Rassismus in Sachsen

Lust auf Hoyerswerda?

Warum nicht, dachte sich Manuel Nhacutou und kam nach 20 Jahren wieder in die Lausitz. Er war schockiert, denn trotz vieler Bemühungen, hat sich nicht viel geändert.

Die Zeitzeugen Emmanuel Gärtner, Emmanuel Agyeman und Manuel Nhacutou ziehen eine ernüchternde Bilanz.

Vorher hat Manuel Nhacutou gar nicht so viel darüber nachgedacht, er wollte einfach mal sehen, wie es so ist, 20 Jahre danach. Sie standen also vor seinem alten Wohnheim, einem Plattenbau, elf Stockwerke hoch. Ein Filmteam war dabei.

Und dann kamen dieser Typ im Thor-Steinar-Pullover und die anderen. "Bimbo" riefen sie, und "Huschhusch, zurück in den Busch". Drumherum standen Anwohner und schauten zu. "Es war hart", sagt Manuel Nhacutou. "Es ist das Gleiche passiert wie vor 20 Jahren."

Hoyerswerda in der Lausitz, Modellstadt der DDR. 36.000 Menschen wohnen hier, als die Mauer fiel, waren es noch doppelt so viele. Der Altersdurchschnitt liegt bei 50,3 Jahren. Die sächsische Stadt hat sich in das Gedächtnis der Nation eingebrannt: Rechtsradikale Skinheads zogen hier 1991 vor die Ausländerwohnheime, riefen "Ausländer raus", warfen Molotowcocktails. Und Leute aus der Nachbarschaft schauten zu, manche applaudierten. Es waren ganz normale Bürger.

Die Ereignisse: Mit einer Auseinandersetzung zwischen rechtsextremen Skinheads und vietnamesischen Markthändlern begannen am 17. September 1991 in Hoyerswerda die rassistischen Übergriffe. Sie dauerten bis zum 23. September, mehr als 30 Menschen wurden verletzt. Damit startete eine Serie schwerer ausländerfeindlicher Krawalle in der gesamten Bundesrepublik. Im August 1992 wurde in Rostock-Lichtenhagen ein Asylbewerberheim angezündet. In den westdeutschen Städten Solingen und Mölln gab es Brandanschläge auf von türkischen Familien bewohnte Häuser. Acht Menschen wurden dabei ermordet.

Die Projekte: Von 1991 an wurden in Hoyerswerda mehrere Organisationen und Initiativen gegen rechts gegründet. Die Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Demokratie und Lebensperspektiven (RAA) organisiert gerade zusammen mit dem soziokulturellen Zentrum Kulturfabrik das Projekt "Mitwisser gesucht", in dem sich SchülerInnen mit den rassistischen Übergriffen vom September von 1991 auseinandersetzen.

"In Hoyerswerda hat der häßliche Deutsche sein Coming-out", schrieb der Spiegel. Politiker kamen vorbei, die Asyldebatte bekam eine neue Dimension. Mit dem ersten Pogrom in Deutschland seit 1945 wird Hoyerswerda vielleicht irgendwann in den Geschichtsbüchern stehen.

Manuel Nhacutou sitzt auf einem Podium in Berlin-Kreuzberg, die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat ihn und zwei andere Zeitzeugen eingeladen. Es ist stickig, der Saal ist voll, an die 300 Leute sind gekommen. Manuel Nhacutou ist Mitte vierzig, er kam 1983 aus Mosambik in die DDR, als Vertragsarbeiter im Braunkohletagebau. Oberlippenbart, Lederjacke, ein bulliger Typ, er sieht aus wie ein Cop aus dem Fernsehen.

Aber seine Stimme ist weich, und er sagt Sätze, die im Gedächtnis bleiben: "Damals hieß es, Ausländer nehmen uns Arbeitsplätze weg, jetzt komme ich wieder und erlebe dieselbe Situation. Dabei hatte ich doch keinen Arbeitsplatz in der Tasche."

