40 Jahre Synanon

Drinbleiben heißt clean bleiben

Zu Synanon kommen Süchtige, wenn gar nichts mehr geht. Die Regeln sind streng, völlige Abstinenz ist die ultimative Bedingung fürs Bleiben.

Weg von der Droge: Bei Synanon gibt es nur den Weg der absoluten Abstinenz. Bild: dpa

„Da dürfen Sie sich nicht draufsetzen!“ Die Holzbank im Eingangsbereich des Synanon-Hauses ist eine besondere Bank. „Wer sich da hinsetzt, wird entweder aufgenommen oder entlassen“, sagt Jürgen vom Empfang. Er ist Alkoholiker, um die 50. Vor zwei Jahren hat er bei Synanon seinen 1. „Clean-Geburtstag“ gefeiert.

Hundert Süchtige leben im Haus in der Bernburger Straße, unweit des Anhalter Bahnhofs. Fast alle sind Männer. Junkies, Säufer, Kiffer, Kokser. Schulabbrecher, Mechaniker, Rechtsanwälte, Professoren. Raue Typen mit Armen voller Knast-Tattoos und stille Jungs, die die Einsamkeit am Computer mit Drogen füllten. Die meisten kommen, wenn nichts mehr geht. Synanon gilt als harter Entzug. Es kursieren Gerüchte über sektenartige Strukturen und Gehirnwäsche.

Tatsächlich träumten sieben Studenten, allesamt drogenfreie Fixer, in den Siebzigern von einer Lebensgemeinschaft außerhalb der Konsumgesellschaft. Die Idee, sich selbst aus der Sucht zu befreien, kam aus den USA. In der Synanon-Welt der Siebziger und Achtziger trugen die Bewohner kurz geschorenes Haar, auf eigenen Feldern in Westdeutschland wuchs biodynamisches Gemüse. Es gab Hochzeiten, ein Kinderhaus und Gruppensitzungen, die „Spiele“ hießen.

Die Sucht-Selbsthilfeorganisation gründete sich 1971. Der Name ist ein Kunstwort, das vom US-Vorbild übernommen wurde. Synanon finanziert sich über Zuschüsse des Landes, Einnahmen der eigenen Betriebe, Bezüge der Bewohner und Spenden. In den letzten 40 Jahren haben rund 23.000 Süchtige bei Synanon Hilfe gesucht. Von den Süchtigen, die länger als zwei Jahre bei Synanon leben, bleiben laut einer Erhebung aus den Neunzigerjahren rund 70 Prozent drogenfrei.

Als Frank Schmidt 1992 zu Synanon kam, hatte er zwei Knastaufenthalte, zwei erfolglose Langzeittherapien und 15 Jahre an der Nadel hinter sich. Die Krankenkasse wollte dem Heroinabhängigen keine weitere Therapie bezahlen – mangels Erfolgsaussichten. Zu Synanon wollte Schmidt erst nicht: „ ,Lebensgemeinschaft' klang für mich zu sehr nach Sekte.“ Aber er hatte nichts mehr zu verlieren. Er setzte sich auf die Holzbank und blieb fünf Jahre im Haus. „Draußen“ starb seine Exfrau an einer Überdosis. Schmidt blieb clean, heiratete wieder, lief Halbmarathon, legte sich einen Kleingarten zu. Seit 2000 ist der 50-Jährige stellvertretender Vorsitzender und Hausleiter bei Synanon.

„Methadon stellt ruhig. Wir wollen richtig leben“

„Synanon ist nicht hart und hat auch nichts mit einer Sekte zu tun“, sagt Schmidt heute. „Es gibt nur klare Regeln.“ Wer sich auf die Bank setzt, um zu bleiben, muss die drei Hausregeln akzeptieren: keine Drogen, keine Gewalt, kein Tabak. Das Rauchverbot schrecke vor allem Jugendliche ab, sagt Schmidt. Aber absolute Abstinenz sei die Grundidee von Synanon – und der große Unterschied zu den meisten anderen Drogenprojekten der Stadt. Substitutionsprodukte gibt es bei Synanon nicht. „Methadon stellt ruhig. Wir wollen richtig leben“, sagt Schmidt.

Auf die Holzbank setzen sich gläubige Muslime, Linksautonome, Rechtsradikale, Menschen aller sozialen Schichten. Im Aufnahmebereich müssen sie sich ausziehen, duschen, bekommen neue Sachen. Weder Handy noch Geld dürfen mit ins Haus. Nächste Station ist ein helles Zimmer mit sechs Betten. Auf den Matratzen sind Gummibezüge, die Bettwäsche ist chemisch gereinigt. Es riecht streng. „Hier findet der Entzug statt“, erklärt Schmidt.

