Der Vatikan, die Keuschheit und die Homosexuellen

Ein feines Dokument, katholisch betrachtet

Bürgerrechtsorganisationen in Deutschland, in den USA oder in Italien klagen akut: Der Vatikan versuche, die Vielfalt moderner Lebensformen zu unterdrücken. Zum Beleg nehmen sie die jetzt bekannt gewordene „Instruktion“ der römischen Kurie, von schwulen Priesteramtskandidaten zu verlangen, sich den Regeln der Keuschheit zu unterwerfen – und überhaupt auf eine Identität als Homosexuelle zu verzichten. Doch was soll daran anstößig sein? Keuschheit ist für den Priester wie für die Nonne ein Gesetz, auf das sie sich verpflichten, wenn sie innerhalb ihres Klerus einen theologischen Job antreten. Auch für heterosexuelle Priesterkandidaten gilt dieser Passus ihres Vertrages mit der Kurie zwingend: Dass dieser nun explizit auch für ihre schwulen Kollegen gelten soll, ist zunächst einmal selbstverständlich.

Selbstverständlich ist, aus säkularer Sicht, der Protest verständlich: Aber man kann dem Vatikan nicht vorwerfen, dass er ist, was er ist – eine Glaubenszentrale mit spezifischen Inhalten, nur ihrem Bekenntnis verpflichtet. Die römische Kurie ist keine Kadertruppe einer Verwaltungszentrale von Babel – keine flatterhafte Geistlichkeit, die sich von Erwägungen leiten lassen muss, ob das, was sie verkündet, populär ist oder nicht. Der Vatikan pflegt ein Menschenbild, in dessen Mittelpunkt Mann und Frau stehen, welche sexuell nur zu Prokreationszwecken zusammenkommen sollen. Homosexuelle passen nicht in dieses Bild, das werden selbst ihre Fürsprecher einräumen müssen.

Auffällig an der „Instruktion“ ist, dass sie erstmals Homosexuelle nicht nur als Sünder oder Missratene wahrnimmt. Vielmehr wird ihnen „tiefer Respekt“ attestiert – und „Diskriminierung“ verurteilt. Schwule sind, das erkennt der Vatikan, einfach als solche da. Sogar, dass sie politisch aktiv sind, wird nüchtern konstatiert. Das Dokument ist auch eine Reaktion auf die Fülle der Missbrauchsfälle von Priestern an Kindern und Jugendlichen: Die war aber ohnehin fällig. Der Rest skizziert eine Zäsur: Schwule können sein, was sie sind – nur als Priester müssen sie ebenso keusch leben wie ihre heterosexuellen Kollegen. JAN FEDDERSEN