Dioxin-Skandal

Alles ist vergiftet

Jetzt auch noch die Schweine! Doch reicht es für alle, wenn wir aus der Massenproduktion aussteigen? Aber ja! Die taz präsentiert den Fahrplan für eine neue Agrarwende.

Miss Piggy, die Schweinedame, liegt im Müll. "Alles ist vergiftet" lautet der Refrain eines Liedes von Jan Delay. Bild: Jon Roig – Lizenz: CC-BY

Deutschland, Anfang 2000. Erst werden die Kühe verrückt und dann auch die Verbraucher. Als Konsequenz aus der BSE-Krise will der damalige SPD-Kanzler Gerhard Schröder "weg von den Agrarfabriken".

Heute, gut zehn Jahre später, steht in Weißenfels an der Saale der größte Schweineschlachthof der EU; der Fleischfabrikant und Schalke-04-Aufsichtsrat Clemens Tönnies lässt dort täglich 20.000 Tiere schlachten. Im niedersächsischen Celle soll europaweit der größte Hühnerschlachthof entstehen, andernorts planen Agrarier Megaställe.

Deutschland ist in den letzten Jahren - neben Belgien, Dänemark, den Niederlanden, der französischen Bretagne und der italienischen Po-Ebene - zum Zentrum der agrarindustriellen Fleischproduktion geworden. Stopp! - fordern nun 300 Professoren und Wissenschaftler aus ganz Deutschland. Darunter Agrarexperten, aber auch Theologen, Philosophen und Volkswirte.

In Niedersachsen ist erstmals ein stark erhöhter Dioxinwert in Schweinefleisch nachgewiesen worden. Bei den Fleischproben aus einem Schweinemastbetrieb im Landkreis Verden lag der Dioxinwert um 50 Prozent über dem zulässigen Höchstwert. Die Probe habe einen Wert von 1,5 billionstel Gramm Dioxin ergeben, sagte der zuständige Veterinär des Landkreises, Peter Rojem. Der Grenzwert liegt bei 1,0 billionstel Gramm (Pikogramm). In den Tagen zuvor waren nur in Proben von Eiern und Legehennenfleisch erhöhte Dioxinwerte gemessen worden. Mehrere hundert Schweine des betroffenen Hofes im Landkreis Verden sollen nun geschlachtet werden. Der betroffene Betrieb gehört nach Angaben des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums zu den Kunden, die mit Futtermitteln des Unternehmen Harles und Jentzsch aus Schleswig-Holstein beliefert wurden.

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Das Dioxin selbst soll in einer Firma im niedersächsischen Bösel in das Futterfett gekommen sein. Die Firma ist ein Partnerunternehmen von Harles und Jentzsch, das die dioxinbelasteten Futterfette vertrieben hat und nun im Mittelpunkt der Ermittlungen steht.

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Die Länder Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wollen wegen der entstandenen Kosten für die Kontrollen Schadenersatzansprüche gegen den Verursacher des Dioxinskandals prüfen.

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Bundesweit sind wegen des Dioxinverdachts nach Angaben des Verbraucherschutzministeriums insgesamt noch 558 landwirtschaftliche Betriebe gesperrt, neben den 330 in Niedersachsen waren das 143 in Nordrhein-Westfalen und 62 in Schleswig-Holstein.

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Eine Sondersitzung des Verbraucherausschusses des Bundestags befasste sich am Dienstag mit dem Dioxinskandal. Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) wies Kritik der Opposition an ihrem Handeln im Dioxinskandal zurück; die SPD forderte von ihr eine Regierungserklärung. Aigner regte an, dass Futterhersteller nur noch unter strengen Bedingungen zugelassen werden. Und sie sollen nicht mehr parallel Futterfette und technische Fette herstellen dürfen. Das Land Niedersachsen möchte Industriefett künftig einfärben lassen. Einig sind sich die Oppositionsparteien über die Einrichtung einer bundesweiten Warnplattform für Lebensmittel, wo über entsprechende Belastungen informiert wird.

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Als Konsequenz aus dem Dioxinskandal in Deutschland erwägt die EU-Kommission strengere Regeln für die Futtermittelproduktion in Europa. Vier Dioxinvorfälle in den vergangenen zehn Jahren seien genug, sagte der Sprecher von EU-Verbraucherkommissar John Dalli am Dienstag in Brüssel. "Es hatte jedes Mal mit Problemen beim Fettmischen zu tun", erläuterte er mit Blick auf Fälle in Irland, Belgien und Deutschland. Diskutiert werde über eine Trennung der Produktion von Fetten für die Industrie und für Futtermittel. (taz/dpa/dapd)

Am Dienstag haben sie in einem gemeinsamen Appell den Ausstieg aus der Massentierhaltung gefordert. So einen Aufruf hat es hierzulande noch nicht gegeben. Erst ist man geneigt, ihn abzutun: "Ändert sich ja doch nichts." Immer wieder werden Antibiotika in Shrimps gefunden oder verschimmelte Bulletten neu verpackt. Die Republik empört sich kurz und geht dann über zum Business as usual.

"Doch diesmal ist die Situation anders", sagt Ulrich Jasper von der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft - es gebe gute Gründe, den Fahrplan zur Agrarwende 2.0 zu entwickeln. Jasper ist seit Jahren in Opposition zur konventionellen Agrarpolitik, beobachtet die Szene genau.

