BALKAN-BEATS

Die Trompeter vom Alexanderplatz

Die rumänische Band Fanfara Kalashnikov hat in Berlin Karriere gemacht, sie spielt mit den Größen der Szene. Manchmal kann man die Gruppe trotzdem noch als Straßenmusiker erleben

Wie seine Landsleuten von der rumänischen Band Fanfara Kalashnikov macht dieser junge Akkordeonspieler Musik auf der Straße - bloß mit dem, Unterschied, dass die Band zu den Größen ihrer Szene gehört. Bild: AP

Montagnachmittag, am Alexanderplatz erklingen Balkan-Beats. Saxofon, Baritonhorn, Tuba und Trompete - der Sound der Blasinstrumente macht Passanten neugierig. "Komm, lass uns mal sehen", sagt eine junge Frau zu ihrem Freund. Eine ältere Frau einige Meter weiter wendet sich ab und ruft: "Schon wieder Roma!"

Die Musik aber wirkt wie ein Magnet, um die vier Musiker hat sich ein Kreis aus Passanten gebildet. Die lebhaften Klänge laden zum Tanzen ein: Schüchterne Zuschauer wippen mit den Füßen, sie versuchen dem raschen Rhythmus zu folgen; einige Frauen bewegen ihre Hüften. Münze für Münze landet im Instrumentenkoffer der rumänischen Musiker der Gruppe Fanfara Kalashnikov.

Von den zehn Mitgliedern sind an diesem Nachmittag vier gekommen, um am Alex für Stimmung zu sorgen. Schweißperlen stehen auf ihrer Stirn. Seit 20 Minuten blasen Sergiu Nastase (Basstuba), Liviu Chirica (Trompete), Rares Zamfir und sein Bruder Sebastian (Baritonhorn) in ihre Instrumente und feuern das Publikum mit ihren Rhythmen an. Dann ziehen sie weiter, zum Hackeschen Markt.

Berlins Straßen sind den rumänischen Musikern nicht fremd. Seit fünf Jahren machen sie hier Straßenmusik; sie wissen, was das Publikum hören will. Der harte Kern der Gruppe besteht seit fast 20 Jahren. Sie trafen sich damals in einer Kindermusikgruppe in Iasi, einer 300.000-Einwohnerstadt im Nordosten Rumäniens. Später gründete Liviu Chirica, mit 35 Jahren der Älteste von ihnen, Fanfara Kalashnikov. "Der Name sollte gleich im Gedächtnis der Zuhörer bleiben", verrät er.

Die Nähe der Musik zum serbischen Künstler Goran Bregovic ist offensichtlich, auch wenn Chirica das nicht gerne zugibt. Weltberühmt ist Bregovics Musik durch die Filme von Emir Kusturica geworden. Von Bregovics Song "Kalashnikov" stammt auch der Name der Band.

Doch dieser alleine hat in Rumänien nicht zu großer Aufmerksamkeit verholfen. "Unsere Art von Musik ist in Rumänien nichts Besonderes", sagt Chirica. "Es reicht nicht, besser zu sein als andere." Einen Manager zu finden - das war den Musikern fast unmöglich. "Niemand wollte Geld in unsere Musik investieren", sagt der 27-jährige Basstubist Sergiu Nastase. Den Durchbruch schaffte Fanfara Kalashnikov erst in Deutschland. Nastase zeigt auf eine CD, während er gleichzeitig in die Basstuba bläst: "Das ist die beste Art, für uns Werbung zu machen."

Auf seinem Instrumentenkoffer stehen drei weitere Scheiben: "Fanfara Kalashnikov live" steht auf der CD-Hülle, das Cover ziert ein Foto der Gruppe bei einem Konzert. "Normalerweise verlangen wir 10 oder 15 Euro für eine CD", sagt Rares Zamfir. "Doch manchmal geben uns die Leute mehr." Einmal sei ein Schweizer Geschäftsmann unter den Zuschauern gewesen. "Er hat 50 Euro für zwei CDs gegeben und uns eingeladen, auf der Weihnachtsparty seines Unternehmens zu spielen." Der Auftritt sei einer voller Erfolg gewesen. Manchmal liegt das Geld eben buchstäblich auf der Straße.

