Jutta Ditfurth über Klaus Rainer Röhl

"Die Grenze zog er bei 13, 14 Jahren"

Meinhof-Biografin Jutta Ditfurth hat den Fall Röhl recherchiert, sie hält Anja Röhls Geschichte für realistisch. Röhl sexualisierte die Kleinen früh, ließ sie beim Sex zuschauen und schwärmte von "junger Haut".

Dreirad. Bild: avalore – Lizenz: cc-by

taz: Frau Ditfurth, der Konkret-Gründer Klaus Rainer Röhl streitet die Vorwürfe seiner Tochter Anja ab, dass sie von ihm als Kind und Jugendliche sexuell missbraucht wurde. Wem glauben Sie?

Jutta Ditfurth: Es geht nicht um glauben. Auch Herr Röhl hat selbstverständlich Rechte. Aber ich habe seinen Fall schon vor Jahren recherchiert. Auch die Präzision, mit der Anja Röhl ihre Geschichte im Stern beschreibt, ist überzeugend. Sie hat es mir vor Jahren erzählt. Ich habe in den Sorgerechtsakten von Meinhofs Anwalt Heinrich Hannover weitere Belege gefunden. Ulrike Meinhof befürchtete, dass Röhl ihre gemeinsamen Töchter missbrauchen würde. Röhl sexualisierte die Kleinen früh, war mal der witzige Vater, dann tat er ihnen weh. Er ließ sie als Kleinkinder zuschauen, wenn er mit seinen erwachsenen Freundinnen schlief. Er erklärte schon den Kleinkindern, dass junge, sehr zarte Haut "alter Haut" vorzuziehen sei. Die Grenze zog er bei 13, 14 Jahren. Er gab ihnen Anschauungsunterricht und zeigte ihnen, welche Brüste und Körperlichkeiten er bei erwachsenen Frauen schätzte. Er gab damit an, dass er seine ältere Tochter Anja entjungfern wollte. Er verantwortete in seinen Zeitschriften aggressive pädophile Texte.

Vieles spricht dafür, dass das Umfeld der Familie Röhl/Meinhof von den Vorwürfen wusste - aber offenbar schwieg jeder.

Foto: archiv

Jutta Ditfurth, 58, ist Publizistin und hat u. a. "Ulrike Meinhof. Eine Biografie" geschrieben.

Ulrike Meinhof protestierte dagegen, dass er eines der Babys schon auf dem Wickeltisch "sinnlich" fand. Sie schritt ein, wenn er die kleinen Mädchen in die Oberschenkel zwickte oder sie schlug, bis sie weinten. Er nannte das "patschen". Durch ihre Heimkinderreportagen ab 1965 wusste sie mehr über sexuellen Missbrauch als die meisten, aber Röhl benahm sich in ihrer Gegenwart nicht eindeutig. 1969, ein Jahr nach der Scheidung, verstand sie, dass es nicht nur um abstoßende Sprüche, um Erotisierung und körperliche Gewalt ging, sondern dass ihre Töchter Gefahr liefen, vom Vater sexuell missbraucht zu werden. Genau deshalb sorgte sie vor der Baader-Befreiung im Mai 1970 dafür, dass die Kinder bei ihrer Schwester Wienke leben sollten, solange sie im Untergrund war. Eine gute Entscheidung, wie das Berliner Landgericht im Juli 1970 befand.

Wenn die Missbrauchsvorwürfe berechtigt sind: Waren sie dann womöglich der eigentliche Grund für den Sorgerechtsstreit Röhl - Meinhof?

Ja - ihr einziger Grund. Beim Geld, darüber spottet Röhl in seinen Büchern gern, hatte Meinhof sich bei der Scheidung im April 1968 mit einer lächerlichen Summe abfinden lassen, obwohl sie Miteigentümerin der Villa und des Verlages war.

Der frühere Spiegel-Chef Stefan Aust, so schien es bisher, hat die Röhl-Zwillinge durch seine recht bekannte Italienreise vor einem palästinensischen Waisenhaus bewahrt - erscheint diese Aktion heute nicht in einem anderen Licht?

Auf die Wahrheit schien lange kein Licht. 2003 hat Aust in einem Interview selbst zugegeben, dass sein Motiv ein Wettkampf mit der RAF war. ,Ich fand das auch sportlich interessant, denen die Kinder abzunehmen', sagte er. Aust behauptete, Röhl sei zufällig in Rom gewesen. Aber der erklärte dem Gericht, er habe die Kinderpässe abgeholt und Aust sei in seinem Auftrag gefahren. Ja, Aust hat die Kinder Röhl gebracht.

Muss die Linke heute noch ihre, sagen wir: frühere Indifferenz gegenüber dem Thema Pädophilie aufarbeiten?

Diese angebliche Indifferenz ist ein neuer Mythos von rechts. Die antiautoritären Linken, die ich kannte und kenne, konnten immer gut zwischen ausgebeuteter kindlicher Sexualität und verabscheuungswürdigen Herrschaftsbeziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern einerseits unterscheiden und andererseits freier, selbstbestimmter Sexualität.

Sind Sie bei der Recherche zu Ihrer Meinhof-Biografie bereits auf Hinweise auf den möglichen Missbrauch gestoßen?

Ja. Und es liegt noch längst nicht alles offen.

 

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