Sex ist böse, Angst macht hart

In West-Berlin gab es Anfang der Achtzigerjahre eine verzweigte Super-8-Szene, die wilde und paranoide Filme drehte. Der alte Aktivist padeluun hat daraus ein Programm auf DVD zusammengestellt, das er in der Volksbühne präsentierte

Geschichte ist komisch. Huschdiwusch ist die Welt älter geworden. Und heute war ein Gestern, das jetzt auch schon wieder vorbei ist. Im letzten Jahr gab es, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes, den „Punk!“-Kongress in Kassel. Dort hatte der Filmer, Musiker und Datenschutzaktivist padeluun ein Programm mit Super-8-Filmen aus dem Westberliner Punkumfeld von 1978–81 gezeigt. Die Berliner „Schmidt Productions“ machte daraus eine DVD, die am Montagabend in der Volksbühne vorgestellt wurde. Es war ein prima Themenabend mit elf Filmen.

Dazwischen stand padeluun mit den Filmautoren auf der Bühne und erzählte, wie alles war. Denn es handelt sich ja nicht um Meisterwerke, sondern großteils um schnell gemachte Filme, die auf der Höhe des Gefühls längst vergangener Augenblicke sind: Hastig gedreht, kurz bevor man ins „wilde SO36“ gegangen sei. Einerseits stand Punk auf Seiten der Weltverbesserung, so padeluun, andererseits waren „wir Leute, die total asozial waren“.

Damals also machte man im Westberliner Underground Super-8-Filme, denn es war das billigste Medium. Wer an der HdK studierte, bekam die Filme umsonst; die anderen klauten sie im KaDeWe. Ohnehin scheint Klauen eine zentrale Erfahrung gewesen zu sein. Eine feste Schmalfilmgruppe gab es nicht. Teils entstanden die Filme auch im Umfeld der HdK, die dffb war dagegen verhasst. Die Programme, die in den damals berühmten wilden Kneipen wie etwa dem Risiko gezeigt wurden, entstanden eher zufällig. Zu einer bestimmten Zeit konnte jeder, der wollte, seine Filme bei padeluun abgeben, der im Café Mitropa am Winterfeldplatz wartete und keine Qualitätskontrollen vornahm, weil er sich nicht traute, zu sagen, dass er diesen oder jenen Film eigentlich doof fand.

1981 ging padeluun mit einer „Alle Macht der Super 8 – Berliner Undergroundfilmer stellen sich vor“ betitelten, neunstündigen Kompilation auf Tournee durch die BRD, Österreich und die Schweiz. Bei einer Veranstaltung in Heidelberg hätte kein Projektor zur Verfügung gestanden, also klaute er einfach einen. Viele der damaligen Filme (u. a. von Blixa Bargeld) sind verrottet oder verschollen. Aus dem Rest entstand das anderthalbstündige Programm, das in der Volksbühne gezeigt wurde und in dem die von der Malerei kommenden Filmschaffenden vielleicht etwas überrepräsentiert sind.

Das Grundmotiv der meisten Filme ist Paranoia und eine Angst vielleicht, die in Härte verwandelt wird. Die Musik ist hart und alles, was mit Sex zu tun hat, ist böse. Zum zerhackten „Solidaritätslied“ lutscht eine Frau an Hammer und Sichel. Damit hatte Walter Gramming versucht, „seinem Unbehagen Luft zu machen“. In Ruz Spaks „Handlich“ wird ein penisähnlicher Fisch ausgenommen usw. Das Erzählerische ist die große Ausnahme, die Außenwelt gibt es meist nur verwackelt oder in Medienbildern von Soldaten. Womöglich sind auch alle schon tot und DAF singen „Tanz den Adolf Hitler“, und man sieht schön verwischt einen Fernseher, in dem chinesische Kinder paradieren (Yana Yo – „Geh in die Knie“). Flaschen splittern auf der Tonspur. Eine Band singt „Stalingrad, Stalingrad – Wir leben im Computerstaat“. Dann wirft jemand einen Fernseher aus dem Fenster.

Die Welt ist unscharf, die Bilder wackeln. Jello Biafra singt bei Christoph Döring von Ferien in Kambodia. In Knut Hoffmeisters schönem „Deutschland“ haben Tiefkühlhähnchen Geschlechtsverkehr und ein Mann ruft am Boden liegend „Deutschland“, bis er von Polizisten weggeführt wird. Untypisch, weil humorvoll war nur Hella Santarossas Film „Die Enthüllung des Phantoms“, in dem ein dicker Mann sich in einem Waschsalon auszieht, seine Wäsche wäscht und dann wieder anzieht.

Seltsam, wie sehr diese Filme denen ähnelten, die zur gleichen Zeit im DDR-Underground gemacht wurden. Komisch auch, dass diese freundlichen Filmemacher so paranoide Filme drehten. Andererseits erzählte der Filmwissenschaftler Claus Löser, dass neulich vor der Bundestagswahl Jello Biafra in Berlin gespielt hätte und bei diesem Konzert zur Wahl von Schröder aufrief. Übrigens gibt es im Ex'n'Pop, das nun im ehemaligen KOB in der Potsdamer Straße 157 ist, jeden Mittwoch und Donnerstag Super-8-Filmabende.