "Hormonjäger" der Polizei kostete der Mafiakrieg sogar das Leben. Dieser Auftragsmord, auf den Roskam sich indirekt bezieht, löst in "Bullhead" eine Kettenreaktion aus, die Traumata wieder zutage fördert.

Die Landschaftsbilder erinnern in ihrer prächtig-impressionistischen Farblosigkeit nicht zufällig an die flämische Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts. Roskam hat sich ganz bewusst für das Cinemascope-Format entschieden, in dem die mythische Form der Natur zur Geltung kommt und gleichzeitig schon wieder gebrochen ist.

Lüttich dagegen ist Schauplatz des Film noir. Hier, in den dunklen Seitenstraßen und wummernden Technoschuppen, hat die Hormonmafia das Sagen, und man sieht Jacky förmlich an, wie sich sein gedrungener, von jahrelanger Testosteronbehandlung entstellter Körper in diesem Milieu weiter in sich zusammenzieht.

Im Noir-Licht der Stadt fragmentiert Roskam seine Hauptfigur auch formal, seine kleinteiligen Einstellungen spotten regelrecht dem weitläufigen Cinemascope. Aber Jacky ist selbst längst ein fragmentierter Mensch, zerrissen von Rachegefühlen und der verzweifelten Suche nach seiner männlichen Identität.

"Bullhead" ist ein Film der Gegensätze, aber wie es das Genre des Polizeifilms verlangt, legt Roskam in komplizierten zwischenmenschlichen Verwicklungen die Ähnlichkeiten seiner Figuren offen. Bei einem Deal mit der Hormonmafia begegnet Jacky einem Freund aus Kindheitstagen wieder, der inzwischen als Informant für die Polizei arbeitet. Die beiden verbindet eine Geschichte, die in einem übertragenen Sinne auch mit dem belgischen Kulturkampf zu tun hat. Roskam aber hält eine noch viel banalere Erklärung für die Mentalität seiner Landsleute parat.

Bezeichnenderweise ist es eine Frauenfigur, Jackys heimliche Jugendliebe Lucia, die zu dem niederschmetternden Urteil kommt: "Ihr seid alles Tiere." Und dann wird "Bullhead" Jacky, vollgepumpt mit Hormonpräparaten, tatsächlich zum wilden Stier.

"Bullhead". Regie: Michaël R. Roskam. Mit Matthias Schoenaerts. Belgien 2011, 120 Min.

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