Interview mit Hamburgs Kultursenatorin

"Wir sind kein Wirtschaftsunternehmen"

Die neue Kultursenatorin Hamburgs, Barbara Kisseler, über Hochkultur, die Elbphilharmonie und warum sich Kunst nicht rechnen muss.

Will Hamburgs Kulturschaffende wieder mit der Behörde versöhnen: Barbara Kisseler. Bild: Ulrike Schmidt

taz: Frau Kisseler, glauben Sie, dass Hamburgs Elbphilharmonie 2013 endlich fertig wird?

Barbara Kisseler: Ich bin der Meinung, dass man sein Gegenüber - in diesem Fall die Baufirma Hochtief - irgendwann mal festnageln muss. Und ich gehe davon aus, dass wir es bei Hochtief mit einem professionell arbeitenden Unternehmen zu tun haben - auch wenn so manches nicht nachzuvollziehen ist.

Das heißt konkret?

Ich unterstelle, dass Hochtief sich bei diesem Termin etwas gedacht hat. Und ich hätte größte Probleme, wenn es demnächst hieße, wir haben nochmal in unsere Unterlagen geschaut, und es dauert wohl doch bis ins Jahr 2015.

Wie wollen Sie verhindern, dass die Elbphilharmonie noch teurer wird?

Indem ich dafür sorge, dass alle Beteiligten wissen: Wir wären schlecht beraten, wenn wir wöchentlich mit neuen Wasserstandsmeldungen auftreten.

Sie werden Hochtief ins Gebet nehmen?

Ich werde dort sehr deutlich machen, dass dieses Projekt finanziell nicht nach oben offen ist.

Barbara Kisseler: 61, studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften und leitete später das Kulturressort im niedersächsischen Wissenschaftsministerium. 2006 wurde sie Kulturstaatssekretärin in Berlin und Honorarprofessorin für Kulturarbeit an der Fachhochschule Potsdam.

Kisselers Vorgänger, Karin von Welck und Reinhard Stuth, hinterlassen verschiedene Problemfelder:

Kosten und Terminplan der Elbphilharmonie: Immer wieder hat die Baufirma Hochtief Nachforderungen gestellt, deren Rechtmäßigkeit die Kulturbehörde derzeit prüft. Aktuell liegen die Kosten der öffentlichen Hand bei 323 Millionen Euro. Auch die Eröffnung hat sich mehrfach verschoben: Ursprünglich war November 2011 avisiert; jüngst hat Hochtief dies auf Ende 2013 korrigiert.

Finanzierung der Museen: Nicht nur die Kunsthalle ist mit 800.000 Euro jährlich chronisch unterfinanziert, weshalb deren Galerie der Gegenwart 2010 für vier Monate schloss. Auch die Stiftung Historische Museen Hamburg (Altonaer Museum, Museum der Arbeit, Museum für Hamburgische Geschichte und das archäologische Helms Museum) hat ein Defizit von einer Million Euro jährlich. Ex-Kultursenator Stuth hatte zudem eine Einsparung von 3,5 Millionen Euro gefordert, zu erbringen durch die Schließung des besucherschwachen Altonaer Museums. Nach öffentlichen Protesten und einem "Kulturgipfel" im Herbst wurde dies ausgesetzt.

Was wollen Sie grundsätzlich anders machen als Ihr Vorgänger Reinhard Stuth?

Einer meiner Schwerpunkte wird sein, das Ungleichgewicht zwischen "Hochkultur" und dem freien Bereich zugunsten des letzteren zu verschieben. Hamburg hat kulturpolitisch nur dauerhaft eine Perspektive, wenn die Stadt sich für Impulse der freien Szene öffnet. Auch in puncto Arbeitsbedingungen herrscht ein enormes Ungleichgewicht.

Wie wollen Sie es beheben?

Denkbar wäre ein Projekttopf für kurzfristige Projekte. Diese Stadt muss ihren Künstlern Raum lassen - im direkten wie indirekten Sinn. Hamburg ist gut beraten, wenn es bei Projekten wie dem Gängeviertel oder dem Oberhafenquartier in der Hafencity Künstler nicht als schmückendes Beiwerk betrachtet, sondern als vitalen Zulieferer für das Gelingen eines solchen Quartiers.

