Krieg in Libyen

Die ganze Stadt ist ein Gefängnis

Seit Wochen kämpfen die Rebellen in Misurata gegen die Truppen Gaddafis. Mittlerweile ist die Stadt komplett umzingelt, der Alltag ist geprägt von Dauerbeschuss.

Siegeszeichen in verzweifelter Lage: ein Bewohner von Misurata an der besonders umkämpften Bengasi-Straße. Bild: Alfredo Bini/Cosmos

MISURATA taz | Die Detonation ist hart, heftig, unvermittelt. Sie findet in einem weiter weg liegenden Gebiet statt und lässt eine dichte Wolke schwarzen Rauchs zum Himmel aufsteigen. Saadoun al-Misurati schaut zum Horizont und sagt: "Sie bombardieren wieder. Bisher war heute ein ruhiger Tag. Gestern haben sie von 9 bis 1 und von 14 bis 19 Uhr Granatwerfer eingesetzt. Mit nur einer Stunde Pause."

Willkommen in Misurata, dem einzigen Ort in Tripolitanien, der sich noch in der Hand der Shebab al-Thaura befindet, der "jungen Revolutionäre", die seit Februar gegen Machthaber Muammar al-Gaddafi rebellieren. "Seitdem wir die Stadt eingenommen haben, greifen sie ununterbrochen an. Sie wollen uns mit Macht in die Knie zwingen", sagt Saadoun. Der 35-Jährige ist in Großbritannien aufgewachsen und fungiert als offizieller Sprecher der Kämpfer.

Blockierte Zugänge

Seit dem 19. Februar, dem Tag, an dem Misurata dem Beispiel des Osten des Landes gefolgt ist und sich gegen Gaddafi gestellt hat, ist der Alltag in der drittgrößten Stadt Libyens unerbittlich von den nicht ablassenden Attacken der Gaddafi-treuen Truppen geprägt. Diese haben mit ihren Panzern außerhalb der Stadt Stellung bezogen und feuern mit Granatwerfern. In verschiedenen Vierteln haben sie Heckenschützen, die auf alles zielen, was sich bewegt.

Die Front verläuft längs der zwei Verkehrsadern, die den Zugang zur Stadt markieren: der Bengasi-Straße im Osten und der Tripolis-Straße im Westen. Aber sie verläuft wie Lavastrom, oft unkontrollierbar. Scheinbar sichere Gebiete werden von Raketen getroffen. Ganze Viertel müssen infolge unvermuteter Attacken geräumt werden und verwandeln sich innerhalb eines Tages in Geisterzonen.

Misurata ist eine belagerte Stadt. Sie ist mittlerweile vollkommen umzingelt von den Truppen Gaddafis, die alle Zugänge zur Stadt blockiert halten. Der einzige Zugang ist über das Meer möglich. Auf diesem Weg ist es auch dem Berichterstatter während einer der seltenen Feuerpausen gelungen, in die Stadt zu gelangen. Zwei Stunden später liegt der Hafen unter schwerem Beschuss.

Theoretisch gesehen kontrollieren die Rebellen die Zone zwischen dem Stadtzentrum und dem Meer. Aber die Kontrolle ist nur zeitweise gewährleistet, ihre Kräfte schwinden. An den Straßenrändern wurden Schützengräben ausgehoben, Molotowcocktails liegen bereit für den Fall, dass sich Regierungstruppen nähern. Auf dem Pflaster liegen benzingetränkte Decken, die in brennende Hindernisse verwandelt werden können, um sich dem Feind entgegenzustellen.

Vorbereitung auf die endgültige Schlacht

Misurata bereitet sich auf die endgültige Schlacht vor. Bei den Bodenkräften könnten die Unterschiede nicht größer sein: auf der einen Seite die Tanks der Gaddafi-Getreuen, oft sogar mit Raketenwerfern ausgestattet; auf der anderen Seite die stumpfen Waffen der jungen Aufständischen. Im Unterschied zu Bengasi, wo die Shebab al-Thaura auch Kalaschnikows haben und über mehrere Armeeposten mit schwerer Artillerie verfügen, können die Kämpfer hier auf höchstens ein Gewehr pro Blockadeposten zählen.

Misurata ist eine Enklave des Widerstands - isoliert vom Rest der Welt, der internationalen Presse nicht zugänglich. Einige Viertel müssen seit 45 Tagen ohne fließendes Wasser und Strom auskommen. Wie lange wird es noch durchhalten? Trotz der Bombardements der Alliierten gegen die Bodentruppen Gaddafis verlieren die Rebellen an Terrain. Die Front nähert sich dem Meer. Die "befreite Zone" verkleinert sich immer mehr. Und die Stadt verwandelt sich in ein Flüchtlingslager für ihre eigenen Bewohner.

Tausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen und leben nun in Notunterkünften. Masoud Masoudi ist einer von ihnen. Der 50-Jährige mit stattlicher Statur und wachen Augen kommt aus Ras Ammar, einem eher zentral gelegenen Viertel nahe der Tripolis-Straße. Vor zehn Tagen wurde er gerade noch rechtzeitig von den Shebab al-Thaura evakuiert, bevor sich sein Viertel in ein Schlachtfeld verwandelte. Zusammen mit seiner Frau Boushra und sechs Kindern sind sie in einer Schule unterkommen.

