Ramadan-Serie

Berliner Imame: Der Politiker

Mohamed Taha Sabri leitet eine Gemeinde in Nordneukölln, wo Arbeitslosigkeit und das Gefühl des Ausgegrenztseins für viele zum Alltag gehören. In seiner Predigt am Freitag will er über Sarrazins Thesen sprechen

Moslem beim Gebet Bild: dpa

In einer ehemaligen Kirche ist die Moschee "Neuköllner Begegnungsstätte" untergebracht, in der Imam Mohamed Taha Sabri seit drei Jahren als geistlicher Vorstand der Gemeinde tätig ist. Doch auch wenn man dem Gebäude seine spirituelle Funktion als Gotteshaus sowohl innen wie außen durchaus ansieht: Es ist sicher nicht leicht, in dieser Gegend Berlins in andächtige Besinnlichkeit zu verfallen. Die Moschee an der Flughafenstraße im Norden von Neukölln ist umgeben von tosendem Verkehr, von Straßen, in denen Wettbüros, Altwarenhändler mit erbarmungswürdigem Angebot und wenig vertrauenerweckend wirkende Männercafés mit ebensolcher Kundschaft das Straßenbild bestimmen. Keine gute Gegend für Gott - oder gerade.

In der Moschee sind am Vormittag vor allem Frauen und Kinder. Viele haben die Nacht hier verbracht, die heiligste Nacht des Fastenmonats Ramadan liegt hinter ihnen, die sie mit Gebeten und Basteleien verbracht haben, von denen die Bilder und Papierlaternen zeugen, die die Moschee nun schmücken. Im Hinterzimmer wartet Imam Sabri, den die Gemeindemitglieder Sheih Taha nennen. Erst 2005 ist der 45-Jährige tunesischer Herkunft nach Berlin gekommen, vorher hat er 16 Jahre lang in Bremen gelebt, wohin er als Student gekommen war. Dort wie hier hat Sabri die Probleme kennengelernt, mit denen viele muslimische Einwanderer aus arabischen Ländern in Deutschland konfrontiert sind. Das ist der Grund, warum Sabris Moschee "Begegnungsstätte" heißt und dort Deutsch-, Alphabetisierungs- und Integrationskurse stattfinden.

Ab dem heutigen Donnerstag geht mit einem dreitägigen Fest der heilige Fastenmonat der Muslime, der Ramadan, zu Ende. In diesem Monat wurde der Überlieferung zufolge dem Propheten Mohammed der Koran offenbart. Da der islamische Kalender dem Mond folgt, wandern seine Monate durch die Jahreszeiten. So fängt der Fastenmonat Jahr für Jahr um einige Tage früher an und kann in jeder Jahreszeit liegen.

30 Tage lang haben Berlins gläubige Muslime erst bei Dunkelheit getrunken und gegessen. Nun kann beim Ramadanfest, das die türkischen Muslime "Zuckerfest", die arabischen "Eid al-Fitr" nennen, gefeiert und geschlemmt werden. Muslimische Kinder dürfen in Berlin am ersten Tag des Festes schulfrei nehmen, viele bekommen Geschenke. Meist beginnt der Feiertag mit einem Besuch in der Moschee und wird mit Familienbesuchen fortgesetzt.

Die taz stellte im diesjährigen Ramadan in loser Folge Imame aus Berliner Moscheen vor. Mit dem heutigen Beitrag über Mohamed Taha Sabri endet die Serie. (awi)

Nein, eine arabische Parallelgesellschaft, "die ihren eigenen Regeln und Gesetzen folgt und keinen Kontakt zur deutschen Gesellschaft hat", gebe es in Berlin nicht, sagt der Imam. Etwa 10 Prozent seiner Gemeindemitglieder, die vor allem aus arabischen Muslimen besteht, seien mit deutschen "Eingeborenen" verheiratet, schätzt Sheih Taha, der selbst mit einer deutschen Konvertitin verheiratet ist - "einer Ostdeutschen!", wie er betont. Seine Freitagspredigten hält er zwar auf Arabisch, sie würden aber immer ins Deutsche übersetzt, erklärt Taha: "Viele der jungen Leute hier können nicht mehr gut genug Arabisch, um die Predigt zu verstehen."

Dass die Lebensrealität vieler Nordneuköllner, auch mancher Jugendlicher aus muslimischen Familien, von einem Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit und Armut, Drogen und Kriminalität geprägt ist - Imam Sabri weiß das, und er leidet darunter. Was der Imam den Jugendlichen, den Kindern und ihren Eltern vor diesem Hintergrund geben kann? "Abgesehen von dem Trost und der Hoffnung, den die Religion spendet, arbeiten wir, wo es geht, mit der Stadt zusammen, um hier andere Verhältnisse zu schaffen", sagt er. "Wir versuchen die jungen Leute zu motivieren, dass sie arbeiten, dass sie andere Wege für ihr Leben suchen als die Kriminalität, dass sie ihren Anteil an Leistung erbringen, statt nur eine Belastung für diese Gesellschaft zu sein."

Dafür arbeitet die Moscheegemeinde mit dem Quartiersmanagement und mit anderen Vereinen im umliegenden Kiez zusammen. Es sei ein Erfolg, dass mittlerweile "ein paar der Jungs, die früher unten auf dem U-Bahnhof herumlungerten und dort wer weiß was gemacht haben", in die Moschee kämen, findet Imam Sabri. Dass mit der Hinwendung zum Islam eine Abwendung von der deutschen Gesellschaft einhergehe, wie manche Integrationspolitiker befürchten, sieht er nicht so: "Wenn ich mich als Beispiel nehme: Ich habe als Imam die Verantwortung dafür, zwischen meiner Gemeinde und der sie umgebenden Gesellschaft zu vermitteln." Wenn Muslime sich zurückzögen, liege das eher daran, "dass viele sich nicht akzeptiert fühlten in dieser Gesellschaft", meint Sheih Taha: "Das stellt einen unter einen permanenten Druck."

Dass Sabri gegen solche Ausgrenzung gern mehr tun würde, merkt man ihm an. Doch um sich etwa als Politiker noch stärker gesellschaftlich einzubringen, reiche sein Deutsch nicht aus, meint er bedauernd: "In der Politik muss man aber vor allem gut und überzeugend reden können." Außerdem muss Mohamed Sabri, dessen Amt in der Moscheegemeinde ein Ehrenamt ist, seinen Lebensunterhalt verdienen - hauptberuflich ist der Imam Besitzer eines Schnellrestaurants. So bringt er die Politik eben in die Moschee: Thema seiner nächsten Freitagspredigt zum mehrtägigen Abschlussfest des Ramadan sind die provokanten Thesen von Thilo Sarrazin.

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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