Chinesische Autorin über Ai Weiwei

"Jetzt fängt es wieder an"

Die Schriftstellerin Zahng Yihe saß als "Konterrevolutionärin" zehn Jahre lang in Gefängnishaft. "Ai Weiwei unterstützen heißt, uns selbst verteidigen", sagt Zahng.

Ai Weiwei ist im Gefängnis: Der chinesische Künstler kämpft um Menschenrechte in China. Bild: dapd/ap

taz: Ai Weiwei wird seit über fünf Wochen an einem unbekannten Ort in Peking festgehalten. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie am 3. April davon hörten, dass er abgeführt worden war?

Zhang Yihe: Ich hatte plötzlich das Gefühl: "Jetzt fängt es wieder an." In der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 gab es diese Methode der Denunziation: Den Lehrern warf man einen politischen Fehler in ihrem Unterricht vor, bei Schriftstellern fand man Probleme in ihren Gedichten oder Romanen, und die Künstler klagte man an, sie hätten die Regierung mit ihrer Kunst infrage gestellt.

Sie selbst haben damals als sogenannte Konterrevolutionärin zehn Jahre im Gefängnis gesessen.

Die 71-jährige Zhang Yihe ist Expertin für Pekingopern. 2008 ist ihr Buch "Vergangenes vergeht nicht wie Rauch" auf deutsch bei der Edition 2001 erschienen.

Deshalb bin ich so alarmiert, und deshalb glaube ich, dass sich die Intellektuellen und vor allem die Künstler hinter Ai Weiwei stellen müssen. Wir müssen ihn verteidigen, auch zu unserem eigenen Schutz. Es geht nicht nur um ihn allein. Viele Leute sind betroffen, Aktions-, Konzept- und Avantgardekünstler im ganzen Land stehen unter Druck. Niemand ist sicher, das ist das Schockierende.

Kritiker werfen Ai Weiwei vor, er sei kein richtiger Künstler. Er habe Ideen anderer kopiert. Seine Aktionen dienten nur dazu, sich wichtig zu machen oder im Ausland bekannt zu werden.

Deshalb war es nötig, dass sich jemand vom Fach mit der Kunst Ai Weiweis beschäftigt. Ich habe einen der wichtigsten chinesischen Kenner zeitgenössischer Kunst, den Kurator Li Xianting, gebeten, mir dabei zu helfen. Wir haben beschlossen, zusammen einen Artikel zu schreiben.

Li gilt als "Pate der chinesischen Gegenwartskunst", er hat das Künstlerdorf Songzhuang bei Peking mitentwickelt und vielen Malern dort zu großem Erfolg verholfen.

Li hat sich gleich bereit erklärt mitzumachen und unseren Artikel über die Kunst Ai Weiweis sogar mit seinem Namen gezeichnet. Der Text macht klar, wie sich die künstlerische Karriere Ai Weiweis entwickelt hat, welche Einflüsse im In- und Ausland es gab, wie er mit der Form der ironischen Nachahmung und der Parodie arbeitet - was ein übliches Element der Konzeptkunst ist. Ich selbst habe noch dazu geschrieben, was zum Wesen dieser Kunstrichtung gehört: Sie ist frei und eckt an und geht weiter, als es die meisten Menschen in ihrem Alltag verstehen und tolerieren können.

Gab es Ärger wegen Ihres Artikels?

Gleich an dem Tag, nachdem wir über unseren Plan gesprochen hatten, den Text zusammen zu schreiben, erhielt Li Besuch von der Polizei. Man fotografierte sein Studio und brach eine Ausstellung ab, die er gerade organisiert hatte. Ich habe ihm sofort eine E-Mail geschrieben, dass es mir leid tut, ihm Probleme bereitet zu haben. Und dass er von unserem Projekt zurücktreten könne. Aber er hat geantwortet: "Selbst wenn man mir meine Arbeitsmöglichkeiten nimmt, werde ich diesen Text trotzdem schreiben." Er ist sehr mutig.

Was steckt Ihrer Ansicht nach hinter dieser Entwicklung?

Seit der Jasmin-Bewegung in Nordafrika und dem Nahen Osten ist die Regierung sehr besorgt, dass jemand in China ebenfalls Unruhen schüren könnte. So verfielen sie auf Ai Weiwei: Er ist berühmt, er hat die Fähigkeit, mit einem einzigen Foto oder Bild sehr viel zu sagen, und er nutzt intensiv das Internet. Aber sie haben sich natürlich geirrt, weil sie in ihm einen politischen Akteur sehen. Sie haben nicht verstanden, dass er ein wahrer Künstler und das Politische ein Teil seiner Kunst ist.

Es gibt viele Chinesen, die geradezu gereizt auf Ai Weiwei reagieren und ihm vorwerfen, er sei "unpatriotisch".

Das ist ein Ergebnis der Erziehung. Die Kinder lernen von klein auf, dass sie ihr Land lieben müssen. Wenn sie erwachsen werden, glauben sie zutiefst daran. Und sie entwickeln eine gespaltene Persönlichkeit, denn sie lieben die Dinge des Westens: die Filme, die Kleidung. Sie sprechen Englisch, reisen nach Europa und in die USA. Auf der geistigen Ebene haben sie den Patriotismus vorgesetzt bekommen und angenommen - aber das, was sie suchen, sind die materiellen Dinge des Westens.

Wie wichtig ist die Kunst in China?

Es wird zu wenig Kunst und Kritik unterrichtet. Bei der Konzeptkunst oder der Performance Art zum Beispiel geht es doch nicht darum, ob etwas schön ist oder hässlich, sondern ob es eine starke Wirkung hat. Aber sie lernen das in unseren Schulen nicht. Deshalb können sie die Darstellung von Hässlichkeit in der Kunst Ai Weiweis nicht ertragen, deshalb hassen sie ihn und wenden sich von ihm ab. Das ist ganz normal. Ich frage mich manchmal, wie viele Menschen in China wirklich Michelangelo, Bach und Shakespeare verstehen, ganz zu schweigen von den chinesischen Philosophen Laozi und Zhuangzi. Unsere Kultur ist auf ein Minimum reduziert.

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