Fußballartistik "Sepak Takraw"

Wenn Kicker fliegen

Fallrückzieher sind für Sepak-Takraw-Spieler nichts Besonderes. In Fernost boomt die Fußballartistik, in Deutschland gibt es nicht mal einen Verband.

Spricht für sich selbst: Ein Sepak-Takraw-Match. Bild: reuters

BERLIN taz | Sie haben ein Ballgefühl wie Fußballer, eine Sprungkraft wie Volleyballer und ein Bewegungstalent wie Kampfsportler. "Beim Fußball ist es etwas ganz Besonderes, wenn einer mal einen Fallrückzieher macht. Bei uns sieht man solche Flugeinlagen in jedem zweiten Ballwechsel", sagt Francesco Schäfer, der seit über zehn Jahren Sepak Takraw spielt.

Am vergangenen Wochenende hat die europäische Saison in Basel begonnen. 25 Teams aus sechs Ländern waren dabei, vor knapp 300 Zuschauern gewann Malaysia I vor Takraw Cologne. Wörtlich übersetzt heißt Sepak Takraw "Kick den Rattanball". In der Standardspielvariante (Regu) treten drei Spieler pro Team auf einem Badminton-Feld gegeneinander an.

Der Ball - ehemals aus Rattan geflochten, mittlerweile aus Kunststoff - darf mit jedem Körperteil außer den Händen gespielt werden, nicht auf den Boden fallen und muss nach drei Berührungen ins gegnerische Feld gespielt werden. Wer als erstes Team 15 Punkte hat, gewinnt den Satz, wer drei Sätze für sich entscheidet, das Spiel.

Tausendjährige Geschichte

Vor allem in Südostasien ist Sepak Takraw populär, blickt auf eine über tausendjährige Geschichte zurück. Zunächst ging es nur darum, das Rattangeflecht in der Luft zu halten, seit den 50er Jahren werden offizielle Wettbewerbe ausgespielt. Heute fehlt in kaum einem Hinterhof auf der thailändischen Halbinsel ein Sepak-Takraw-Spielfeld. "In Thailand ist es Teil des Schulsports. Es ist ein echter Volkssport, wie hier Fußball", sagt Schäfer.

Die Regeln: Sepak Takraw, manchmal Fußballtennis genannt, ist vergleichbar mit Volleyball - nur Arme und Hände dürfen nicht benutzt werden.

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Die Spieler: Neben dem Spiel drei gegen drei (Regu) gibt es seit fünf Jahren auch ein Sepak-Takraw-Double. Diese Variante ist laufintensiver und fordert von den Spielern mehr Vielseitigkeit.

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Das Spielgerät: Der ehemals geflochtene Ball besteht mittlerweile aus Hartplastik und hat bei den Herren einen Umfang von 42 bis 44 cm und ein Gewicht von 170 bis 180 g. Der Frauenball ist etwas kleiner und leichter.

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Das Spielfeld: Sepak Takraw wird auf einem 13,40 Meter langen und 6,10 Meter breiten Court gespielt. Das Netz ist bei den Männern 1,52 Meter hoch, bei den Frauen 1,42 Meter.

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Die Besten: Weltmeister wird beinahe immer Thailand. Im Finale beim 25. Kings Cup im vergangenen August wurde Malaysia besiegt. Europameister ist Takraw Cologne.

Anfang der 90er ist die Mischung aus Fußball und Volleyball nach Europa gekommen, der erste deutsche Verein wurde 1992 in Köln gegründet. Mittlerweile spielen sechs Teams in Bamberg, Elmshorn, Kiel, Heidelberg und Berlin. Die europäische Liga gibt es seit 2006. Teams aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Belgien, Italien, Ungarn und Österreich spielen im Ligamodus um den Europameistertitel. Auch Mannschaften aus dem Iran, Brasilien und Malaysia werden zu den offenen europäischen Meisterschaften regelmäßig eingeladen.

Francesco Schäfer spielt bei Takraw Cologne. Mit bisher acht Kings-Cup-Teilnahmen, der jährlich in Thailand stattfindenden Weltmeisterschaft, ist er so etwas wie der deutsche Sepak-Takraw-Capitano. Das erste Mal war der 35-Jährige 2002 dabei, wenige Wochen nach seinem ersten Training: "Wir wurden regelrecht abgeschossen. Das ist mir heute noch peinlich."

Profis in Fernost

Mittlerweile ist die deutsche Nationalmannschaft das beste europäische Team: "Vorletztes Jahr sind wir in die First Division, die zweithöchste Liga, aufgestiegen. Mit den Topteams aus Thailand, Malaysia, Südkorea oder Indonesien können wir aber nicht mithalten", sagt Schäfer. "Bei uns ist das Training einfach nicht so professionell wie bei den Profis aus Fernost", erklärt er.

Sowohl die deutschen Teams als auch die Nationalmannschaft müssen auf Sponsoren verzichten: "Wir tragen alle Kosten selbst - auch wenn es zum Kings Cup nach Thailand geht", sagt Schäfer. Das hat aber auch Vorteile: "Bei uns gibt es keine Nominierungsregeln. Jeder kann mit zur WM."

Derzeit arbeitet die deutsche Sepak-Takraw-Gemeinde an der Gründung eines Verbandes: "Dazu braucht man sieben Vereine, einer fehlt noch. Dann können wir auch mal bei der Sportförderung nach Geldern fragen", sagt Schäfer. Davon wird er aber wohl nicht mehr profitieren: "Ich bin jetzt 35. Lange wird es nicht mehr dauern, bis ich für Flugeinlagen und Fallrückzieher zu unbeweglich bin und nur noch bei den alten Herren mitspielen kann."

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