"Seid nett zu ihnen!"

Katharina Elle findet das traurig. "Es ist wie mit den beiden Töpfen Teer und Honig", sagt sie. "Man kann in den Teertopf noch so viel Honig füllen, es ändert sich im Grunde nichts. Aber ein bisschen Teer reicht schon, um den Honig ungenießbar zu machen." Sie arbeitet für die Kulturfabrik Hoyerswerda, leitet das neue Projekt "Mitwisser gesucht". Sie machen Workshops für die Klassen 8 bis 10, Planspiele, Zeitzeugengespräche, Medienkritik. "Wir erzählen zu 1991 keine einfache Täter-Opfer-Geschichte", sagt die junge promovierte Literaturwissenschaftlerin.

Es ist Mittwochabend, gerade war die Eröffnung der "interkulturellen Woche", Elle hat sie moderiert. In der Aula des Christlichen Gymnasiums Johanneum hat auch der Oberbürgermeister geredet, er ist von der CDU. Stefan Skora ist ein kleiner, schmaler Mann mit Halbglatze, früher war er erst Büroleiter und dann Stellvertreter seines Vorgängers von der PDS. "Das Bild der Stadt hat sich sichtbar gewandelt", sagt er. Hoyerswerda sei eine lebenswerte Stadt heute. Man dürfe den jüngsten Vorfall nicht aufbauschen.

20 Jahre danach: Wie soll man sich erinnern? Hoyerswerda tut sich schwer mit seinem Erbe, das verwundert nicht. Und viele sind einfach genervt davon, dass ihre Stadt vor allem mit dem Spätsommer 1991 verbunden wird.

"Die sollen das ruhen lassen", ruft der Mann, der gerade den Müll runterbringt. Albert-Schweitzer-Straße 20-22, hier war das Vertragsarbeiterwohnheim, heute wohnen hier Leute, die sich nichts anderes leisten können. Von links bis rechts, alle lebten hier gut zusammen, sagt der Mann, "das sind alles vernünftige Leute". Sie hätten eben nicht filmen sollen, sagt er. Die Leute hätten nur den Kinder etwas erklären wollen.

"Das sind Neger, die kommen aus Afrika, wo es es Bananen gibt", das hätten sie gesagt. Dann beteuert er ganz freundlich, dass er kein Rassist sei und nicht ausländerfeindlich. So etwas wie 1991, "das darf nicht passieren". Und man dürfe nicht alles auf die Arbeitslosigkeit schieben, sagt er noch. Er selbst lebt von Hartz IV.

Übergriffe oder Pogrome?

Vielleicht hat der Mann ja die Lokalzeitung gelesen. "Selbst, wenn es mal schwerfallen sollte: Seid nett zu ihnen!", hieß es dort, gemeint waren die Journalisten von auswärts. "Es fällt sonst todsicher auf die Stadt zurück." Hoyerswerda sorgt sich also um sein Image; die Wirkung allerdings ist begrenzt. Katharina Elle grübelt immer wieder darüber, ob es nicht eine verlorene Generation gibt.

Der Lausitzer Platz im Zentrum der Neustadt, gäbe es nicht McDonald's und Co., man röche die DDR. Zwei Männer sitzen draußen vor dem Asia-Imbiss, sie sind um die 50. "Irgendwie war das ja schon Scheiße 1991", sagt der eine Mann. Und dann folgt ein 15-minütiges Aber. "Da hat sich so viel Hass aufgestaut, der musste sich irgendwann entladen." "Die wollten doch nur die Privilegien", schimpft sein Kollege neben ihm und spachtelt weiter seine Nudeln mit Huhn. "Ich hab was gegen Asylbewerber, natürlich", sagt der erste. Diese Bonzen, warum helfen wir den Griechen überhaupt, die Politiker haben nur Scheiße im Kopf, erhöhen immer ihre Diäten. So.