Deutschland, das war für Fanfara Kalashnikov zunächst gleichbedeutend mit Nürnberg. 2003 kamen die Musiker im Fränkischen an, den Tipp hatte ihnen ein Freund gegeben. Ihre nächste Stationen waren Köln, Bonn, Trier - sie fuhren von Stadt zu Stadt. Balkan-Beats waren damals noch neu in Westeuropa. "Wir haben sehr viel mit der Straßenmusik verdient", erinnert sich Sergiu Nastase. Doch um auf Dauer davon zu leben, reichte das nicht.

Die Karriere der Truppe als Profimusiker begann in Berlin. Die Geschichte klingt fast ein wenig wie ein Märchen: "Ein Mann hat uns am Alex spielen gehört und in einen Club eingeladen", erzählt Rares Zamfir und wiederholt, was der Mann - der später ihr Manager wurde - damals gesagt hat: "Ihr seid sehr begabt und habt alle Voraussetzungen für Erfolg. Dafür müsst ihr aber eure Chancen nutzen. Und sich am Markt zu behaupten, ist harte Arbeit." Übrigens nicht nur für die Musiker selbst, sondern auch für Clemens Grün, der mit seiner Künstleragentur Jungle Town Productions die rumänischen Musiker vermarktet.

Inzwischen ist Berlin für sie zum Zuhause geworden. Jedenfalls die meiste Zeit des Jahres. "Im Winter sind wir fast zwei Monate in Rumänien, ansonsten sind wir immer unterwegs", sagt der 33-jährige Silviu Stanica. Der Grund ist die Familie. Seine Frau und ihr 10 Monate altes Baby wohnen immer noch in Rumänien, in der Region Moldau. Bald aber will der Perkussionist aber auch seine Familie nach Deutschland bringen. "Das Einzige, was uns noch mit unserer Heimat verbindet, sind Verwandte und Freunde", sagt auch Sergiu Nastase. Er hat seine Frau in Berlin kennengelernt. Maria ist 42 Jahre alt - eine Romni aus Bukarest, die schon seit 15 Jahren in der deutschen Hauptstadt lebt.

In Neukölln, gleich neben dem Rathaus, haben sie sich ein Stück Heimat geschaffen. Dort treffen sich die Bandmitglieder in einer Ladenwohnung - und überlegen, wo sie am kommenden Tag musizieren. "Wir setzen viele neue Ideen um", sagt Basstubist Nastase.

In der Berliner Musikszene sind die Kalashnikovs anerkannt. Die rumänischstämmige RnB-Sängerin Miss Platnum hat sie ins Studio eingeladen, sie haben mit Peter Fox, 2Raumwohnung und der Liedermacherin Dota Kehr zusammengearbeitet. Rumänische Folklore trifft auf westliche Popmusik - beide kreieren einen Sound, den man berlintypisch nennen könnte.

Die Zusammenarbeit hat sich ausgezahlt. 2007 hatte die Gruppe drei Auftritte im Vorprogramm der Berliner Reggaeband Seeed - vor 17.000 Zuschauern in der Wuhlheide. Andere Veranstalter wurden aufmerksam; es folgten Festival- und TV-Auftritte in ganz Europa. Künstler aus Bulgarien, der Ukraine, Griechenland und Deutschland gesellten sich zu dem Ensemble und entwickelten es musikalisch weiter. Aus den talentierten Rumänen wurden Profis, die sich heute nur von Zeit zu Zeit auf der Straße ein Zubrot verdienen.

Nun steht eine neue Herausforderung an: das Open-Air-Festival im August im schleswig-holsteinischen Wacken - laut Veranstalter das "größte Heavy-Metal-Festival der Welt". Wenn sie dort auf der Bühne Deep Purples "Smoke On The Water" im Balkan-Orient-Stil interpretieren, verschmelzen einmal mehr einander eigentlich kaum vertraute musikalische Welten.

Ein Teil der Bandmitglieder sind Roma; negative Erfahrungen - etwa Beleidigungen - mussten sie deswegen nie erleiden. "Wer uns schätzt, schätzt uns wegen unserer Musik; es interessiert ihn nicht, was wir sind", sagt Silviu Stanica. Der 33-jährige Perkussionist ist Rom wie auch drei andere Bandmitglieder. "Wir haben als Band noch keine Diskriminierung erlebt", sagt Stanica schnell und scherzt: "Ich bin kein Rassist: Meine Frau ist Rumänin."

SILVIU STANICA, PERCUSSIONIST

.

„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de