Protest gegen Stuttgart 21

Täglich ein Schwabenstreich

Samstag werden wieder Tausende gegen den Abriss des Stuttgarter Bahnhofs demonstrieren. Der Bahnhof als Symbol: Die Stuttgarter ärgern sich, dass sie niemand ernst nimmt.

ZehntausENDE gegen Stuttgart 21: Täglich gibt es Protestdemos.  Bild: dpa

STUTTGART taz | Was finden die Stuttgarter bloß an diesem Bahnhof? Heruntergekommene Bahngrundstücke, kaputte Datschen - und überall diese Betonklötze im Blick. Wer mit der Bahn nach Stuttgart reist, wird nun wahrlich nicht auf Romantik eingestimmt. Im Gegenteil. Und doch scheint jetzt Romantik gefragt.

In der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg ist derzeit nichts mehr, wie es einmal war. Die Schwaben fühlen sich bedroht und drohen selbst: mit einem Aufstand. Dies ist die Geschichte einer Volksseele in Aufruhr. Sie beginnt in den Hochlagen und Vororten Stuttgarts, wo derzeit das bürgerlich-konservative Milieu in Erschütterung gerät. Und in den verkifften Studenten-WGs, aus denen Nacht um Nacht Plakate an die Eckpfeiler des Städtischen gelangen. Und sie beginnt an der Bahnsteigkante des Stuttgarter Hauptbahnhofes.

Bahntrasse nach Ulm

Es ist eines der teuersten Bahnprojekte aller Zeiten in Deutschland: In Stuttgart soll der derzeitige Bahnhof komplett unter die Erde verlegt und um 90 Grad gedreht werden. Aus dem Kopfbahnhof soll ein Durchgangsbahnhof werden, aus 17 Gleisen acht. Wo jetzt noch Schienen liegen, sollen künftig Wohn- und Gewerbebauten entstehen. Kostenpunkt : 4,1 Milliarden Euro - sagen die Bauherren. Zudem ist für weitere 2,9 Milliarden Euro eine ICE-Trasse nach Ulm geplant. Mit den Projekten will Stuttgart eine zentrale Position im europäischen Fernverkehrsnetz einnehmen. Mehr dazu lesen Sie hier.

Das Problem: Zahlreiche Studien attestieren massive Risiken. Der Bundesrechnungshof und unabhängige Experten gehen von deutlichen Mehrkosten aus. KritikerInnen befürchten, dass der Neubau wegen der Gleiskonzeption zu Problemen im Nahverkehr und in der Sicherheit führt. BahnhofgsgegnerInnen befürchten außerdem die Belastung der Mineralwasservorkommen, bauliche Risiken und die Teilzerstörung des alten Schlossparks.

Die Alternative: Der Gegenentwurf zu "Stuttgart 21" ist der "Kopfbahnhof 21", der von den UmbaugegnerInnen befürwortet wird. Diese sind auch für eine Modernisierung des Bahnhofes, wollen aber den Kopfbahnhof erhalten. Dies könnte rund 2,3 Milliarden Euro kosten. Sie protestieren gegen die Pläne, Teile des Kopfbahnhofs abzureißen. Am Samstag um 19 Uhr werden in Stuttgart tausende zu einer Großdemo erwartet.

Befürworter: www.das-neue-herz-europas.de

Gegner: www.kopfbahnhof-21.de, www.parkschuetzer.de

Das gemeinsame Feindbild, das in diesen Tagen diese unterschiedlichen Milieus aufmischt, heißt "Stuttgart 21", kurz: S 21. Dahinter steckt das vielleicht visionärste Baukonzept Europas, sagen manche. Mit Sicherheit das umstrittenste. Hier, im Herzen von Stuttgart, soll der jetzige Bahnhof abgerissen werden und ein unterirdischer neuer entstehen. Eine neue Bahntrasse nach Ulm soll her. Das Herz Europas soll Stuttgart dann werden. Mit schnellen ICEs nach überall. Über 30 Kilometer lange Tunnel gäbe es dann, aber auch zehn Jahre Mammutbaustellen, und oben entstünde ein neues Stadtviertel.