Manche kommen nur für eine Nacht – für ein warmes Bett, eine Mahlzeit, eine Dusche. Wer bleibt, trägt die ersten vier Wochen den Synanon-Blaumann und ordnet sich dem strengen Tagesablauf unter: Um sechs Uhr aufstehen, duschen, rasieren, Frühstück, Arbeit im Haus oder in einem der Synanon-Betriebe, duschen, Abendbrot, etwas Freizeit. Montags geht es „auf die Gruppe“, wie die Sitzungen heute heißen. Die ersten drei Monate verbringen die Neuankömmlinge in Mehrbettzimmern, ohne Handy, Fernseher und Internet, mit 15 Euro Taschengeld im Monat. Es herrscht Kontaktsperre zur Außenwelt, verlassen wird das Haus nur in Begleitung. Wer gegen eine der Hausregeln verstößt, fliegt raus. Sofort.

Thomas hat sich am 31. Dezember 2009 auf die Synanon-Bank gesetzt. „Noch einmal Silvester ging nicht.“ Der blasse 27-Jährige vegetierte vor dem Computer dahin, mit Unmengen Alkohol und Marihuana. Er hatte seine Wohnung verloren, versank in Schulden. „Als mein Vater sagte, er habe keine Kraft mehr, zu helfen, bin ich hergekommen.“ Inzwischen arbeitet er in der Küche. Für die 40-Jahr-Feier müssen der menschenscheue Thomas und sein Team für hunderte Gäste kochen. „Ich lerne hier auszuhalten“, sagt er und meint die Situationen, in denen er früher zum Alkohol griff.

Schule des Lebens

Nach den ersten Monaten kommen die Synanon-Bewohner in einen der Betriebe des Vereins. Es gibt ein Reinigungsunternehmen, die Wäscherei, einen Cateringbetrieb, die Reitschule. Bekannt sind vor allem die Synanon-Umzüge mit ihren weißen Lastern. So fing in den Siebzigern auch alles an.

Damals hatte die Polizei „Bärchen“ vorbeigebracht: einen ausrangierten Transporter, mit dem die Synanon-Gründer ihre Lebensgemeinschaft finanzierten. Rund acht Personen lebten im Haus, damals noch in der Oranienstraße. Im Lauf der Jahre kamen mehr und mehr Abhängige, Häuser auf dem Land und anthroposophische Ideen dazu. Vom amerikanischen Vorbild mit zunehmend sektiererischen Auswüchsen distanzierte man sich Ende der Siebziger.

Nach der Wende brach ein Ansturm auf Synanon los, dem das selbst verwaltete Projekt kaum gewachsen war. Bis zu 500 Abhängige lebten zeitweilig in der Gemeinschaft. Mitte der Neunziger prallte der einstige Idealismus auf einen Berg von Schulden. Synanon stand vor dem Aus und konnte nur durch radikale Umstrukturierung gerettet werden. Die Lebensgemeinschaft wurde, was sie heute ist: „Eine Lebensschule, die auf ein normales Leben ohne Drogen vorbereitet“, sagt Frank Schmidt.

Normalität hat Matthias, ein bulliger Typ mit selbst gestochenen Tattoos, nie gehabt. Seit seinem 12. Lebensjahr hat er „durchgesoffen“ – immer Schnaps. Matthias hat seine Familie verloren, seinen Job, alle Freunde. Nach der 50. Entgiftung hat er aufgehört zu zählen. 2006, mit 37 Jahren, war er fertig, hatte unkontrollierbare Krampfanfälle, lag nur noch im Krankenhaus.

Bei Synanon habe er die enge Struktur gefunden, die er allein nicht hinbekam, sagt Matthias. Inzwischen liegen drei Jahre Ausbildung hinter ihm. In zwei Wochen macht der 42-Jährige seine Gesellenprüfung zum Glas- und Gebäudereiniger. In seinem Zimmer im Synanon-Haus hat er Dutzende Bilder von den Beatles aufgehängt. „Ich werde noch eine Weile hierbleiben“, sagt Matthias. Die Angst vor einem Rückfall in der Welt da draußen sei zu groß. Zu viele habe er gesehen, die wieder Platz nehmen mussten. Auf der Holzbank am Eingang zum Synanon-Haus.

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