Was diese beiden Männer verkörpern, ist mehr als Politikverdrossenheit, es ist Verdrossenheit an der Demokratie. Es will nicht recht passen zum Wohlfühlklima in der lichten Schulaula des Johanneum, himmelblaue Wand, Querflöten- und Geigentöne.

Wenn jemand sagt, in den 20 Jahren habe sich doch gar nichts getan, wird der Oberbürgermeister wütend. Er zählt dann auf, was in der Stadt alles gemacht wurde: mobile Jugendarbeit, Schüleraustausche, Aktionen der Kirchen, das "Jahr der Vielfalt". Schon damals seien es ja nur 400 bis 500 Leute gewesen, die die Übergriffe guthießen. Und natürlich gebe es auch heute Probleme, aber auch nicht mehr als anderswo. Sie seien doch in vielem Vorreiter, sagt Bürgermeister Thomas Delling, etwa beim Umbau der schrumpfenden Stadt. Er ist SPD-Mitglied und war vor 20 Jahren stellvertretender Landrat. "Ich wünsche mir eine differenzierte Darstellung."

Die "Orange Box", ein zweistöckiger Quader, steht auf einer Wiese zwischen Alt- und Neustadt. Unten sind die Polizeiberichte von den Tagen im September und Zeitungsartikel ausgestellt. Es wird geschildert, wie sich der Hass hochschaukelte, wie der Mob erst vor dem Vertragsarbeiterwohnheim Stellung bezog und dann auch zum Flüchtlingswohnheim zog. Wie überfordert die Polizei war. Sieben Tage lang.

"Wir wollen ein Denkmal, das wir irgendwann unseren Kindern zeigen können", sagt Emmanuel Agyeman, der damals im Flüchtlingswohnheim lebte. Das Haus gibt es nicht mehr, der ganze Block wurde - wie so viele - abgerissen. Bäume wurden gepflanzt. Oben in der Box gibt es Fotos von ein paar der rund 400 Ausländer, die heute in der Stadt leben. Sie tun es gerne, werden sie zitiert. Die Ausländer, die damals unter Polizeischutz die Stadt verlassen mussten, kommen nicht zu Wort.

Ein Denkmal für die Kinder

Manche sind deshalb unzufrieden mit der Ausstellung. Den Kritikern geht es auch um Begriffe. Die Stadt spricht von "ausländerfeindlichen Ausschreitungen" oder "Übergriffen". Es muss "rassistischer Pogrom" heißen, fordert die "Initiative Pogrom 91". Die Menschen damals hätten den Tod von Menschen in Kauf genommen. Der Oberbürgermeister findet den Begriff gar nicht passend: "Pogrom verbinde ich mit Mord und Völkermord". Und ergänzt: "Den Wunsch der Betroffenen nach einem Erinnerungsort nehmen wir ernst." Vor kurzem hat er sich bei allen, die betroffen waren, öffentlich entschuldigt.

Die Mitglieder der Initiative waren vor 20 Jahren noch zu jung, um mitzubekommen, was passiert ist. Später bekamen sie Ärger mit Nazis und gründeten eine Antifa-Gruppe. Sie fragten sich, warum keiner von dem spricht, was 1991 passiert ist. So schildern sie ihre Motivation. Für Samstag haben sie eine Demo angemeldet. Noch wird gestritten, welche Route sie nehmen dürfen, gerne würden sie an der Lausitzhalle vorbei. Dort trifft sich an dem Tag, an dem vor 20 Jahren die Ausschreitungen gegen die Ausländer begannen, der Bund der Vertriebenen.

Manuel Nhacutou fliegt Mitte der Woche nach Mosambik zurück, seit 1995 wieder sein Zuhause. Im Gepäck: Ein Geschenk des Oberbürgermeisters, eine DVD mit einem Dokumentarfilm über die Stadt. Der Titel: "Lust auf Hoyerswerda".

 

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