Berliner Grüne eröffnen Wahlkampf

Das ist die Krönung!

An diesem Freitag Abend wird Renate Künast erklären, Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden zu wollen. Solcherlei Selbstkrönungen haben Tradition in Brandenburg-Preußen.

Hat irgendwie Ähnlichkeit mit Königin Luise: Renate I. Bild: [Montage] dpa

Nein, koronabel ist der Wedding nicht. In den Uferhallen an der Panke soll, so die Choreografie, Renate Künast am Sonntag beim Landesparteitag zur grünen Spitzenkandidatin gekürt werden. Doch die eigentliche Krönungsfeier findet bereits am Freitag statt - im ehemaligen Reichspostamt, dessen Bau gleich nach der Krönung Wilhelms I. zum deutschen Kaiser 1871 begonnen wurde. Preußisch ist also der Rahmen der Zeremonie, und preußisch ist auch die Kandidatin. 1815 kam Recklinghausen, die Geburtsstadt der Renate Künast, zur Provinz Westfalen des Königreichs Preußen.

Gibt man bei Google die Stichworte Künast und Krönung ein, findet die Suchmaschine in nur 0,33 Sekunden 24.500 Ergebnisse. Das ist nicht schlecht für eine Grüne, die vor noch nicht allzu vielen Jahren zum linken und bestimmt auch antimonarchischen Flügel ihrer Partei zählte. Nun aber, da sie Landwirtschaftsministerin in Gummistiefeln war, Oppositionsführerin im Bundestag und laut Umfragen die Lieblingsgrüne der Deutschen, ist alles irgendwie anders. Selbst von Guttenberg, den gegelten Blaublüter im Zweireiher, hat sie an Populismus überboten: Eine Bärenpatenschaft im Zoo hat der noch nicht.

Am heutigen Freitagabend laden die Grünen zum "erweiterten Mitgliederabend mit Renate Künast" ins Museum für Kommunikation. Dort, so wird erwartet, erklärt die Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion ihre Absicht, in Berlin als Kandidatin für den Posten der Regierenden Bürgermeisterin anzutreten. Am Sonntag folgt die Landesdelegiertenkonferenz, bei der Künast offiziell gekürt werden könnte. Ihre Rede soll unter www.gruene-berlin.de im Internet zu verfolgen sein.

Die jüngste Umfrage des Forsa-Instituts sieht die Grünen in Berlin mit 29 Prozent trotz leichter Verluste immer noch als stärkste Partei, 2 Prozentpunkte vor der SPD. Drittstärkste Kraft ist die CDU mit 17 Prozent (+1) vor der Linken mit 14 Prozent (-1). Die FDP würde mit 3 Prozent den Wiedereinzug ins Landesparlament verpassen.

Nachdem Künast in Umfragen nach dem Wunschregierungschef mehrfach Wowereit hinter sich lassen konnte, liegt dieser nun wieder vorn. Er bringt es auf 40 Prozent (+2), während Künast auf 36 Prozent (-3) kommt. Das Ranking der beliebtesten Berliner Politiker führt im Moment der Grünen-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, Volker Ratzmann, an. Ihn kennen allerdings nur 46 Prozent der Befragten. (taz, dpa)

Von nun an soll an dieser Stelle also von Renate der Großen oder Renate der Ersten die Rede sein. Schließlich liegt das Rote Rathaus, das sie als Regierende Bürgermeisterin erobern will, gleich neben der Langen Brücke. Und über die hielt Friedrich I. Einzug in die Residenzstadt, nachdem er sich zuvor in Königsberg zum König in Preußen selbst gekrönt hatte.

Der 6. Mai 1701 war ein Tag wie geschaffen zum Jubeln. Auf 63 sechsspännigen Karossen fuhr Friedrich durch blumengeschmückte Ehrenpforten über die Lange Brücke bis zum Stadtschloss (das Rote Rathaus gab es damals noch nicht). Aus "Friedrich dem Schiefen", seit seiner Geburt etwas verunstaltet, war ein richtiger König geworden. Etwas, das es, wie heute eine grüne Regierungschefin, eigentlich gar nicht geben durfte. Schließlich gehörte Brandenburg zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, und dessen Kaiser duldete neben sich keine Könige. Also krönte sich Friedrich - mit Zustimmung des Papstes - in Königsberg, das nicht zum Reich gehörte. Künast dagegen braucht nicht einmal mehr Gottes Segen zur Krönung. Die Demoskopen reichen auch.

Damit aus Renate Künast tatsächlich Königin Renate wird, bedarf es freilich einiger Kunstgriffe. Das zeigte zuletzt der ebenfalls in Recklinghausen geborene Hape Kerkeling. Dessen Film "Horst Schlämmer. Isch kandidiere" fiel bei den Kritikern durch, weil dem massiven Einsatz von Werbeträgern keine Botschaft von Dauer folgte. Also bediente sich der "Goldene Hirsch", Künasts Werbeagentur, lieber bei einem weiblichen Role-Model: Katharina der Großen.

Katharina stammte zwar nicht aus Recklinghausen, sondern aus dem anhaltinischen Zerbst. Doch ihr Wille zur Macht war so groß, dass es ihr im Grunde egal war, wo sie herrschte. So wurde aus Sophie, Prinzessin von Anhalt-Zerbst, die russische Zarin Katharina II. Dabei galt es freilich einige Hürden aus dem Weg zu räumen, darunter auch ihren Ehemann und Vorgänger auf dem Kaiserthron, Zar Peter III. Das aber erledigte sie mit Bravour - und bald gab es für die russischen Untertanen nur noch Katharina, die Große. Hand aufs Herz: Erinnert sich heute noch jemand, wie die Bauernminister vor Renate Künast hießen? Eben.

Vielleicht aber macht es Renate auch eine Nummer unter einer Großen. Regierende Bürgermeisterin der Herzen? Die Botschaft wäre nicht schlecht im Luisenjahr 2010. Schließlich ging auch Preußens Königin der Herzen bei ihrer Trauung mit Friedrich Wilhelm III. am 24. Dezember des Jahres 1793 auf Distanz zu königlichem Pomp. Stattdessen herzte sie nach der Zeremonie ein kleines bürgerliches Mädchen. Der Hof tobte, das Volk jubelte. Es ist dieser Hang zum Unkonventionellen, den Luise und Renate gemeinsam haben. Nur eines kann man Königin Renate nicht nachsagen: dass sie, wie Luise, ein fashion victim sei.

Zurück zum Museum für Kommunikation, dem ehemaligen Reichspostamt. Dort ist derzeit ja eine Ausstellung über Gerüchte zu sehen (und denen will Renate I. auf ihrer Krönungsmesse den Garaus machen).

Gerüchte, und zwar zuhauf, gab es auch im Jahr der Kaiserproklamation 1871. Eigentlich wollte Wilhelm I., ein Sohn der Königin Luise, gar nicht Kaiser werden, er hielt den Posten des preußischen Königs für wichtiger - so wie Renate Künast lange ihren Job als Fraktionschefin der Grünen für einflussreicher hielt als den einer Provinzfürstin. Doch damit gab sich Bismarck, Wilhelms Spin-Doctor, nicht zufrieden. Nur mit der Kaiserwürde ausgestattet, könne Deutschland geeinigt werden.

Wer aber ist Renate Künasts Spin-Doctor? Jürgen Trittin etwa, der ohne Künast noch mächtiger wäre? So wie einst Bismarck also, von dem Wilhelm später sagte: "Es ist gar nicht leicht, unter diesem Kanzler Kaiser zu sein."

Oder ist es der Berliner CDU-Landes- und -Fraktionschef Frank Henkel, der nur als Juniorpartner der Grünen die Chance zur Regierungsbeteiligung sieht. Auf die Aufklärung solcher Gerüchte braucht man freilich am Freitag nicht zu hoffen.

Bleibt die Frage der Rechtmäßigkeit. Friedrichs Krönung in Königsberg ging als - etwas fragwürdige - "Rangerhöhung" in die Geschichtsbücher ein. Darüber hinaus zählt die Zeremonie 1701, wie die Krönungen Napoleons und Schah Reza Pahlavis, zu den Selbstkrönungen in der Geschichte der Monarchien. Katharina die Große wiederum erlangte ihre Macht durch einen - man kann es nicht anders sagen - Staatsstreich. Was aber wird Renate Künast tun, um Königin Renate oder Renate die Erste zu werden? Sie will gewählt werden.

Vielleicht aber gibt sie heute bekannt, dass diese Wahl ein Referendum sei. Ein bisschen direkte Demokratie bei der Krönungsmesse fehlt der preußischen Geschichte noch. Und der künftigen Herrscherin würde es bei ihrer grünen Huldigung nicht schaden.

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