Kino in Birma

Bollywood und Propaganda

Zensur und Geldmangel haben das goldene Zeitalter des birmesischen Films beendet. "Shadows of the past" will es wiederbeleben. Eine Reportage.

Soll das birmesische Kino international salonfähig machen: "Shadows of the past". Bild: promo

"Mit dieser Kiste auf der Schulter habe ich zwanzig Jahre lang Filme gemacht", sagt U Than Maung und dreht die riesige Arriflex-Kamera auf ihrem massiven Stativ hin und her. "Den Motor hier habe ich anbauen lassen. War diese Kamera schwer!" Dass es kein Vergnügen war, diese riesige Filmkamera über den Set zu tragen, kann man sich schon beim Ansehen vorstellen: Die voluminöse Kiste verhält sich zu den Kameras unserer Tage wie ein Grammofon zu einem iPod, ist noch eine richtige Maschine. Trotzdem scheinen die Blicke der Gruppe betagter Filmemacher, die sich um den massigen Kasten geschart haben, ein bisschen wehmütig zu werden: Mit solchen Gerätschaften sind in den 50er- und frühen 60er-Jahren Filme entstanden, die heute als das "Goldene Zeitalter" des birmesischen Kinos erinnert werden.

Wir stehen im Foyer des Filmmuseums von Rangun, der größten Stadt in Birma (Myanmar), und auf einer Plattform vor uns ist historisches Filmequipment arrangiert: Kameras, Scheinwerfer, Schneidetische, keiner jünger als 50 Jahre. Alle Apparate wirken handgeschmiedet, auf einigen liegen dicke Staubschichten, zwischen den Kabeln eines Scheinwerfers hat eine Spinne ein Netz gespannt. Das Filmmuseum ist in einer alten, geräumigen Holzvilla untergebracht, die einst Bogyoke Aung San gehörte, dem früheren birmesischen Ministerpräsidenten und Vater der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die seit fast anderthalb Jahrzehnten unter Hausarrest steht.

Sie ist geräumig, wenn auch etwas heruntergekommen, aber sie beherbergt das größte Filmmuseum in ganz Südostasien. Fotos von Dreharbeiten in den 30er-Jahren und von Filmstudios in den 40er-Jahren, Filmposter und Autogrammkarten, Kostüme und Zeitschriftencover hat die Myanmar Motion Picture Association (MMPA) bei ihren Mitgliedern gesammelt. Jedes Wochenende treffen sich hier Oldtimer der Filmszene von Birma, trinken Tee, und plaudern über alte Zeiten. Heute sitzen um den Tisch in der Eingangshalle der Kameramann U Than Maung und die beiden Drehbuchautoren U Aye Kyu Lay und Dan-Yin Yin Lai. Letztere hat 21 Filmscripts und über 300 Romane geschrieben. "Früher habe ich einen Roman in zwei Monaten geschrieben", erinnert sie sich, "heute schaffe ich nur noch fünf im Jahr." Viel mehr Geld verdient sie inzwischen aber als Wahrsagerin, die der kleinen Schicht birmesischer Neureicher die Zukunft verheißt.

Bis heute werden in dem bettelarmen und von der Außenwelt weitgehend abgeschnittenen Land, das von einer erbarmungslosen Militärjunta brutal unterdrückt wird, jährlich mehr als ein Dutzend Filme gedreht, die in den etwa 30 Kinos Ranguns und in der Provinz gezeigt werden. Einige der Kinos in der "Cinema Row" der ehemaligen Hauptstadt sind kleine Gemmen der Kolonialarchitektur, die meisten von ihnen inzwischen verschmuddelt und heruntergekommen.

Außer lokalen Produktionen laufen hier Hongkong-Filme und amerikanische Action Movies aus den 80er-Jahren, aber auch relativ aktuelle Produktionen aus Bollywood und gelegentlich sogar ein neuer Hollywood-Film, der trotz des Handelsembargos gegen Birma auf irgendeinem verschlungenen Weg ins Land geraten ist. Lastwagen mit Lautsprechern fahren durch die Straßen, um die neuen Filme anzukündigen. Vor jeder Vorstellung laufen propagandistische Nachrichtenfilme. Wenn, wie so oft, mal wieder der Strom ausfällt, dröhnen vor den Kinoeingängen Benzingeneratoren.

