Guttenberg-Plagiate, die FAZ und das Netz

Der Lurch des Jahres

Guttenberg hat abgeschrieben, bei der FAZ und bei anderen. Das Netz spottet. Textfragmente werden inzwischen per Schwarm gesucht. Und die FAZ titelt mit einem rosa Lurch.

Symbol fürs Abschreiben: Der Schwanzlurch Axolotl auf den Titel der FAZ. Bild: Repro Frankfurter Allgemeine Zeitung

Der Spott, der aktuell über Verteidigungsminister zu Guttenberg im Netz ausgegossen wird, kübelt via Twitter rein: Ein Klick auf das Hashtag #guttenberg spült minutiös neue Tweets mit Nachrichten und Beurteilungen der wissenschaftlichen Leistungen des Ministers in die Timeline. "Google ist schuld" twittert einer, garniert mit einem Bild, das einen Google-Übersetzer Lateinisch-Englisch darstellt: "Copy and Paste" bedeutet demnach "Summa Cum Laude".

Einer schreibt bei Facebook: "Fehlt nur noch, dass am Ende als Bauernopfer ein Ghostwriter gefeuert wird". Er ist nicht der einzige, der diesen Witz macht. Variiert geht der dann so: "Brutalstmögliche Aufklärung: Guttenberg feuert Doktorvater." Neben solchen Rekursen auf Guttenbergs Umgang mit Skandalen – er feuerte ja nicht nur den Kapitän der Gorch Fock, sondern auch Generalinspektor Schneiderhan – sind auch Kriegssprüche beliebt. "quatsch, der marschiert mit seinen jungs in bayreuth ein..." zum Beispiel. Oder: "Angriffskrieg ist die beste Verteidigung. Zu Googleberg flieht an den Hindukusch".

Während der Minister also mit seinen Jungs am Hindukusch campiert – der Nachrichtenagentur dpa ist zu entnehmen, dass "Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bei seinem Überraschungsbesuch in Afghanistan erstmals eine Nacht bei deutschen Soldaten im Kampfgebiet" verbracht hat –, hat sich die Netz-Crowd organisiert und sucht nach weiteren Stellen, wo der Minister abgeschrieben hat. Zuerst in einem Google Doc, inzwischen in einem Wiki mit Anmeldung.

Dem Hochglanz-Minister entgleitet gerade ein wenig die Kontrolle über sein Image. Auf faz.net findet sich die Geschichte seit Mittwoch ganz oben. Und auch die gedruckte FAZ machte am Donnerstag mit dem Thema auf, garniert mit einem niedlichen "Lurch des Jahres" – dem Axolotl. "Axolotl – dieser Schwanzlurch ist ein Original, aber sein Name ist untrennbar mit dem literarischen Skandal des Jahres 2010 verbunden ..."

vermeintlicher google übersetzer, erdacht von einem "web-citizen": "copy und paste" wird zu "summa cum laude". Bild: Screenshot translate.google.de | Montage: Markus Fuchs

Die damals 17jährige Helene Hegemann kopierte für ihren Roman "Axolotl Roadkill" einzelne Geschichten aus dem Netz, änderte aber noch die Formulierungen. Zu Guttenberg kopierte bei der FAZ, ohne die Formulierungen zu ändern.

Der FAZ ist das nicht nur wert, einen rosa "Lurch des Jahres" abzubilden, sondern widmet sich den Guttenberg'schen Plagiaten im Nachrichtenteil, im Feuilleton und in Form eines Kommentars. Ob bei der FAZ der Ärger über das Plagiat, die Urheberrechtsverletzung überwog oder ob man auch stolz darauf ist, dass der Minister dort abgeschrieben hat, war bislang nicht zu ermitteln. Herausgeber Günther Nonnenmacher ließ mitteilen, er wolle "sich nicht dazu äußern".

Typisch Print – Angst vor dem Kontrollverlust, dem absoluten Chaos. So lange die FAZ nicht reden will und der Minister am Hindukusch Krieg spielt, hilft wohl nur noch der schnelle Surf ins Web 2.0. Klick, zwanzig neue Guttenberg-Witze in der Twitter-Timeline. Und, klick: "Ach Mami, bittee!" - "Nein, Karl Theodor, Du gehst jetzt nicht zu den Münchhausens! Das ist kein Umgang." Ein Spaß, der noch einige Tage anhalten wird.

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