Autor Rafik Schami über syrischen Aufstand

"Schneller als die Geheimdienste"

Der syrische Exilschriftsteller und Bestsellerautor Rafik Schami über die Situation in seiner alten Heimat, die unglaubwürdige Rolle der Muslimbrüder und die politischen Fehler des Westens.

"Assad und seine Leute leben auf einem anderen Planeten." Bild: imago/Bild 13

taz: Herr Schami, wer geht in Syrien auf die Straße?

Rafik Schami: Menschen, die es satthaben, seit vierzig, fünfzig Jahre entrechtet zu leben. Viele sind mit dem nackten Überleben beschäftigt, andere bringen Milliarden außer Landes. Die Menschen haben die Angst abgeschüttelt. Und dies, obwohl die Geheimdienste nach wie vor jeden entführen, foltern oder töten können, ohne eine Strafe fürchten zu müssen.

Wer trägt die Revolte in Syrien, welche Rolle spielen die Islamisten?

Es ist ein spontaner Aufstand, ohne zentrale Führung oder Ideologie. Nicht einmal das Wort Palästina kam vor. Die Menschen kämpfen für Freiheit und Demokratie. Der Aufstand in Syrien überraschte auch die Muslimbrüder. Und erschreckte die Machthaber: Zwei Wochen verschwand Präsident Baschar al-Assad von der Bildfläche.

Die Muslimbrüder bildeten in Syrien einmal eine sehr starke Opposition?

Ja, aber heute gelten sie als unglaubwürdig. Sie haben mehrfach die Seiten gewechselt. Waren sogar im Bündnis mit dem ehemaligen Vizepräsidenten Abdul Halim Khaddam, den al-Assad junior 2005 entlassen hat und der mit seinen geraubten Millionen heute in Paris lebt. Er war einer der korruptesten Funktionäre des Regimes, hat gegen Geld Giftmüll aus Europa illegal in der syrischen Wüste vergraben lassen. Die Muslimbrüder wollten sich auch insgeheim mit al-Assad aussöhnen, der sie damit aber öffentlich vorführte. Und jeder in Syrien weiß, dass sie Geld von Saudi-Arabien bekommen. Es sind unglaubliche Opportunisten.

geboren 1946 in Damaskus. Stammt aus einer christlich-aramäischen Familie. Besuchte ein jesuitisches Klosterinternat im Libanon und studierte in Damaskus Chemie, Mathematik und Physik. Mit 19 Jahren gründete er in Damaskus die Wandzeitung al-Muntalek (dt. "Ausgangspunkt"), die 1969 verboten wurde. Schami flüchtete und lebt seit 1971 in der Bundesrepublik. 2004 erschien im Hanser Verlag sein epochaler Roman "Die dunkle Seite der Liebe". Zuletzt 2011: "Eine deutsche Leidenschaft namens Nudelsalat und andere seltsame Geschichten".

Der Aufstand in Syrien begann in der Provinzhauptstadt Daraa, warum gerade dort und nicht in Damaskus?

Die Revolte ging dort von einer Gruppe von zehnjährigen Kindern aus. Klingt unglaublich, ist aber wahr. Die Kinder schrieben mit Kreide und Sprayfarben Parolen gegen das Regime auf die Mauern. Ein Cousin von al-Assad ist Chef des Geheimdienstes in Daraa. Die Geheimdienste schlugen brutal zu. Das war den Menschen zu viel. Daraa war einst die Kornkammer des Römischen Reiches. Heute ist es heruntergewirtschaftet und bettelarm. Die Präsenz des Geheimdienstes in den Großstädten Damaskus, Aleppo, Homs, Hama und Latakia ist sehr groß. Doch auch dort rebellieren die Menschen, nachdem in Daraa die Geheimdienste in die Menge schossen, auf Kinder, auf Ärzte. Inzwischen sind die Namen von 103 Opfern bekannt, die für Freiheit und Demokratie stehen. Die Syrer riefen zuerst: "Aljom mafi Chof" (dt. etwa: "Wir haben keine Angst mehr"). Sie zerstörten das Assad-Denkmal in Daara und steckten drei Regierungsgebäude in Brand. Heute rufen sie: "Nieder mit dem Assad-Regime".