Die lokalen Filme sind meist anspruchslose, in wenigen Tagen heruntergedrehte Komödien voll schlichtem Slapstick-Humor und mit vorhersehbaren Plot, gelegentlich auch Melodramen, in denen immer wieder die gleichen Schauspieler auftreten. Bis in die 90er-Jahre hinein wurde die Filmindustrie von der Regierung gesponsert, und daher standen den Regisseuren noch nennenswerte Budgets zur Verfügung. Inzwischen ist die Filmindustrie in die freie Marktwirtschaft entlassen worden, und die Produzenten müssen selbst sehen, dass sich ihre Filme refinanzieren. Trotzdem werden fast alle Produktionen auf 35-Millimeter-Film gedreht, der für viel Geld im Ausland eingekauft werden muss. U Myint Thein Pe, der Chef der Myanmar Motion Picture Association, sieht darin auch einen Grund, warum die technische Qualität der meisten Filme eher bescheiden ist: "Die meisten Regisseure können sich einfach das Filmmaterial nicht leisten, um eine Szene zweimal zu drehen, oder noch einen Close-up zu machen." Digitales Video spielt in Birma noch kaum eine Rolle. Zwar werden eine Reihe von Filmen auf Video für den Verkauf auf DVD produziert - was auch den Vorteil hat, dass die Zensur bei diesen Filmen weniger strikt ist. Aber anders als in andere Ländern Südostasiens hat sich in Birma noch keine digitale Independent-Szene herausgebildet. Lediglich der unabhängige Regisseur Min Tin Ko Ko Gyi dreht mit geringen Budgets und knapp unter dem Radar der Filmzensur Filme, die sich den Klischees des lokalen Kinos widersetzen, im eigenen Land aber kaum zu sehen sind.

Trotzdem ist das Kino in Birma immer noch wichtiges Unterhaltungsmedium. Während es in Ländern wie Kambodscha oder Laos praktisch keine Filmindustrie mehr gibt, produzieren kleine Unternehmen, die sich in der Regel mit der Produktion von Werbefilmen und Karaoke-Videos über Wasser halten, immer wieder Spielfilme, teils als Prestigeprojekte, wenn sie Glück haben auch als gewinnträchtige Einnahmequelle. In der 35. Straße unweit vom Hauptbahnhof von Rangun finden sich in heruntergekommenen, alten Häusern die winzigen Büros der Filmfirmen, die oft an derselben Fassade neben den Werbeplakaten für ihre Spielfilmproduktionen auch Preislisten für Dienstleistungen vom Filmschnitt bis zum DVD-Transfer hängen haben.

Und wenn im Februar die lokalen Academy Awards in einer fünfstündigen Zeremonie vergeben werden, dann ist das ein nationales Event - das daher inzwischen auch nicht mehr in der Metropole Rangun, sondern in der neuen Retortenhauptstadt Naypyidaw stattfindet, in der sich die Militärjunta in den letzten Jahren abgekapselt hat. Handverlesene Vertreter der verschiedenen Volksgruppen des Landes sitzen in ihren traditionellen Trachten auf den Rängen, wenn die Preise verteilt werden. Das Fernsehen überträgt live. Und in den folgenden Tagen erscheinen Sondernummern aller wichtigen Zeitschriften und Zeitungen, die die Zeremonie ausführlich beschreiben und farbige Bilder der Stars in ihrer Galagarderobe zeigen. Selbst das ultradröge Regierungspropaganda-Blatt New Light of Myanmar, das ansonsten nur Politparolen und Polemik veröffentlicht, berichtet auf einer Doppelseite.