Es ist Mitternacht in Bad Cannstadt, im ältesten Bezirk der Stadt. Die Wände dieser Wohnung sind schwarz und rot bemalt, es läuft Bob Marley, und Daniel dreht noch eine Tüte. Immer wieder macht es schnipp und schnapp. Daniel und seine Freunde, Gärtner, Studenten, Azubis, schneiden doppelseitiges Klebeband zurecht. Das kleben sie auf hunderte von Flyern und Plakaten. Und gleich, in einer Stunde, geht es in die Nacht zum Plakatieren für die Samstagsdemo. Dann, also heute, sollen wieder tausende kommen. "Diese Schweinerei", sagt Daniel, "das lassen wir mit uns nicht machen." Doch worum geht es ihm?

"Stuttgart 21" ist eine Chiffre, die erst für den Umbau des Bahnhofs stand, aber inzwischen für viel mehr steht. Sehr viel mehr. "Uns machen sie die Kulturklubs dicht, aber für so etwas haben sie Geld", sagt Daniel. Diesen Satz hört man derzeit von vielen Stuttgartern. Den einen mangelt es hieran, den anderen daran: "Aber dafür haben sie Geld!"

Seit Monaten gehen deshalb Hunderte und Tausende einmal pro Woche auf die Straße. "Montagsdemos" nennen sie es, wie die Revolutionäre einer unterdrückten Gesellschaft. Und ein bisschen ist es auch so.

Mit Sitzblockaden legen sie den Verkehr lahm. Wenn Baumaschinen anrücken, legen sie sich in den Weg. Die Stadt ist gepflastert mit Protestaufklebern, Flyern und Plakaten. Seit anderthalb Wochen nun, seit der erste Bauzaun errichtet wurde, gibt es täglich Demos gegen den drohenden Abriss des Bahnhofsseitenflügels.

Schreien und kreischen

"Schwabenstreiche" werden sie genannt. Jeden Abend, 19 Uhr, egal wo, greifen StuttgarterInnen für 60 Sekunden zur Pfeife, zu Trommeln, zu Kuhglocken und Vuvuzelas. Sie klatschen, schreien, kreischen. Ein sonst so solides Schwabenland befindet sich im Ausnahmezustand - es ist die Empörung der Unerhörten.

Denn die Schwaben warnen vor einem Milliardenloch und könnten Recht behalten. Was 2007 noch 2,8 Milliarden kosten sollte, beziffert die Bahn heute auf über vier Milliarden. Und wer unabhängig rechnet, kommt auf weitaus mehr. Mit "mindestens 5,3 Milliarden" veranschlagt der Bundesrechnungshof das Projekt, plus 3,2 Milliarden für die Neubaustrecke nach Ulm. "Und wir haben sehr konservativ geschätzt", sagt ein Sprecher. Andere seriöse Schätzungen gehen noch viel weiter.

Doch nicht nur beim Geld wird schöngeredet, auch bei den Risiken. Im Juli veröffentlichte die Zeitschrift Stern eine vom Land Baden-Württemberg unter Verschluss gehaltene Expertise, in der von "Infrastrukturengpässen", "Fahrzeitverlängerungen" und "Konflikten" mit dem Regionalverkehr die Rede war.

Dazu kommen stets neue Aufreger. Wie die Geschichte mit Michael Föll. Der CDU-Wirtschaftsbürgermeister hat sich erst Mitte Juli zum Beiratsmitglied in dem Abrissunternehmen Wolff & Müller machen lassen, das gerade heute von der Bahnhofsdemontage profitiert. Der Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) genehmigte ihm diese Tätigkeit. Auf der Straße macht das keinen guten Eindruck. Doch wenn am heutigen Samstag Tausende auf die Straße gehen, sind Föll und Schuster im Urlaub. Auch für ein kurzes Telefonat mit der taz sind sie nicht zu haben.

Und genau das ist es. Der Bahnhof, schön und gut. Wovon die Schwaben wirklich genug haben, ist die politische Kultur, die sich mit dem Mammutprojekt im Ländle verändert hat. Ob der Bagger die Steine einreißt, ist das eine; ein viel bedeutenderer Riss geht durch die Seele der Stadt. Denn "Stuttgart 21" steht für eine Politik, die ihren Souverän, das Volk, vergessen hat.

In ganz Baden-Württemberg sind 58 Prozent der Bevölkerung für einen Ausstieg aus dem Projekt, ergab Ende 2009 eine Emnid-Umfrage im Auftrag des BUND. Ob die Ablehnung tatsächlich so groß ist, will der Bürgermeister gar nicht wissen. In einem offenen Brief, der am Freitag herausging, weist der Bürgermeister die Forderungen nach einem Moratorium zurück.

Das wird von den GegnerInnen allerdings vehement gefordert. Auch in der SPD - wie CDU und FDP bislang Fürsprecher des Projekts - bröckelt nun langsam die Einigkeit. In einem offenen Brief fordern Bezirksräte, Jusos und Ortsvereinsmitglieder eine Denkpause. Auch sie wollen wissen: Sind die Bedenken zahlreicher Experten berechtigt? Sind die Finanzpläne, die die Bahn vorgelegt hat, realistisch?

Ihr sozialdemokratischer Prellbock heißt Wolfgang Drexler. Er ist der Sprecher des S-21-Projektes - und hat in den letzten Wochen nach eigenen Aussagen wiederholt Morddrohungen erhalten. Am Telefon und schriftlich. Auch er weilt derzeit im Urlaub, nimmt aber Telefonate an. "Die Beteiligungsformen haben in Stuttgart gefehlt. Wir können acht bis zehn Jahre Nichtinformation nicht mehr einfach nachholen. Die Situation ist fatal", sagt er. Immerhin, ein wenig Selbstkritik.

Doch er sagt auch: Zurückrudern könne man jetzt nicht mehr. "Die einen wollen ein Moratorium, die anderen haben Baurecht. Wie wollen Sie da einen Kompromiss machen?" In Bahnhofsnähe kann sich Drexler nicht mehr sehen lassen. Und dass der Oberbürgermeister Schuster keine Wahlen mehr gewinnt, ist hier jedem klar.

"Nie wieder CDU"

Dieses Los hat sich an der Bahnsteigkante entschieden. Hier steht Egon Hopfenzitz und sagt: "Ich habe mein Leben lang CDU gewählt. Die wähle ich nie wieder."

Egon Hopfenzitz ist 80 Jahre alt. Und seine Tage verbringt er nur noch mit Protest. Der Mann, beige Anzugjacke, beige Hose, beige Schuhe und blaues Hemd, steht auf einem der 17 Gleise des Stuttgarter Kopfbahnhofes. Noch. Die Gegenwart ist für ihn immer eine Zeitreise. Im Jahr 1950, fünf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, begann hier der Weg des Eisenbahners. Von 1981 bis 1994 leitete Hopfenzitz als Chef den Stuttgarter Hauptbahnhof. Heute ist er einer der erbittertsten Gegner der neuen Großvision. Nur ein Romantiker?

"Nein", sagt er. "Der neue Bahnhof bringt faktisch keinen Vorteil." Hopfenzitz ist der Detaillist der Bewegung. Über Fahrplantaktungen und Abstellgleise, über Gepäcktransport und Auswirkungen auf den Nahverkehr kann er erzählen. Es gibt tausend Gründe, diesen Kopfbahnhof zu erhalten, modernisiert und umgestaltet. Viele davon klingen plausibel. Aber Hopfenzitz sagt auch: "Hier geht es nicht mehr um den Bahnhof, hier geht es um die Demokratie. Wenn die wirklich abreißen, bin ich beim nächsten Sitzstreik dabei."

Matthias von Herrmann, 37, Typ solider Schwabe, ist der Obersitzstreiker und Parkschützer von Stuttgart. Acht Jahre war er bei Greenpeace aktiv, jetzt soll der anstehende Bahnhofsbau einen Teil des historischen Schlossparks vernichten. Es sollen 283 Bäume, teils über 200 Jahre alt, weichen. Nicht mit ihm. Im September gründete er die Initiative, die in Stuttgart für die Hopfenzitze dieser Stadt nun Blockadetraining und Ankettungsaktionen organisiert. Seit ihrer Gründung im September 2009 haben sich bereits 18.000 Menschen den Parkschützern angeschlossen. 1.700 von ihnen, das hat die Initiative erfasst, sind zu zivilem Ungehorsam bereit. 400 hat von Herrmann schon ausgebildet. "Und das sind nicht nur junge Leute, sondern auch betagte Damen. Sie sagen: Wer sein Leben lang ruhig war, muss jetzt auch mal Flagge zeigen."

Vielleicht ist gerade das das Potenzial dieses Schwabenaufstands: "Dies ist ein zutiefst bürgerlicher Aufstand", sagt von Herrmann. Er sagt es gerne. Daniel aus der Kifferbude sagt das auch. Und Egon Hopfenzitz sitzt künftig neben ihm.

 

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