Sein Punkt 1: Seit klar ist, dass neuerdings Dioxin in Ei und Fleisch vorhanden sein kann, weil die krebserregende Substanz in Tonnen von Tierfutter gemischt wurde, klingelt bei Jasper wieder oft das Telefon. "Die Verbraucher vermeiden Hysterie und schalten zum Bauch auch den Kopf ein." Statt sich wie früher nur zu empören, erklärten Bürger, der Skandal sei doch absehbar gewesen, man müsse endlich an die Ursachen ran. Es gebe einen "neuen, auffallend gut informierten Protestwillen".

Zumal zweitens Bürger Anfang der 80er Jahre zwar mal gegen Nitrate und Ackerspritzmittel im Trinkwasser mobil machten und wetterten, wenn durch sogenannte Flurbereinigungen die Landschaft umgekrempelt wurde. Lange regte sich dann vor allem Ärger über die Gentechnik auf dem Acker. Die Agrarpolitik trieb sonst niemanden auf die Straße.

Mittlerweile gibt es hingegen allerorten Bürgerproteste gegen den Bau von neuen Ställen. Selbst ein FDP-Ratsherr aus dem Münsterland wandte sich vor Kurzem hilfesuchend an Jasper. Er will einen Landwirt stoppen, der bereits 3.000 Schweine hält, nun aber noch vier Ställe für jeweils 40.000 Masthähnchen in der Gemeinde plant. Gegen die totale Industrialisierung der Nahrung wenden sich längst nicht mehr nur ein paar Tierschützer oder Veganer.

Dazu kommt drittens: Die einstige grüne Agrarministerin Renate Künast, die nach der BSE-Krise die Ökologisierung der Landwirtschaft proklamierte, stand einer mächtigen Front gegenüber - dem Deutschen Bauernverband. "Der erklärte", so erzählt es Hubert Weiger, der Vorsitzende des Umweltverbandes BUND heute, "wir sind immer schon für den Ökolandbau gewesen." Verbraucher glaubten, alles werde gut, der mediale Hype ging vorbei, und das Agrobusiness machte weiter wie zuvor. Doch mittlerweile sind viele Bauern der Politik ihrer Lobby überdrüssig, die vor allem auf Größe und Exportmärkte setzt, die Lobbyfront ist zumindest ein wenig geschwächt.

Verbraucher, Bauern, konservative Politiker - es sind unerwartete Bündnisse, die Druck machen könnten für die Agrarwende 2.0. Vorschläge gibt es zuhauf.

Ein Beispiel: Will ein Bauer am Ortsrand einen Stall errichten, musste er bisher einen Antrag bei der Kreisbehörde stellen, die erteilt die Genehmigung nach dem Baugesetzbuch. Das klappt meist ohne Probleme, wenn alle Unterlagen vorliegen, weil es für Ställe einen Extrapassus gibt - sie gelten anders als Wohnhäuser und Industrieanlagen als "privilegierte Baumaßnahme im Außenbereich". Die Bundesregierung könnte das Privileg auf Ställe begrenzen, die eine bestimmte Größe nicht überschreiten.

Weiterer Änderungsbedarf: Bisher ist völlig unklar, wer für Panschereien bei Lebensmitteln zahlt. Eine ausreichende Haftpflicht haben Futtermittelhersteller wie die schleswig-holsteinische Firma Harles und Jentzsch nicht, die im aktuellen Lebensmittelskandal im Fokus steht. So bleiben Bauern und Verbraucher im Zweifel allein auf den Schäden sitzen. Über die Krankenkosten, die Gifte in Lebensmitteln auslösen, redet noch gar keiner.

Weitere Idee: Bauern müssen künftig nachweisen, dass sie für ihre Tiere auch das Gros des benötigten Futters auf ihrem Acker erzeugen können - sonst gibt es kein Geld mehr aus dem 60 Milliarden Euro schweren EU-Subventionstopf.

Die industrielle Landwirtschaft macht sich freilich nicht nur an Megaställen fest, sondern auch wie in Niedersachsen zum Beispiel an riesigen Mais-Monokulturen, die das Landschaftsbild verändern und deren Düngung das Grundwasser belastet.

Die EU-Kommission denkt darüber nach, die Subventionen davon abhängig zu machen, dass der Bauer seine Felder nicht nur mit Mais bestellt, sondern auch mal mit Weizen oder Roggen, also eine Fruchtfolge einhält.

Passiert da etwas Ungewöhnliches - und die EU wird zur Verbündeten der Agrarindustrie-Gegner? "Sie ist in manchem weiter als die schwarz-gelbe Koalition", sagt Umweltschützer Hubert Weiger. Die deutsche Regierung stemmt sich derzeit gegen eine ökologische Neuausrichtung der EU-Agrarsubventionen. Weiger will nun vor allem die EU-Parlamentarier für die Wende 2.0 gewinnen, die mittlerweile Mitspracherecht in der Agrarpolitik haben. Er sagt: "Die sind der Agrarlobby oft nicht so verbunden wie die Regierungen und denken mehr an an alle Wähler."

Bleibt eine Frage: Gibt es noch genug zu essen, wenn die Bauern aus der Massenproduktion aussteigen? "Ja, natürlich", sagt Ulrich Jasper. Denn die industrielle Landwirtschaft zerstört ihre eigenen Grundlagen. Mit Hochleistungsrindern und -hühnern ließe sich zwar mehr Fleisch produzieren. Doch der Planet vertrage die Folgen auf Dauer nicht.

"Viehhaltung", so heißt es auch in einem Report der Vereinten Nationen, "stellt sich als einer der zwei oder drei wichtigsten Verursacher unserer größten Umweltprobleme heraus." Also müssen auch Verbraucher ran und ab und zu statt des Steaks die Gemüsepfanne wählen.

 

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