All das findet freilich nur innerhalb der Grenzen des von der Außenwelt sorgfältig isolierten Landes statt. Doch ein neuer Film soll nun das birmesische Kino auch international salonfähig machen: "Shadows of the past", geschrieben und produziert von dem in der Schweiz lebenden Exilbirmesen Aung Thura, der auch gleich noch die Hauptrolle spielt - eine melodramatische Liebesgeschichte, bei der Sin Yaw Mg Mg, ein Altmeister des patriotischen Propagandafilms, Regie geführt hat. Der Film wurde teilweise in der Schweiz gedreht, was den Film zur wohl ersten birmesischen Auslandsproduktion nach dem Zweiten Weltkrieg macht.

Ganz zeitgemäß hat der Film nicht nur eine eigene Website, sondern auch eine Facebook-Page und ist auch auf YouTube präsent. (Ironischerweise sind beide Websites in Birma, das das Internet sehr stark zensiert, gesperrt.) Die Hauptrolle spielt der birmesische Superstar Eaindra Kyaw Zin, und mit ihr hofft Regisseur Thura nun den internationalen Markt zu erobern. In Birma lief der Film relativ erfolgreich, ein ausländischer Interessent hat sich bisher allerdings noch nicht gefunden.

Auf High-Definition-Video gedreht und mit einem für lokale Verhältnisse recht üppigen Budget ausgestattet, sieht der Film deutlich besser aus als die meisten anderen zeitgenössischen Filme Birmas. Diese Produktionen müssen sich oft mit absurden und intransparenten Zensurbedingungen herumschlagen.

Beim Board of Censors, bei dem erst das Drehbuch und dann der fertige Film begutachtet wird, soll eine Liste mit Themen und Sujets, die tabu sind, existieren. Da diese Liste aber geheim ist, müssen Filmemacher auf gut Glück herausfinden, was verboten ist und was nicht. Nicht gezeigt werden dürfen angeblich strohgedeckte Hütten und Frauen, die bei der Geburt sterben. Sexszenen und nackte Busen sind sowieso verboten, Schauspieler müssen grundsätzlich traditionelle Tracht tragen, und Schlägereien dürfen nicht zu brutal sein und nicht vor Publikum stattfinden. Weil Studenten bei den Demonstrationen gegen die Regierung im Herbst 2007 eine wichtige Rolle gespielt haben, darf nicht auf dem Campus gedreht werden.

Politische Tradition

Dabei war das Kino von Birma einst nicht nur außerordentlich populär, sondern auch eminent politisch. U Nyi Pu drehte 1920 den ersten birmesischen Stummfilm über den Niedergang eines Trinkers und Spielers. Er wurde mit Erfolg in Ranguns Cinéma de Paris gezeigt. Der Tag seiner Premiere, der 13. Oktober 1920, wird heute als Myanmar Movie Day begangen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann das "goldene Zeitalter": bis zu 100 Filme entstanden jedes Jahr, ab Mitte der 50er-Jahre auch mit Ton, zunehmend in Farbe und zum Teil sogar in Cinemascope, wie sich der frühere Filmstar, Regisseur und Produzent Htay Aung bei unserem Gespräch im Filmmuseum erinnert. 1962 übernahm General Ne Win die Macht - der erste einer Reihe von Diktatoren, die das Land bis heute beherrschen. Die Filmindustrie wurde verstaatlicht, die Zensur verschärft, kritische Regisseure wie U Wynn Pe durften nicht mehr arbeiten und gingen ins Ausland. Von der einst glanzvollen Filmindustrie Birmas blieb wenig.

Was aus seinen alten Filmen geworden ist, weiß Htay Aung nicht - die meisten dürften dem tropischen Wetter und mangelhafter Archivierung zum Opfer gefallen sein. "Ich habe keinen meiner alten Filme mehr", sagt er traurig. So bleibt ihm nur, sich am Wochenende mit seinen ehemaligen Kollegen zu treffen, wo einige seiner alten Geräte stehen und gerahmte Standfotos und Filmzeitschriften an das goldene Zeitalter des birmesischen Kinos erinnern.

 

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