Wie wollen Sie die Künstler Ihren Respekt spüren lassen?

Zunächst muss Boden gut gemacht werden, damit wieder Vertrauen entsteht - vor allem über Gespräche. Aber wir wollen auch konkret helfen: Im Gängeviertel etwa habe ich erfahren, dass manche Räume noch nicht für öffentliche Veranstaltungen nutzbar sind, weil das Bezirksamt die Sondernutzungsgenehmigung noch nicht erteilt hat. In solchen Fällen könnte ich mir vorstellen mit den anderen Behörden zu sprechen und abzuklopfen: Wo könntet ihr euch da bewegen?

Wie werden Sie der chronisch unterfinanzierten Hamburger Kunsthalle helfen?

Der Erste Bürgermeister Olaf Scholz hat ja gesagt, dass der Kulturetat insgesamt steigen werde - und dass er verlässliche Arbeitsbedingungen für die Institutionen wünscht. Was die Kunsthalle betrifft, bin ich noch nicht ganz im Bilde, vermute aber, dass sie ihr Defizit nicht selbst abbauen kann. Dann werden wir an dieser Misere ganz praktisch etwas ändern müssen.

Eine weitere Misere: die unterfinanzierte Stiftung Historische Museen. Ist das Spardiktat von 3,5 Millionen Euro vom Tisch?

Sie ist gestundet, aber substanziell nicht zu Ende diskutiert. Deswegen ist das Neustrukturierungs-Konzept der Stiftungs-Chefin Kirsten Baumann so wichtig. Damit wir da nicht aneinander vorbeiplanen, werde ich die Grundzüge dieses Konzepts bald mit ihr besprechen. Am 30. Juni werden wir gemeinsam Ergebnisse präsentieren.

Auch die Rücknahme der Kürzung?

Möglicherweise.

Werden Sie das Altonaer Museum, das Ihr Vorgänger schließen wollte, erhalten?

Wenn es in puncto Museumsdidaktik und -architektur zeitgemäßer wird, wird es noch lange leben.

Betrachten Sie Besuchermangel - der dem Altonaer Museum ja vorgeworfen wurde - als Schließungsgrund?

Ich halte es für einen ignoranten Kurzschluss zu sagen: Die Bedeutung einer Kulturinstitution beweist sich an Besucherzahlen oder Eintrittserlösen. Trotzdem muss man konstatieren, dass Kunst nicht fürs stille Kämmerlein existiert, sondern damit sie gesehen wird. Falls eine Institution aber tatsächlich schlecht besucht ist, muss man nicht die Institution in Frage stellen, sondern deren Arbeitsweise.

Das heißt?

Man muss sich fragen: Habe ich eine zeitgemäße Strategie, um mein Publikum anzusprechen? Bereite ich meine Inhalte so auf, dass sie auch einen unwissenden Besucher faszinieren? Das ist manchmal die Quadratur des Kreises. Aber als Behörde zu sagen: "Weil mir die Relation zwischen Aufwand und Nutzen nicht passt, schließe ich das Haus" - das halte ich für absurd. Wir sind hier ja nicht bei einem Wirtschaftsunternehmen, das zwingend profitabel arbeiten muss!

Wie viel Prozent Kultur-Sponsoring finden Sie angemessen?

Kultur ist eine zutiefst öffentliche Aufgabe. In den letzten Jahren war man bundesweit der Auffassung, dass sich Kultur vor allem rechnen müsse: Die öffentliche Hand leistete die Grundausstattung, während alles, was Kultur vital und interessant macht, der private Bereich finanzieren sollte. Dies halte ich für einen Irrweg.

Warum?

Weil man damit das eigentliche Gestaltungspotenzial von Kultur dem privaten Bereich überantwortet. Das entspricht nicht meinem Verständnis von Kulturpolitik.

 

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Wenn Sie Ihren Kommentar nicht finden, klicken Sie bitte hier.

Ihren Kommentar hier eingeben