Im Rave-Pop-Himmel

GROOVE Wahlberliner mit bayerischem Migrationshintergrund – das Elektropop-Duo Tubbe veröffentlicht jetzt sein Debütalbum

Eine Vorliebe für Tiere ist bei Pop- oder Rockbands nicht ganz unüblich. Dazu muss man nicht mal Grizzly Bear oder Dinosaur Jr., geschweige denn die Monkees oder die Scorpions herbeizitieren. Denn nicht nur namenstechnisch, sondern auch für die Message von Bands waren Tieranalogien schon immer unabdingbar. Fabeln boten sich seit je genau wie in der Literatur an, um menschliches Treiben widerzuspiegeln – da geht es den Poppern und Rockern nicht anders als sagen wir La Fontaine oder Kafka.

Auf dem Cover des ersten Albums der Berliner Band Tubbe, das am Freitag erscheint, hocken also zwei Wellensittiche. Darunter liegen diverse Sorten Wassereis aufgereiht. Man befindet sich – so legt der Titel nahe – im „Eiscafe Ravetto“. Steffi Jakobs, Sängerin der Band, bringt ein weiteres Vieh ins Spiel und sagt über den Titel, die imaginäre Eisdiele sei ein Ort, „wo kleine Kätzchen Eisbecher servieren“. Klaus Scheuermann, die andere Hälfte des Duos, sagt beim Gespräch in einer Kreuzberger Kneipe über das Ravetto: „Ein himmlischer Ort, wo nur unsere Musik läuft.“

Demnach würde im Himmel nur queerer Rave-Pop laufen und es gäbe Wassereis für lau. An einer solchen Vision arbeiten Jakobs und Scheuermann mit ihrer Elektropop-Combo Tubbe seit Ende 2010. In München aufgewachsen und gestartet, sind die beiden mittlerweile in der Berliner Sub- und Clubkultur unterwegs. Kürzlich erschien die erste Single „Liebe. Fertig.“, nun kommt das Debütalbum auf dem Hamburger Elektropunk-Label Audiolith, das auch Frittenbude oder Egotronic ihre Heimstatt nennen.

Die Musik Tubbes ist catchy und eingängig. Die Texte handeln von Leiden, Lieben, Leben – die Kunst ist es, dass sie dabei profan sind, ohne banal zu werden. Und eigentlich, das muss man doch sagen, wären Tubbe wohl ein hibbeliger, unglücklicher Pinguin, wollte man ihre Musik in animalischen Kategorien wiedergeben. Die zwölf Tracks auf dem Album sind dancefloortauglich im positiven Sinne, Songs wie „5 Minute love“ oder „Heute oder hier“ dürften nicht nur die Underground-Kreise ansprechen, aus denen Tubbe stammen.

Die Musik Tubbes ist catchy und eingängig. Die Texte handeln von Leiden, Lieben, Leben

„Lied anstatt“ etwa, der erste Song des Albums, ist ein Trennungssong, der zunächst recht gewöhnlich daherkommt, um dann nach und nach Räume für Neues zu eröffnen: „Komm sag mir nicht / dass es gut ist / denn das ist es nicht.“ Ein Popsong braucht „eine große Wahrheit, die nicht abgenudelt daherkommt“, so Steffi. Und das Gleiche noch mal auf der Ebene der Musik – eine gute, nicht abgehalfterte Hookline. Damit hat sie die Qualität Tubbes bereits beschrieben: Elektro-Ohrwürmer zu schreiben, die nicht belanglos erscheinen.

Dafür gab es bereits Rosenstolz-Vergleiche – was die beiden überrascht: „Wir wollen nicht in so ’ne Schublade!“, sagt Klaus. Vielleicht ist es Steffis klarer Gesang, der an die Berliner Schlagerpopper erinnert, vielleicht die Tatsache, dass sie in München in der Queer-Szene unterwegs war. „Ich find’s halt tendenziell dumm, uns in so eine Ecke zu stellen“, sagt sie. Eher kann man Tubbe vom Lebensgefühl, das sie transportieren, mit Acts wie 2raumwohnung vergleichen.

„Eiscafe Ravetto“ ist fast ausschließlich elektronisch eingespielt, Samples plus Stimme. Ein bisschen Gitarre und einmal ein Becken sind manuell eingespielt, der Rest Software-Beats. Es ist eine klare Produktion. Klaus, der das Album produziert hat, sagt: „Ich finde es wichtig, dass man viele Details hört.“

Die meisten Songs sind Trennungssongs. Die beiden Wellensittiche dürften sich somit eher auf ein kaum zu erreichendes Ideal beziehen: dem der liebevollen Zweisamkeit. Will man die Idee der romantischen Liebe gar ganz beerdigen? „Ja, genau“, quäkt Steffi und lacht. In „Liebe. Fertig.“ oder „Lied anstatt“ jedenfalls scheint sie die schlimmsten Momente einer vergangenen Trennung abgearbeitet zu haben: „Schau sie nicht an / sieh einfach nicht hin /wenn es jemand anders ist / als ich es bin.“

Während Software-Bastler Klaus seit seiner Jugend autodidaktisch an Elektrosounds arbeitet, hat Steffi E-Bass und Jazz am Münchener Konservatorium studiert. Sie schreibt alle Songs auf der Gitarre. Klaus ist seit drei, Steffi seit eineinhalb Jahren in Berlin. „Elektronik ist in München ganz anders als in Berlin“, sagt Klaus, „Minimal-Musik gibt es zum Beispiel fast gar nicht in München.“ Über ihre neue Wahlheimat sagt Steffi: „Früher kamen die Leute nach Berlin, die aufregend waren und heute vielleicht eher die, die gern aufregend wären.“

In diesen Tagen starten Tubbe eine Tour durch Deutschland und Frankreich, und auch dabei werden Tiere eine Rolle spielen: Der Tubbär, das Bandmaskottchen, wird am Mikroständer hängen und Katzenliebhaberin Steffi wird propagieren, dass Katzen die Republik regieren mögen. Damit dann alles wie geschnurrt läuft hier.