Tempelhofer Feld

Keine Jubelrufe für den Tempelberg

2020 soll das Gelände fertig gestaltet sein: mit Kletterberg, Teich und Boulevard. Bei den Parkbesuchern hält sich die Begeisterung in Grenzen - der Protest aber auch.

Gefällt vielen so wie es ist: Das Tempelhofer Feld. Bild: dpa

Es ist ein Surren. Erst ganz leise aus der Ferne, dann kommt es immer näher, wird fast bedrohlich laut, ehe der Mann am Steuerknüppel das Modellflugzeug wieder nach oben zieht. Das Surren verschwindet.

Wenige Meter neben dem Punkt, an dem das Flugzeug gerade fast eingeschlagen wäre, am westlichen Ende der Nordbahn auf dem Tempelhofer Feld, stehen Andreas Mai und sein Sohn. Wenn die beiden in Richtung Osten blicken, den Modellflugzeugen hinterher, sehen sie die asphaltierte Nordbahn, die sich rund zwei Kilometer über das Gelände zieht. Rundherum ist es grün, und wer ganz genau hinschaut, kann am anderen Ende eine Skulptur aus Holzelementen erkennen, ähnlich einem Klettergarten. Bis dahin: Weite.

Mai und sein Sohn sind mindestens einmal die Woche auf dem Feld. Sie haben Fahrräder dabei oder schauen den Modellflugzeugen hinterher. "Manchmal", sagt Mai, "wünsche ich mir schon, dass es hier mehr Freizeitangebote geben sollte. Auch für Kinder. Momentan kann man nicht viel mehr machen als sich hinsetzen und eine Runde Rad fahren."

Die Pläne der Architekturbüros Gross.max und Sutherland Hussey sind vor allem eines: wahnsinnig bunt. Zwischen psychedelischen Farben fliegen überdimensionierte Pusteblumensamen durch die Landschaft, auf der Wasserfläche blinken rosafarbene Reflexionen zwischen Schwänen.

Abgesehen von der Wasserfläche direkt am ehemaligen Vorfeld des Flughafens sehen die Pläne einen 60 Meter hohen Berg am Neuköllner Rand vor, einen Pavillon in der Mitte und ellipsenförmige Wege als Verbindungen.

Die Pläne sollen bis 2020 umgesetzt sein. 2017 findet die Internationale Gartenausstellung (IGA) auf dem Gelände statt, dann ist ein Drittel nur noch gegen Eintritt zugänglich. 61,5 Millionen Euro sind für die Umgestaltung des Geländes eingeplant. Davon sollen gut 10 Millionen in die IGA fließen, die 50 Millionen kosten soll. (sve)

Die Initatoren der Kampagne The Berg haben derweil nochmal ihre Ursprungsidee mit einem neuen Video in Erinnerung gebracht. Es findet sich hier:

Freizeitangebote speziell für Kinder - das hat der Senat nicht im Angebot. Auch wenn die Entwürfe für die Parkgestaltung, die die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Ende vergangener Woche vorgestellt hat, schon Freizeitcharakter haben. Ein 60 Meter hoher Felsen ist darin vorgesehen, der am östlichen Rand stehen soll und auch zum Klettern genutzt werden kann, ein Wasserbecken am nordwestlichen Ende, auf dem man im Winter Schlittschuh laufen könnte, und ein Boulevard nebst Ausstellungspavillon in der Mitte. Einige der Pioniernutzer, die derzeit sportliche oder kulturelle Angebote auf kleiner Fläche erproben, könnten bleiben. Und ellipsenförmige, sich kreuzende Wege sollen kurze oder lange Spaziergänge möglich machen.

Ist das das Tempelhofer Feld, wie es sich die Menschen wünschen? Die Senatsverwaltung verweist stets auf die Bürgerbeteiligung in Form von Umfragen und Informationstagen. Und am sonnigen Dienstagmittag auf dem Feld scheinen die Pläne tatsächlich eine Art Kompromiss zu sein. Ein Kompromiss, bei dem zwar niemand hurra schreit, aber auch niemand komplett dagegen ist.

Mai zum Beispiel. "Ein Kletterfelsen hört sich gut an", sagt Mai. "Ich hätte auch nichts gegen einen Kinderspielplatz." Das sagt auch Tülay Baba, die mit dem Buggy ihre Zwillinge über die Fläche schiebt, auf der sich später einmal der künstlich angelegte Teich befinden soll. Sie könnte sich noch viel mehr vorstellen, einen kleinen Rummel vielleicht, Ponys zum Reiten.

Könnte Severin Walz diese Vorschläge hören, er würde die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. "Ich würde gar nicht viel ändern hier", sagt Walz, der aus der Schweiz nach Berlin gezogen ist und regelmäßig mit dem Rad über das Gelände kurvt. Der Berg sei zwar eine lustige Idee, aber man dürfe auf keinen Fall die Weite zerstören: "Wenn man ganz in der Mitte auf dem Boden sitzt und nicht so viele Leute da sind, dann werden einem auf einmal die Relationen klar, man kann zu sich finden und nachdenken." Auch Ulrike Menke, die in der Nähe wohnt und hier täglich spazieren geht, lobt den Freiraum: "Gerade das Provisorische an dem Ort, dass er sich selbst weiterentwickelt, ist faszinierend." Wenn es nach ihr geht, sollte hier gar nichts weiter gestaltet werden.

Ein anderer Anwohner an der Neuköllner Seite des Feldes schlägt Rockkonzerte und Feuerwerke vor. Er ist erst vor kurzem in die Nachbarschaft gezogen und findet das Feld "eine Bereicherung für die Stadt". Nur den Berg, den möchte er dann doch nicht direkt vor der Nase haben.

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