Beziehung zwischen al-Qaida und Taliban

Keine Bin-Laden-Fans

Die Beziehungen zwischen al-Qaida und den Taliban werden überbewertet. Deshalb könnte der Tod bin Ladens politischen Spielraum öffnen – wenn die USA mitspielen.

Haben mit al-Quaida nicht viel gemein: Taliban-Kämpfer geben ihre Waffen ab. Bild: reuters

"Wir hoffen, dass al-Qaidas Aktivitäten mit dem Tod ihres Führers enden", sagte Afghanistans Präsident Hamid Karsai, als ihn am Montag die Nachricht von der Erschießung Osama bin Ladens erreichte. "Unsere (Stammes-)Ältesten, Jugendlichen, Kinder und Frauen sind wirkliche Muslime, aber sie werden von Al-Qaida-Kämpfern getötet." Am selben Tag, an dem die Operation der US-Sondereinheit im pakistanischen Abbottabad lief, hatte ein Zwölfjähriger im Basar der südostafghanischen Kreisstadt Barmal sich in die Luft gesprengt, dabei vier Menschen getötet und mehr als ein Dutzend verletzt.

Das Bemerkenswerte an Karsais Botschaft: Auch er scheint Probleme damit zu haben, eine klare Trennlinie zwischen der global-dschihadistischen Organisation al-Qaida und den afghanischen Taliban zu ziehen. Karsai ist es anscheinend wichtiger, Krieg und Terror in seinem Land ausländischer Einmischung zuzuschreiben und so zu tun, als ob die Aufständischen im Grunde keine Afghanen seien.

Auf dieser falschen Prämisse baute auch die Strategie des Westens zur Aufstandsbekämpfung auf: Taliban und al-Qaida propagandistisch in einen Topf werfen, die Taliban so lange bombardieren, bis sie sich an den Verhandlungstisch bequemen, und Reumütigen unter den vom Weg abgeirrten "Brüdern" (Karsai) die Wiedereingliederung in die afghanische Gesellschaft anzubieten.

Thomas Ruttig ist Kodirektor des unahängigen Afghanistan Analysts Network mit Sitz in Kabul und Berlin.

Ganz so einfach ist die Sache jedoch nicht. Gerade die führenden US-Terroranalysten, die wegen Washingtons Boykott des Taliban-Regimes bis 2001 diese nur aus Telefonmitschnitten und Gefangenenverhören kennen, scheinen ihrer eigenen Propaganda erlegen zu sein. Immer wieder ist unterschiedslos von einem "Terrorsyndikat" die Rede, zu dem afghanische und pakistanische Taliban, pakistanische und kaschmirische Terrorgruppen und natürlich al-Qaida gezählt werden. Das hat auch Obama selbst beeinflusst, dessen Afghanistan-Strategie im Wesentlichen der von Bush gleicht – "al-Qaida zu stören und zu zerschlagen" –, nur ohne dessen messianische Rhetorik.

Die einen agieren regional, die anderen global

Will man die Folgen des Todes Osama bin Ladens für den Krieg in Afghanistan abschätzen, ist eine genaue, ideologiefreie Analyse dessen nötig, was al-Qaida und die afghanischen Taliban jeweils darstellen, wo und wie sie operieren, welche Ziele sie verfolgen und wie viel Überschneidungen es dabei gibt.

"Wir sind das eine, und al-Qaida ist etwas anderes", sagte der offizielle Taliban-Sprecher schon im Mai 2009. "Sie sind global, wir operieren nur in der Region, mit dem Ziel, das 2001 im Zuge der US-geführten Militärintervention gestürzte islamische Emirat Afghanistan wiederzuerrichten." Etwas später erklärte Taliban-Chef Mullah Omar, seine Organisation verfolge "keinerlei Agenda, anderen Ländern Unheil zuzufügen". In der Tat: Es waren keine Afghanen unter den Terroristen des 11. September. Und im Unterschied zu Pakistans Taliban oder etwa Lashkar-e-Taiba – der Gruppe, die 2008 die Anschläge in Mumbai verübte –, gibt es keinen einzigen Fall, in dem ein afghanischer Talib sich später an Terrorakten außerhalb Afghanistans beteiligt hätte.