"Unser Haus wurden von Panzern zerstört. Wir besitzen nichts mehr außer unserem Leben", erzählt er verzweifelt. Es gelingt ihm nicht, die Tränen zurückzuhalten, während er seine wenigen Habseligkeiten zeigt - einen Koffer mit ein paar Kleidungsstücken, ein paar Kekspackungen und Windeln, die sie von den Kämpfern bekommen haben.

Der Angriff des Regimes in Tripolis auf Misurata ist erbarmungslos. Er trifft die gesamte Stadt, spart niemanden aus. Die Detonationen haben die Fenster der Häuser zerstört. Zivilisten sind Ziel von auf den Dächern postierten Heckenschützen. "Gaddafi ist entschlossen, der einzigen Stadt in Tripolitanien, die er nicht kontrolliert, eine Lektion zu erteilen", betont Saadoun al-Misurati. Vor 15 Tagen schlugen Raketen in einer Menschenmenge ein, die den von Tripolis verkündeten Waffenstilstand ernst genommen hatte und friedlich demonstrierte. Nach einer Stunde waren 40 Tote zu beklagen. "Exakte Angaben sind nicht möglich, aber wir können sagen, dass es seit Beginn des Angriffs mindestens 400 Tote in Misurata gegeben hat", sagt Dr. Mohammed Addamfour, während er in einem Zelt im Hof der Al-Hikma-Klinik operiert.

Überwiegend zivile Opfer

Diese ehemalige Privatklinik ist heute das wichtigste Krankenhaus der Stadt. Das Zentralkrankenhaus wurde ständig mit Granatwerfern beschossen. "Nach zwei Einschlägen dort im Hof haben wir alle Patienten hierhergebracht", berichtet der Arzt.

Die Klinik ist überfüllt. Das Personal kommt nicht mehr hinterher; wer keine lebensgefährlichen Verletzungen hat, muss warten. Addamfour verbindet das Bein eines Patienten, während er erzählt. "Er hat sich Oberschenkel und Schienbein gebrochen. Aber wir können ihn frühestens in zehn Tagen operieren." Ein Gang durch die Krankenzimmer verdeutlicht die regellose Härte der Schlacht um Misurata, die Saadoun betont hat: Die Patienten in den Betten sind fast alle Zivilisten, Opfer von Bomben und Scharfschützen.

In einer Kammer liegen die Brüder Mohammed und Ali Emhemid, 11 und 14 Jahre alt. Sie wurden von Bombensplittern getroffen, als sie vor ihrem Haus spielten. Der jüngere ist rundum verbunden, er hat das linke Auge, die rechte Hand und drei Finger der linken verloren. Seine Beine sind mehrfach gebrochen. Der größere ist mit einer Verletzung am Bauch und einem gebrochenen Schienbein "davongekommen". Ihr Vater ist bei ihnen. Liebevoll fächert er Mohammed Luft zu, der Kleine versucht die Schmerzen tapfer wegzulächeln. Dann bricht es aus dem Vater heraus: "Wo sind denn nun die Vereinten Nationen? Wo ist die internationale Gemeinschaft? Sie müssen dieses Massaker beenden!"

Auf der verlassenen Bengasi-Straße markieren ausgebrannte Autos, Reifen und umgestürzte Müllcontainer die Frontlinie. Die Häuser ringsum sind voller Einschusslöcher. Die Shebab al-Thaura haben sich hinter einer Ecke verschanzt. Ab und zu lehnen sie sich raus. "Da drüben sind die Scharfschützen", sagte einer von ihnen. Eine Minute später schlägt eine Kugel ein, Rückzug ist angesagt.

Die Stimmung ist gedrückt

Bei der Fahrt mit dem Auto durch die Stadt ergibt sich das Bild eines Durcheinanders von Schützengräben, Kontrollposten und Barrikaden. Auf den Straßen sieht man ausschließlich Kämpfer. Hier und da weht die rot-grün-schwarze Fahne der Revolution. Die Stimmung ist gedrückt, ganz anders als in Bengasi und den anderen Städten der "Freien Cyreneica". Die Riten, die dort zum Alltag gehören - öffentliche Kundgebungen, Versammlungen der Kämpfer, Al-Dschasira-Public-Viewing auf den Plätzen -, hier in Misurata gibt es nichts davon. Die Zivilisten verkriechen sich in den Häusern. Sie können nicht raus wegen der Scharfschützen, und sie können nicht fliehen.

Misurata ist ein riesiges Gefängnis, wer drin ist, bleibt drin. Und wer draußen ist, kann nicht rein: Nur selten gelingt es einem Schiff, die Blockade zu brechen und Gaddafis Granatwerfern zu entkommen.

Auf dem Landweg ist die Stadt mit einer halben Million Einwohner seit 45 Tagen dicht. Die Bewohner hoffen aus Erlösung, auf ein Eingreifen der internationalen Gemeinschaft, auf das Vorrücken der Rebellen aus Osten. Aber die Hoffnungen schwinden, und ihre Zukunft ist immer ungewisser. Denn der Einzige, der näherrückt, ist der Feind. Misurata gleicht immer mehr einer Stadt der lebenden Toten.

Aus dem Italienischen von Sabine Seifert und Ambros Waibel

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben