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"Mögen die Spiele gewinnen!"

Was bedeutet Kunst heute? In Zeiten leerer öffentlicher Kassen erkunden Hannovers neue Kunstfestspiele in den Herrenhäuser Gärten derzeit die "Macht des Spiels". Das Festival ist ambitioniert. Sein blinder Fleck ist die Macht der Konzerne.

Berühmt fürs Barocke: die Herrenhäuser Gärten. Bild: Hassan Mahramzadeh

Spielen ist kein Kinderspiel. Für Schiller lag bekanntlich das höchste Potential des Menschen im Spiel, und dass sich das nicht so leicht realisieren lässt, versteht sich von selbst. Marx sprach entsprechend vom "verdammtesten Ernst", der frömmelnde Philosoph Hans-Georg Gadamer lieber von einem "heiligen Ernst", mit dem Spieler am Werke seien. Es geht also immer um etwas im Spiel, meistens in irgendeiner Weise um alles, und das ist auch in Hannover wieder so, wo am vergangenen Wochenende ein neues Sommerfestival unter dem Motto "Die Macht des Spiels" begann.

Die Idee dazu kam vom Hausphilosophen der Hannoveraner, vom harmonieverliebten Gottfried Wilhelm Leibnitz. Der fantasierte einmal davon, wie überaus nützlich es sei, was üblicherweise getrennt sei, an einem Ort, in einem "Spielpalast" zusammenzuführen: Kunst und Wissenschaft zuvörderst, mit "schönen Kuriositäten und Maschienen", aber auch Kulturen, zwischen denen Welten und Menschen, zwischen denen Geld und Bildung liegen. Gewiss, räumte der Philosoph ein, die Idee mute wie ein Scherz an. Sie bliebe aber nicht folgenlos, würde sie in die Tat umgesetzt.

Das lässt sich nun in den nächsten drei Wochen in der barocken Schloss- und Gartenanlage Herrenhausen überprüfen, an einem Ort - wie passt nicht alles zusammen -, an dem schon Leibnitz sich gern verlustierte. 40 Veranstaltungen stehen auf und zwei Schlüsselworte über dem Programm: Interdisziplinarität und Internationalität. Die "öffentlichen Belustigungen", von denen Leibnitz noch sprach, sind dabei hinten über gefallen. Es soll auch ein Musical geben, sagt die Intendantin Elisabeth Schweeger, vormalige Leiterin des Schauspiels Frankfurt, "im August", sprich, wenn das eigentliche Festival schon längst vorbei ist.

Damit ist benannt, wer nicht gemeint ist, wenn die Intendantin emphatisch auf dem Eröffnungsabend die Losung des "Brücken Bauens" ausgibt. Und damit ist auch eine erste Antwort gegeben auf die laut Schweeger vom Festival aufgeworfene Frage, was Kunst heute bedeuten könne: vieles vielleicht, aber nur für wenige.

Eine weitere, auch nicht gerade heiter stimmende Antwort auf die Frage liefert Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil in seiner Eröffnungsrede. Mit den "Kunst-Fest-Spielen Herrenhausen", die die Stadt mit Hilfe einiger Versicherungen und Sparkassen stemmt, verhalte sich Hannover antizyklisch. Während andernorts Kultureinrichtungen in Zeiten leerer Kassen schlössen, baute man an der Leine eine neue auf. Deficit spending also. Und zwar aus gutem Grund. Im harten Standortwettbewerb sei es für die Städte "von existentieller Bedeutung, eine hoch attraktive Umgebung zu schaffen". Da traut Weil der Kunst einiges zu, wie ein hübscher Versprecher in seiner Rede noch mal unterstreicht: "Mögen die Spiele gewinnen, äh, beginnen."

Sie beginnen recht hübsch, zunächst aber müssen die verschiedenen Eröffnungsreden im höfischen Korsett der Etikette über die Bühne gehen: "Sehr geehrter Herr Soundso, Sehr geehrte Frau Soundso und einen herzlichen Dank an die Versicherung X, die Sparkasse Y und die Verlagsgruppe Z, ohne deren großzügiges Engagement das alles nicht möglich" und so fort...

Den künstlerischen Auftakt bildet dann Monteverids Oper Orfeo, die der noch nicht 30-jährige Regisseur Alexander Charim erfrischend und mustergültig auf den Ort zugeschnitten inszeniert. Der erste Teil spielt in dem prächtig ausgemalten Galeriegebäude Herrenhausens und der Zuschauer wird darin an langen Tafeln zu einem Teil einer Hochzeitsgesellschaft, die so sinnlich abgeht, dass man sich unter die Wäsche will. Der zweite Teil spielt in der kargen Orangerie und geht noch weiter, nämlich unter die Haut. Orpheus wird dort flankiert von einem scheiternden Rockstar, der weder aus sich noch aus einem Betrieb herauskommt, der ihn verbrät.

Großartig ist auch die Installation Caprificus, die der Bühnenbildner Thomas George, der Künstler Gerhard Schebler und der Filmkünstler Matthias Lippert aufgestellt haben. Die Installation ist eine Mischung aus Forschungsstätte und Bunker und zeigt damit schon recht deutlich, wie weit wir uns von der voraufklärerischen Idee Leibnitz entfernt haben, es könne einen geraden Weg geben, auf dem sich die Menschheit perfektioniere. Was man aus der Installation mitnimmt, ist ein vages Gefühl von Hoffnung, und - mit dem Auftreten einer Kinderschar - der Hinweis auf ein Glück im Spiel, das sich jenseits von Macht entfaltet.

Umso bedauerlicher ist, dass an der Stelle der Installation schon 2012 das im Krieg zerstörte Herrenhäuser Schloss rekonstruiert werden soll. Wenn die leere, zu immer neuen Spielen einladende Mitte des Schlossparks radikale Demokratie versinnbildlicht, mit ihrem nie ans Ende kommenden Aushandeln, so wird das Schloss, von der Volkswagenstiftung finanziert und größtenteils genutzt, nicht mehr von der Macht der Spiele künden, sondern von der Macht der Konzerne.

Vor dieser Drohkulisse kann die Bedeutung der Kunst heute nicht mehr allein im Brückenbauen verortet werden. Vielmehr müsste man sich fragen, ob es der Kunst nicht gelingen kann, die Brücke zur Ökonomie wieder abzubrechen, oder, bescheidener, wenigstens die tausend Fäden offen zu legen, mit denen die Kunst am Nutzenkalkül hängt. Danach sieht das ansonsten vielversprechende Programm der Kunstfestspiele allerdings nicht aus.

"Eins zu null also für die Ökonomie?" So würde man das wohl sagen, wenn man eins nicht wüsste: dass das Gefühl, es sei wichtig im Spiel zu gewinnen, das schlechte Produkt einer schlechten Gesellschaft ist.

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