die wahrheit

Das späte Wasser des Joachim Gauck

Vielleicht ein gnädiger Gott, mit Sicherheit aber die simple Arithmetik der Parteiendemokratie hat uns einen Bundespräsidenten...

... Joachim Gauck erspart. Dafür muss nicht nur die Leserschaft "der Wahrheit" Dankbarkeit aufbringen.

Die Bilderflut, mit der die jungen Facebook-Nutzer Gauck vor der Wahl bedachten, konnte dieser zwar nicht einsehen ("Ich weiß bis heute nicht, wie das geht"), aber inzwischen hat er sich schon mal den Jargon seiner Fans angeeignet und findet allerlei "cool" oder "super". Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung am gestrigen Montag gab er zu Protokoll: "Ich bin doch nicht Beckenbauer. Ich bin nicht Lena." Dass er Beckenbauer nicht ist, hört man. Gauck bringt seine Sätze grammatisch zu Ende, ohne zu stolpern. Dass er Lena nicht ist, sieht man an der Haarfarbe. Aber die beiden Nichtvergleiche zeigen, wo er sein Ego am liebsten spazieren führt. In der medialen Schein- und Halbwelt.

Wie Heino, Boris Becker, Henryk M. Broder und Dieter Bohlen setzt Gauck auf "Authentizität" als Markenzeichen. Das Wort ist die Zwillingsschwester der "Betroffenheit", die das grüne Basispersonal in den achtziger Jahren zeugte und die in Claudia Roth ein mobiles Denkmal gefunden hat, das in jeder Saison neu dekoriert wird. Das Traumpaar aber heißt Gauck-Roth: Monsieur Authentizität turtelt mit Madame Betroffenheit im Pool der öffentlichen Wahrnehmung wie dereinst Scharping mit seiner Gräfin. Oder wie es Gauck in der Süddeutschen sagt: "Ist ja super!"

Das strotzt nur so von Glück, das allerdings, mit Gauck gesprochen, "nicht kommt", sondern "wird": "Glück kommt nicht, Glück wird. Wir alle begreifen das Glück der Freiheit stärker, wenn wir uns beteiligen."

Woran? Das ist ziemlich egal - Hauptsache, irgendwo mitmachen, denn "das Land, in dem ich lebe, ist ein gutes Land". Zum Guten an diesem Land gehört ohne Zweifel, dass es besser ist als die DDR, aus der Gauck kommt, dass aber auch das "gute Land" eines der "unbegrenzten Zumutbarkeiten" ist, wie Ulrich Sonnemann 1963 sagte. Den muss Gauck nicht kennen, denn der lebte von 1917 bis 1993 und kam nie ins Fernsehen - im Unterschied zu den Zumutungen in allen Preislagen zwischen Sloterdijk, Steinbach, Sarrazin, Schirrmacher, Clement e tutti quanti.

Wenn Gauck "Bürgerbeteiligung" sagt, fallen ihm die Parteien ein. Er meint, die müssten halt "einladender" werden. Der Komparativ setzt voraus, dass Parteien etwas Einladendes haben. Was könnte denn die Gröhes, Lindners, Söders, Nahles und Özdemirs einladender machen? Gauck sagt es uns nicht.

Lieber greift er zum pastoralen Authentizitäts-Öl und massiert damit die Erinnerung an den Abschied seiner Söhne, die im Jahr 1987 aus der DDR in den Westen ausreisten. Damals machte er auf "kühlen Mann", aber beim Niederschreiben seiner Memoiren 23 Jahre später "ging" er zu seinen frisch geölten "Gefühlen" und beweinte diese mit "spätem Wasser".

Es gibt eine tschetschenische Spruchweisheit: Spät geölte Gefühle weisen abgestandenes Wasser ab, und beide vermodern zu Erinnerungsjauche.

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