Baschar al-Assad hat gerade eine neue Regierung gebildet, will er tatsächlich Reformen einleiten?

Er versucht Zeit zu schinden. Seine letzte Rede war komplett inhaltsleer. Sie könnte direkt aus den sechziger Jahren stammen. Er ließ sich nach dem Modell Ben Ali, Gaddafi, Mubarak oder Honecker umjubeln. Die Volkskammerabgeordneten sagten Gedichte zur Huldigung auf. Assad und seine Leute leben auf einem anderen Planeten.

Al-Assad will immerhin die seit 1963 geltenden Notstandsgesetze aufheben?

Hat er aber bislang nicht. Seine Beraterin Bouthaina Shaaban sprach davon, wurde vom Geheimdienst wohl aber eines Besseren belehrt. Assad wollte auch nicht mehr auf Demonstranten schießen lassen. Eine Stunde nachdem er das sagte, wurde in Latakia, Hauptstadt der alevitischen Minderheit, geschossen.

Was unterscheidet das syrische Regime von den gerade gestürzten in Tunesien oder Ägypten?

Bereits unter Hafiz al-Assad, der von 1966 bis 2000 Syrien regierte, gab es große Massaker. In Hama schätzt man die Toten auf 20 bis 30.000. In Palmyra wurden 1.500 Gefangene brutal erschossen. Oppositionelle wurden umgebracht, zehntausende verschwanden. Eine halbe Million Syrer leben heute im Exil. Hafiz al-Assad machte aus Syrien einen Polizeistaat. Der libanesische Bürgerkrieg hat die syrischen Machthaber geschult und das Regime erwies sich als sehr elastisch. Es wechselte je nach politischer Großwetterlage die Allianzen, kooperierte mit Russen oder Amerikanern gleichzeitig und unterstützte die Rebellen im Irak. Das Regime agiert gegenüber Israel zurückhaltend und spielt sich gleichzeitig als Befreier Palästinas mit der Hamas und als Beschützer des Libanons mit der Hisbollah auf. Es wird eine zähe Auseinandersetzung werden.

Wie könnte ein Übergang zu einer mehr oder weniger demokratischen Staatsform in Syrien aussehen?

Wenn wir Glück haben und der Druck der Bevölkerung anhält, müsste es eine Übergangsregierung mit Persönlichkeiten aus dem gesamten Spektrum Syriens, auch dem der Assads, geben. Ein friedlicher Übergang hieße, auch die Fähigkeit und den Mut zum Verzeihen zu haben, allerdings ohne die begangenen Verbrechen zu vertuschen. Die Hand zur Versöhnung auszustrecken, das verlangt mehr Mut, als mit dem Gewehr zu kämpfen. Verbrechen müssen von unabhängigen Gerichten gesühnt werden. Aber niemand darf um sein Leben fürchten! Ich kann mich noch an eine syrische Gesellschaft erinnern, an die demokratische Phase 1954-1958. Eine Phase, in der alle nationalen und religiösen Gruppen friedlich miteinander lebten. Daran müssen wir anknüpfen. Das ist viel schwerer, als zu zerstören und Bürgerkrieg zu führen.

Syrien ist neben Iran der wichtigste Player im Libanon, aber auch für die Dauerunruhen um Israel/Palästina mit verantwortlich. Müssen mit der Revolte in Syrien die angeblichen Volksbewegungen Hisbollah (im Libanon) und Hamas (in Palästina) nun auch um ihre Macht fürchten?

