Protest gegen Zensur

Das Krokodil im Mediensee

"Bericht"-Erstattung in Berlusconien- unliebsame Nachrichten werden nicht gesendet oder verboten. Am 1. Juli gehen Italiens Journalisten dagegen auf die Straße.

Silvio Berlusconi glänzt vor den Fotografen im RAI-Studio. Bild: ap

Auf das "große Schweigen" der Medien wollen Italiens Journalisten am 1. Juli mit einer Großdemo in Rom antworten; sie wissen allerdings genau, dass diese in den Nachrichtensendungen wohl keinerlei Erwähnung findet, ganz so wie der Protest der Menschen von LAquila.

Etwa 20.000 Menschen gingen am 16. Juni im erdbebenzerstörten LAquila auf die Straße und protestierten dagegen, dass die Regierung Berlusconi sie beim Wiederaufbau allein lasse. Allein gelassen wurden die Demonstranten - gemessen an der Größe der 70.000-Einwohner-Stadt eine enorme Zahl - allerdings auch von Italiens Medien.

Im Staatsfernsehen RAI berichtete bloß der dritte, der Opposition nahestehende Kanal. Die Nachrichten auf RAI 1 und RAI 2, die sonst für jeden Auftritt Berlusconis in der Erdbebenstadt ihre Kamerateams ausschwärmen lassen, hatten nicht eine Sekunde für den Protest übrig.

So geht "Bericht"-Erstattung in Berlusconi-Land: Die unbequemen Nachrichten kommen gleich gar nicht mehr vor, sie werden geschnitten, zensiert, ausgeblendet. Im "TG 1", der Nachrichtensendung auf RAI, sorgt Chefredakteur und Berlusconi-Intimus Augusto Minzolini dafür, dass der Ministerpräsident sich nicht über unbequeme News ärgern muss.

Maria Luisa Busi, eines der bekanntesten Gesichter des "TG 1", lehnte vor einigen Wochen ab, weiterhin die 20-Uhr-Nachrichten zu moderieren. Sie hatte es satt, so schrieb sie in einem offenen Brief an Minzolini, weiterhin Nonsens-News über Themen à la "Jagd auf Krokodil in Badesee" zu verlesen - Nachrichten, die bloß dazu dienen, die Realität auszublenden.

Minzolini nahm den Rücktritt dankend an. Die Busi habe beim Verlesen der Nachrichten per "Gesichtsmimik" ihren Widerwillen zur Schau getragen, befand der empfindliche Chefredakteur, der gute Nachrichten auch mit guter Laune verkündet haben will. Das passt ins Klima bei der RAI: Kritische Geister vom Bildschirm zu verbannen ist gegenwärtig der Hauptsport des Berlusconi-Lagers.

So machen sich die RAI-Programmverantwortlichen in diesen Tagen laut Gedanken darüber, ob der Anti-Mafia-Schriftsteller Roberto Saviano im nächsten Herbst tatsächlich vier Sendungen bekommen soll.

Seine zwei Sendungen hatten im Vorjahr weit überdurchschnittliche Einschaltquoten, doch das zählt in der RAI nicht. Die will auch den Talkmaster Michele Santoro loswerden; dessen Erfolgssendung "Anno Zero" auf RAI 2 war einer der wenigen verbliebenen Sendeplätze, auf denen Berlusconi-Gegner unzensiert zu Wort kommen.

Zwei Millionen Euro bot die RAI Santoro für dessen Ausscheiden aus dem Sender - doch wie es scheint, will der jetzt doch im Staatssender bleiben. Einfach kündigen kann ihn die RAI-Spitze nicht: Er hatte sich, wohl einmalig in Europa, seinen Sendeplatz per Klage beim Arbeitsgericht zurückerobert, nachdem er schon einmal im Jahr 2002 von den Berlusconi-Leuten kaltgestellt worden war.

Viele von Santoros Themen könnten ihm dennoch abhandenkommen: Italiens Regierungsmehrheit nämlich will das Problem unbequemer Nachrichten gleichsam an der Wurzel lösen, per Verbot der Verbreitung ebenjener Nachrichten.

Santoro war der Erste, bei dem Patrizia DAddario zu Wort kam, jenes Callgirl, das ihre Sex-Nacht mit Berlusconi mitgeschnitten hatte. Jene Aufnahmen wären mit dem geplanten Gesetz illegal. Doch nicht bloß die Verbreitung privater Mitschnitte soll mit dem Abhörgesetz, das jetzt im Abgeordnetenhaus zur Verabschiedung vorliegt, verboten werden.

Auch Berichte über staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren und das Zitieren aus amtlichen Abhörprotokollen sollen verboten werden. Dann würden die Italiener nicht mal mehr über korrupte Minister und liebestolle Ministerpräsidenten informiert.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de