Debatte zu Heinsohn und Sarrazin

Geliebte Propaganda

Die Nicht-Experten Heinsohn und Sarrazin sind so erfolgreich, weil sie Ressentiments gegen Arme mit der Sorge um Rohstoffknappheit verbinden

Zwei triviale Einsichten beschäftigen immer wieder das Leitartikelwesen: Erstens: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Zweitens: Deutschland ist ein Land fast ohne Rohstoffe. Das Feuilleton bearbeitet die beiden Diagnosen gern mit argumentativen Anleihen beim demografischen und geopolitischen Reservoir.

Der Bremer Professor und Hobbydemograf Gunnar Heinsohn meint zu wissen, warum die jährlich 160.000 benötigten Einwanderer ausbleiben werden und warum "wir auf Dauer verarmen." Weil "80.000 Hartz-IV-Mütter mit jeweils zwei Kindern", aber ohne Versorger, dafür mit Anspruch auf "lebenslängliche Sozialhilfe", gebildete Einwanderer abschrecken, denn - so Heinsohn weiter - Kinder von Hartz-IV-Empfängern bleiben "natürlich" so unausgebildet wie ihre Mütter und zeugen ihrerseits "natürlich" wieder zwei Kinder, die die Schule schwänzen, statt zu lernen, während gut ausgebildete deutsche Frauen im Durchschnitt nur 1,4 Kinder gebären. Im Klartext: Keiner reist in ein Land ein, in dem "Leistungsträger" (Westerwelle/Sloterdijk) zu wenige, die "Niedrigleister" (Heinsohn) dafür zu viele Kinder kriegen.

Mit zwei herbeizitierten demografischen Eckdaten prognostiziert Heinsohn den Untergang: Seine Parole "Land unter ohne Leistungsträgervolk" ersetzt die ältere vom "Volk ohne Raum". Heinsohn mobilisiert - wie vor ihm Arnulf Baring, Peter Sloterdijk sowie Thilo Sarrazin und Frank Schirrmacher in ihren Artikeln - ganz billige Ressentiments gegen den Sozialstaat und gegen soziale Gerechtigkeit in vulgärnietzscheanischer und demografischer Kostümierung.

Die Rohstoffarmut verlangt dagegen "eine von den Zwängen der Geografie geforderte Politik" - so Professor Pierre Béhar -, also "geopolitisch" begründetes Denken und Handeln. Der Zeit-Herausgeber Josef Joffe beliefert solches Denken seit Jahren publizistisch wie Dan Diner akademisch.

Demografie und Geopolitik hantieren mit radikalen Vereinfachungen als Jokern. Heinsohns Spekulationen etwa beruhen auf mathematischen Modellen davon, wie sich Bevölkerungszahlen entwickeln könnten, wenn dieser oder jener Trend beim reproduktiven Verhalten der Einwohner einträte oder nicht einträte. Solche Prognosen sind prinzipiell mit Risiken behaftet und arbeiten mit überhaupt nicht bekannten oder nicht berechenbaren Faktoren. Das macht demografische Modelle wie geopolitische Hypothesen zu idealen Grundlagen für apokalyptische Visionen. Demografische und geopolitische Spekulationen sind Mehrzweckwaffen des intellektuellen Grobianismus mit politischen Absichten. Je vereinfachender die Annahmen bei der Konstruktion demografischer oder geopolitischer Zusammenhänge ausfallen, desto weitreichender die kausalen Schlüsse.

Die rigiden Vereinfachungen beruhen zunächst immer darauf, dass handfeste Interessen wirtschaftlicher, sozialer oder politischer Natur ausgeblendet und gesellschaftliche Prozesse "naturalisiert" werden. "Sozialhilfemütter" gebären "natürlich" von der Sozialhilfe abhängige Kinder. Gäbe es die lebenslängliche Sozialhilfe nicht, würden keine Sozialhilfekinder geboren.

Heinsohns These, die Sozialhilfe erhöhe das Verarmungsrisiko, beruht auf einem Kurzschluss, der Annahme, dass Hartz-IV-Mütter "ihre risikoreiche und pädagogisch ungünstige Existenz auf weitere Neugeborene ausdehnen". Ungefähr so fantasierten schon die Sozialdarwinisten des 19. Jahrhunderts. Mit einer ebenso primitiven Vererbungslehre operiert Heinsohn im Blick auf Schulleistungen. "Nirgendwo liegen Migrantenkinder tiefer unter dem einheimischen Niveau als in Deutschland: Das liegt nicht an ihrer Fremdheit oder Anderssprachigkeit, sondern an den schlechten Noten ihrer Eltern bereits in der Heimat." Selbst wenn es einen statistischen Zusammenhang zwischen der Herkunft der Eltern und den Schulnoten der Kinder gibt, sind die Gründe dafür viel komplexer, als Heinsohn unterstellt.

Zunächst sollte man nachprüfen, was in einem Schulsystem alles schiefläuft, wenn es nach neunjähriger Schulzeit eine große Zahl von funktionalen Analphabeten entlässt. Der Sprecher der Berliner CDU hat indessen aus der Spekulation des Bremer Professors die populistische Forderung destilliert, potenzielle Einwanderer Intelligenztests zu unterziehen. Die USA praktizierten das in den 20er Jahren und verhalfen damit Eugenikfanatikern und Rassisten zu Anerkennung.

"Das Menschengewürm"

Noch offensichtlicher ist die Ausblendung von Interessen bei den geopolitischen Argumentationspirouetten. Der schwedische Geograf Rudolf Kjellén (1864-1922), der den Begriff "Geopolitik" in Umlauf brachte, verstand darunter "die Lehre vom Staat als geografischem Organismus oder Erscheinung im Raume" - also als quasi natürliche Größe. Daraus erklärt sich auch die Beliebtheit der Geopolitik bei allen "Blut-und-Boden-Ideologien" nach dem Ersten Weltkrieg und in der Nazizeit. Davon distanzieren sich die heutigen Enthusiasten zwar artig, wollen aber auf ihren geopolitischen Hokuspokus nicht verzichten.

Während das Beschwören von demografischen Binsenwahrheiten in der Regel auf Katastrophenszenarien hinausläuft, verstehen sich die Geopolitiker als "Realisten", die geopolitische Begriffe mobilisieren, um wirtschaftliche und politische Interessen bei der Verteidigung oder beim Erwerb von natürlichen Ressourcen zu kaschieren. Die Demografen blamieren sich mit ihren notorischen Untergangsprognosen, die Geopolitiker dagegen profilieren sich mit rabiaten Rezepten für den "notwendigen" Einsatz von militärischer Gewalt zur Verteidigung unserer Sicherheit am Hindukusch, zur Sicherung der Ölversorgung aus dem Nahen Osten oder der Gaslieferungen aus Sibirien und Zentralasien.

Im Rückgriff auf demografische Ladenhüter bei der Kritik des Sozialstaats spiegeln sich Ängste der Mittelschichten ebenso wie die elitären Ressentiments gegen "das kleine Menschengewürm" (Nietzsche). Die Rehabilitation der Geopolitik folgt der Logik des Vergessens, also der Enthistorisierung des politischen Denkens.

RUDOLF WALTHER

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