Es gehört alles zusammen: ein wirklicher Frieden zwischen Palästinensern und Israelis und die Veränderung im Libanon und in Syrien. Die Rückgabe der von Israel besetzten Golanhöhen, die Abschaffung der Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland oder die Verschrottung der israelischen Atombomben - das alles kann friedlich gelöst werden, wenn es in der gesamten Region demokratisch gewählte Regierungen gibt.

Herr Schami, Sie flohen 1971 von Damaskus nach Deutschland. Wie informiert man sich als Exilant über die Vorkommnisse in der alten Heimat?

Heute ist das kein Problem. Per Handy werden Bilder aus der Mitte einer Demo angefertigt und per Internet und Facebook verschickt. Syrer im In- oder Ausland können sich stündlich genau informieren. Hier liegt auch das Geheimnis der tunesischen und ägyptischen Revolution: Sie konnten nicht totgeschwiegen werden.

Internet, Facebook, Twitter werden ja geradezu magische Kräfte zugeschrieben, welchen Anteil haben die globalisierten neuen Medien an der arabischen Revolte?

Sicher haben die Menschen den größten Anteil, mit ihrem heldenhaften Mut und mit nackten Händen Panzern entgegenzutreten. Aber: Die neuen Medien erwiesen sich als sehr effektiv und schneller als der große schwerfällige Apparat der Geheimdienste und der Polizeien.

Also besteht eine reale Möglichkeit, dass auch in Syrien bald ein Epos wie Ihr Roman "Die dunkle Seite der Liebe" oberhalb des Ladentisches gehandelt wird?

Oh, das würde mich sehr freuen. An diesem Tag werde ich Sie zur Belohnung für die in Erfüllung gegangene Prophezeiung zu einem syrischen Essen einladen. Da können Sie sicher sein: Ich habe das Gedächtnis eines Kamels, das vergesse ich nicht.

Sie haben in einem Gespräch gesagt, Syrien müsse seinen eigenen Weg des Übergangs finden. Welche Rolle werden dabei Leute wie Sie, das Exil, spielen?

Wir können den Revolutionären mehr Öffentlichkeit in der Welt verschaffen. Wir können helfen, dass man nicht in die Falle des Rassismus, Antisemitismus oder von Religionskriegen tappt. Wir können helfen, den Aufbau demokratisch zu gestalten. Außerdem: Viele Exil-Syrer sind sehr gut ausgebildet, in sehr unterschiedlichen Berufen.

Herr Schami, Sie leben seit vierzig Jahren in der Bundesrepublik. Was muss sich eigentlich hier im Westen im Umgang mit den arabischen Staaten ändern?

Alles! Es ist eine Schande, dass demokratische Gesellschaften Raubgelder in Milliardenhöhe auf ihren Banken liegen haben. Gaddafi soll 150 Milliarden Dollar im Ausland liegen haben, Mubarak 80 Milliarden, der Assad-Clan 70 Milliarden. Selbst Jemens Saleh bringt es noch auf 10 Milliarden. Und die saudische Königsfamilie soll allein in den USA mehr als 500 Milliarden US-Dollar und in der Schweiz 300 weitere Milliarden besitzen. Das ist doch obszön. Das sind Mafia-Gelder. Das muss ein Ende haben. Genauso wie die ganzen Waffengeschäfte mit den Diktatoren. Umgekehrt war es fast zu spät, als der Westen in Libyen jetzt endlich intervenierte.

Das heißt, Sie sind für die militärische Unterstützung der libyschen Rebellen?

Solange man sich nicht auf dem Boden einmischt: Ja. Man durfte Bengasi und die Bevölkerung nicht Gaddafi überlassen. Die Position der schwarz-gelben Regierung, insbesondere die von Westerwelle, taugt für eine Karikatur von Tom in Ihrer Zeitung: Westerwelle sitzt im Sicherheitsrat und denkt an seinen Wahlkreis in Bonn. Aber so gewinnt man nicht einmal die nächsten Wahlen.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben