die wahrheit

Warten auf Günther

In der Quizshowhölle - Als Telefonjoker bei "Wer wird Millionär?"

Bei jungen und hübschen Kandidatinnen zeigt sich Günther Jauch bevorzugt von seiner gemeinen Seite. Bild: rtl

Dienstagnachmittag, 15.55 Uhr. Knapp habe ich es von der Arbeit nach Hause geschafft, um im vorgegebenen Zeitrahmen zwischen 16 und 17 Uhr den "Kontrollanruf" entgegenzunehmen. Ich werde heute Telefonjoker sein bei "Wer wird Millionär?".

Jedenfalls wenn Jessica es schafft, auf den Stuhl zu kommen. Sie hatte mich vor zwei Wochen gefragt, ob ich ihr Telefonjoker für "Politik und Geschichte" sein möchte. Die Sendungen für Freitag und Montag werden bereits am Dienstag aufgezeichnet. Und die Chancen stehen nicht schlecht, dass sie Günther Jauch gegenübersitzen wird. Seit Beginn der neuen Staffel gibt es nur noch fünf statt wie bisher zehn Kandidaten.

16.02 Uhr. Das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung ist eine Mitarbeiterin der Quizshow. Routiniert erklärt sie, dass es sich um den üblichen "technischen Kontrollanruf" handle. Wie sie merke, sei die Leitung gut und ich solle mich bitte wie vereinbart zwischen 17.30 Uhr und 21 Uhr bereithalten. Vor zwei Wochen hatte ich die "Instruktionen Telefonjoker" von RTL erhalten. Demnach muss ich nun unbedingt "das Telefon 3x klingeln" lassen, bevor ich den Hörer abnehme. Alle möglichen Geräte müssen ausgeschaltet sein. Ich darf "keine Hilfsmittel (z. B. Internet) nutzen". Und ich muss "allein im Raum sein". Die Frage ist nur: Was mache ich jetzt allein die nächsten Stunden? Warten …

16.31 Uhr. Eine SMS. Jessica meldet sich bei mir, die Aufzeichnung der "2. Runde", in der sie dran sei, beginne etwas später, es reiche also, wenn ich mich "ab 18 Uhr" bereithielte. Dann kann ich schnell noch etwas essen. Leerer Bauch quizt nicht gern. Gute Jessica!

Dabei kenne ich Jessica gar nicht. Auch wenn ich auf dem Vertrag, den ich für die Sendung unterschreiben musste, beim Punkt "Beziehung zum Kandidaten" angegeben habe, sie sei eine "Bekannte". Ich weiß nur, dass sie 25 Jahre alt ist, in Hildesheim technisches Übersetzen mit Hauptfach Spanisch studiert und sehr hübsch sein soll. Sie ist die Nichte der besten Freundin meiner Wahrheit-Kollegin Corinna Stegemann. Doch sowohl Tante als auch Tantenfreundin haben sich nicht getraut, als Joker anzutreten, wie sie mir beide beichteten. Und ich gelte ja als letzter Universalgelehrter und behaupte gern, analog googeln hieße ringeln. O warum muss ich bloß immer meine Klappe so aufreißen? Und wenn ich mich jetzt vor der gesamten Nation bei der Millionenfrage bis auf die Knochen blamiere?

18 Uhr. Von nun an gilts. Aber erst mal muss ich warten. Was mache ich nur, bis es so weit ist? Vielleicht schafft Jessica es ja gar nicht auf den Stuhl? Oder sie fliegt früh raus? Oder sie nimmt einen anderen Telefonjoker? Für irgendeine Frage zur "Biologie". Davon verstehe ich rein gar nichts. Jetzt werde ich langsam nervös. Um mich abzulenken, schaue ich mir noch einmal den Vertrag an, in dem ich mich einverstanden erkläre, "dass die Sendung mit meiner Stimme ausgestrahlt werden darf". Also auch mit jedem Quatsch, den ich erzählen werde. Jetzt bin ich richtig nervös.

