Hamburgs Grünen-Spitzenkandidatin Anja Hajduk

Die Realistin

Sie ist kämpferisch, diszipliniert und fleißig: Anja Hajduk, Spitzenkandidatin der Grün-Alternativen Liste. Leicht hat es die Ex-Senatorin damit nicht überall.

"Mit Wahlprognosen bin ich vorsichtig": Anja Hajduk. Bild: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | In Wilhelmsburg kocht der Saal. Sie haben sich gut vorbereitet, die Wilhelmsburger Wutbürger, haben Schilder geklebt mit der Aufschrift "Frau Hajduk, Sie haben uns belogen!" Sie trampeln, sie buhen, von überall schrillen Trillerpfeifen. Vorn auf der Bühne, in einem viel zu großen Sessel, sitzt zusammengesackt Anja Hajduk, Spitzenkandidatin der Grün-Alternativen Liste (GAL). Vier andere Parteivertreter sitzen auch dort oben, doch die Wut der Bürger richtet sich allein gegen sie.

Als Senatorin für Stadtentwicklung und Umwelt hatte sie die Verlegung der Reichsstraße auf den Weg gebracht. Die Straße, die im Moment noch mitten über die Elbinsel Wilhelmsburg führt und an die Bahntrasse verlegt und verbreitert werden soll. Die Anwohner befürchten noch mehr Verkehr.

"Das kann lange dauern in Wilhelmsburg, die haben Kondition", hatte Hajduk auf der Hinfahrt noch geflachst. Jetzt wirkt sie nicht mehr belustigt, vor sich mehr als 350 aufgebrachte Wilhelmsburger, die sie als "machtgeil" und "beliebig" beschimpfen. Nein, das ist nicht der Abend, an dem sie neue GAL-Wähler gewinnen kann.

Dabei ist Hajduk eine Kämpferin. Ihr Wahlkampf-Spruch "Mit mir kann Hamburg rechnen" wirkt wie eine Kampfansage, fast wie eine Drohung. Anja Hajduk lacht. Sie hat sich diesen Spruch gar nicht ausgedacht. "Aber klar bin ich kämpferisch, das geht in der Politik gar nicht anders." Politisiert hat sie der Nachrüstungsbeschluss der Nato im Jahr 1979. Da war sie 16 und ist zu den Friedensdemos nach Bonn gefahren, hat sogar ihre ganze Schulklasse überredet mitzukommen.

Als sie mit 32 bei den Grünen eintrat, ging alles ganz schnell: Nach zwei Jahren zog sie in die Bürgerschaft ein. "Die grüne Partei ist da sehr offen, wenn neue Leute sich einbringen wollen", sagt sie. Und Anja Hajduk wollte. 2002 saß sie im Bundestag, 2008 wurde sie Umweltsenatorin - und musste das Kohlekraftwerk Moorburg genehmigen. Noch so ein Vorwurf, der ihr immer wieder entgegenschlägt.

Doch dann hat die GAL die Koalition mit der CDU platzen lassen - ein Schritt, der der Partei aus ihrer Sicht wieder zu mehr Glaubwürdigkeit verhalf. "Dabei haben wir uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht, auch wenn sie richtig war: Schließlich verliert man Einfluss auf Projekte, die man ins Rollen gebracht hat, Mitarbeiter verlieren ihre Arbeitsplätze."

In Umfragen ging es danach steil nach oben, nach einem Zwischenhoch mit über 20 Prozent ist die GAL inzwischen bei 14 Prozent angekommen. "Das wird noch allen unseren Einsatz erfordern, damit wir am Ende wirklich gut abschneiden", meint Hajduk. "Mit Wahlprognosen bin ich vorsichtig."

Anja Hajduk gilt als diszipliniert, fleißig und durchsetzungsstark. Sie schlägt sich gut im Wahlkampf, bietet Olaf Scholz die Stirn, statt sich als Koalitionspartnerin anzubiedern.

Sie mag es nicht, wenn sich alles um sie dreht, was eine Spitzenkandidatin in befremdliche Situationen bringen kann: Etwas verloren steht sie beim Wahlkampfauftakt der GAL Mitte Januar in der schicken Bar Rossi. Sich selbst inszenieren, das ist nicht ihr Ding.

Deshalb geht sie auch nicht mit ihrem Privatleben hausieren: keine Homestorys, keine privaten Bilder. Mit ihrer Lebensgefährtin, der ehemaligen SPD-Schulsenatorin Ute Pape, zeigt sie sich selten in der Öffentlichkeit. Man weiß, dass Hajduk Bergsteigen mag.

Sie trinkt gern tschechisches Bier, meistens trägt sie schwarze Hosen und enge T-Shirts mit aufgenähten Strasssteinen. Und dann ist da noch der Gesang. Schon als Kind hat sie im Chor gesungen, später solistisch. "Das war so toll, als kleines Mädchen auf der Opernbühne zu stehen." Sie lächelt.

Mit 18 sei ihr Interesse an der Musik etwas abgeflaut. Eine eher unbewusste Entscheidung, die sie zehn Jahre später bereut hat. Und plötzlich öffnet sie sich doch etwas: "Es war zu spät, und ich dachte: Mein Gott, warum bist du das damals nicht professionell angegangen?"

Zu der Zeit begann sie eine private Gesangsausbildung. "Es war schade, dass ich mir bei allem Ehrgeiz, der mich treibt, eingestehen musste: Das mit dem professionellen Gesang, das war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu schaffen."

Im Wilhelmsburger Bürgerhaus hingegen wird sie es schaffen. In den nächsten zwei Stunden wird sie sich aufrichten, zuhören und sich entschuldigen, dass die Bürgerbeteiligung "nicht erfolgreich" gelaufen sei. Doch sie bleibt dabei: Die Reichsstraße muss verlegt werden. Viele Wilhelmsburger schlucken. Nach der Veranstaltung bleibt sie noch fast bis Mitternacht. Der Ansatz eines Dialogs ist entstanden. "Es war eine sehr gute Veranstaltung", sagt Anja Hajduk am Ende.

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