Es gibt keine Afghanen in der Al-Qaida-Führung, umgekehrt gibt es keine Araber in der Kommandostruktur der afghanischen Taliban. In dschihadistischen Begriffen: Al-Qaida konzentriert sich auf den "fernen Feind", die USA und ihre Verbündeten, auf deren Terrain, während die Taliban den "nahen Feind" im eigenen Land bekämpfen – die Kabuler Regierung und das, was sie als Okkupationstruppen "muslimischen" Territoriums betrachten. Weder die USA noch die EU, Großbritannien oder die UNO haben die Taliban je als terroristische Organisation gelistet.

Bewusste organisatorische Abgrenzung

Schon vor 9/11 hielten die Taliban sich bewusst organisatorisch von al-Qaida fern. Sie traten nicht der Weltweiten Islamischen Front für den Dschihad gegen Juden und Kreuzfahrer bei, die bin Laden im Februar 1998 in einer afghanischen Höhle mit Gruppen aus Bangladesch, Ägypten und Pakistan gründete. Im Anschluss daran verlangte Talibanchef Mullah Omar sogar von ihm, alle politischen Aktivitäten zu unterlassen, solange er Gast der Taliban sei. Mullah Omar dürfte bin Laden bis heute nicht verziehen haben, dass ihn die Anschläge in New York und Washington die Herrschaft über sein Islamisches Emirat kosteten.

Im Gegensatz zu Terrorgruppen im Maghreb oder auf der Arabischen Halbinsel traten die Taliban auch jetzt nicht al-Qaida bei. Die sogenannte Al-Qaida Afghanistan dürfte nur auf jenen dschihadistischen Webseiten existieren, über die sie nach wie vor Spenden akquiriert. Selbst der US-Oberbefehlshaber in Afghanistan sprach von "weniger als 100" Al-Qaida-Kämpfern in Afghanistan.

Die symbiotischen Beziehungen zwischen al-Qaida und Taliban unmittelbar nach 2001, als beide von den US-Schlägen extrem geschwächt waren, existieren nicht mehr. Inzwischen sind die Taliban auch ohne al-Qaida handlungsfähig: Sie haben genug eigene Kampferfahrung und kontrollieren oder beeinflussen weite Teile Afghanistans, sie erheben sogar Steuern - auf westlich gesponserte Projekte und die milliardenschweren Militärkontrakte. Diese Einnahmen dürften selbst die Zuflüsse aus dem Drogenhandel in den Schatten stellen.

Bin Ladens Tod eröffnet neue politische Ansätze

Der mangelnde Enthusiasmus der afghanischen Taliban für die globale Dschihad-Agenda al-Qaidas lässt sich darauf zurückführen, dass sie angesichts des angekündigten Abzugs der westlichen Truppen aus Afghanistan bis 2014 trotz aller Rückschläge siegesgewiss sind. Von der internationalen Gemeinschaft wollen sie sich nicht auf Dauer isolieren.

Die Taliban sind also nicht generell Fremdkörper in der afghanischen Gesellschaft. Sie greifen sogar erfolgreich antiwestliche Stimmungen unter jenen auf, die nicht ihre Anhänger sind, nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen Fehler der westlichen Interventionsmächte: von der sich vertiefenden Kluft zwischen den Korruptionsgewinnern in der Karsai-Regierung und dem großen Rest bis zur immer noch zunehmenden Zahl getöteter Zivilisten.

Bin Ladens Tod wird nichts am unmittelbaren Kräftegleichgewicht in Afghanistan ändern, nicht zuletzt, weil selbst die Taliban nicht uneingeschränkt Bin-Laden-Fans sind. Aber politisch ergeben sich neue Ansätze, wie sie bereits Alex Strick van Linschoten und Felix Kuehn im Februar in einem viel beachteten Papier für die New York University konstatierten: "Es existiert Spielraum, die Taliban bei den Themen Abkehr von al-Qaida und Garantien gegen die Nutzung Afghanistans durch den internationalen Terrorismus zu engagieren." Das wird aber nur funktionieren, wenn man die Taliban jetzt nicht zwingt, den Bruch öffentlich zu vollziehen.

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