18.45 Uhr. Was für eine Qual. Warten. Warten. Warten. Meine Gedanken schweifen ab, allerdings nicht weit. Ich muss an "Slumdog Millionaire" denken. Was ist, wenn ich die Frage, die ich beantworten muss, auch schon vorher weiß? Wobei Slumdog Jamal die Fragen ja gar nicht vorher weiß, sondern in seinem harten Leben gelernt hat.

Was, wenn ich mir einfach die Millionenfrage, die ganz sicher kommen wird, selbst ausdenke? Irgendetwas zum Thema "Politik und Geschichte". Slumdog - Indien - Gandhi … Ja, das ist es: "Wie lautet der Vorname Gandhis? - a) Mahatma, b) Maharadscha, c) Mahondis, d) Mahagoni?" Das wäre eine gute Millionenfrage. Ich würde in den 30 Sekunden, die ich Zeit hätte, noch schnell erwähnen, dass ich im März am Grab von Gandhi in Delhi war und dann erklären: "Mahatma heißt ,große Seele' und ist ein Ehrentitel aus dem Sanskrit, aber c) ist richtig, das ist sein Vorname, hundertprozentig, vertrau mir, Jessica! Und lass dich nicht von Jauch verar…"

19 Uhr. Ich bin mürbe. Das Warten macht mich fertig. Ich kann nicht mehr. Aber ich kann doch jetzt nicht aufgeben. Nicht mal ein Bier darf ich trinken. Das steht zwar nicht in der vertraglichen Abmachung, aber das wärs noch: aus Langeweile sich einen auf die Lampe gießen und dann vor geschätzt sieben Millionen Zuschauern herumlallen.

Also muss ich mir noch eine Millionenfrage austüfteln. Die Gandhi-Frage war auch zu speziell. Die Redaktion von "Wer wird Millionär?" liebt doch Wortspiele und noch viel mehr Wortklaubereien mit prominenten Namen. Irgendeine Frage zu deutschen Politikern muss her … Moment mal, ich habs! "Welcher ehemalige deutsche Außenminister wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden? - a) Konrad Adenauer, b) Willy Brandt, c) Helmut Schmidt, d) Gerhard Schröder?" Was für eine extrem gemeine und komplizierte Frage. Es sind alles Namen ehemaliger Bundeskanzler, die aber auch zeitweise Außenminister waren. Und zwei leben sogar noch. Trotzdem wäre die richtige Antwort "d) Gerhard Schröder".

Darauf würde die junge Jessica nie kommen, dass es mal in den sechziger Jahren einen CDU-Außenminister gab, der den gleichen Namen hatte wie der spätere SPD-Kanzler. Das würde ich ganz gelassen beantworten, weil ich kürzlich gelesen hatte, dass Gerhard Schröder der Ältere in diesem Jahr 100 geworden wäre.

19.42 Uhr. Ich falle fast vom Stuhl. Das Telefon klingelt! Es klingelt! Es klingelt! Mir schießt das Adrenalin ins Hirn. Dreimal lasse ich es klingeln, dann hebe ich den Hörer ab und … die Mitarbeiterin von "Wer wird Millionär?" ist wieder am Apparat. Jessica hat es auf den Stuhl geschafft, berichtet sie mir. Aber die erste Sendung für Freitag ist bereits beendet. Sie muss noch mal antreten für die Folge am Montag, die gleich im Anschluss aufgezeichnet wird. Ich solle mich bis 22.15 Uhr bereithalten. Das heißt, weiter warten. Ich wollte, es wäre Nacht oder der Günther käme …

20.45 Uhr. Das Telefon klingelt wieder und wieder und … wie die Geschichte ausgegangen ist und ob ich Jessica als Joker zum Millionengewinn verholfen habe, werden Sie, liebe Wahrheit-Leser, heute hier leider nicht erfahren. Denn ich habe mich als Telefonjoker gegenüber RTL vertraglich verpflichtet, "sämtliche Informationen über den Verlauf der Sendung ,Wer wird Millionär?' mit Günther Jauch, die sich aus dem Auftritt des Kandidaten ergeben, erst nach Ausstrahlung der Sendung bekannt zu geben". Die ist aber erst Montagabend. Und Sie wollen sicher nicht, dass Jessica einen möglichen Gewinn wegen des Vertragsbruchs zurückgeben muss. Nur so viel: Es war ein Waterloo …

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