Essayfilm "Der Tag der Spatzen"

Hindukusch an der Mosel

Wie sieht es in Deutschland aus, wenn deutsche Soldaten an einem Krieg mitwirken, von dem es heißt, es sei keiner? Das fragt der Essayfilm "Der Tag des Spatzen".

Wie kommt man vom Spatz zum Krieg? Philipp Scheffners Essayfilm zeigts. Bild: 2010 philip scheffner/pong

Starrt man nur lange genug auf ein Detail, starrt es irgendwann zurück und bekommt Flügel. Dann schwirrt es umher und verbindet das eine mit dem anderen. Zum Beispiel ein Gebüsch in Deutschland mit Höhlen im Hindukusch oder den Schlag eines Flügels mit dem Einschlag einer Rakete. So lässt sich in Kürze das Prinzip von Philip Scheffners filmischem Essay "Der Tag des Spatzen" beschreiben. Scheffner begibt sich darin auf Bildersuche: Wie sieht es in Deutschland aus, wenn in weiter Ferne deutsche Soldaten an einem Krieg beteiligt sind, von dem behauptet wird, es sei gar keiner?

Eine Toreinfahrt in Geltow bei Potsdam. Hier hat das Einsatzführungskommando der Bundeswehr seinen Sitz. Von hier aus wird der Einsatz deutscher Soldaten in einem fernen Land koordiniert. Man führt freundliche Gespräche am Eingang, die auf das Erwartbare hinauslaufen: Der Filmemacher darf nicht hinein. Zwei junge Soldaten patrouillieren hinter einem Zaun durch ein grünes Dickicht aus Blättern. Die Kamera schaut zu ihnen hinüber. Die Soldaten blicken zurück. Was sie bewachen, sieht man nicht.

Scheffners Film ist ein Gespräch über Bäume, das gar nicht anders kann, als auch vom Wald zu reden. Und davon, was man im Wald so alles findet: Truppenübungsplätze, Landebahnen, Kommandozentralen. Wenn der Film den Wald verlässt, findet er hügelige Felder, ruhige Seen, Sandstrände und das offene Meer an der Ostsee. Und überall die Spuren eines Krieges, der woanders stattfindet.

Abonnieren Sie die Digitaz und lesen Sie abends schon die komplette taz von morgen. Direkt auf Ihrem Computer. Einen Monat lang. Für nur 10 Euro.

Die Bilder deutscher Landschaften wirken aufgeräumt. Die Mosellandschaft, im Tiefflug, von oben gesehen. Dann die Erklärung, dass die Windungen des Flusses und die Topografie des Geländes mit den Bergen in Afghanistan vergleichbar sind. Kampfpiloten bereiten sich hier auf ihren Einsatz vor.

Man kennt das Prinzip der Paranoia: Alles hängt mit allem zusammen in einem großen Netz, das eigentlich ein Schleier ist, der alles verdeckt. "Der Tag des Spatzen" ist antiparanoid. Er montiert scheinbar Entlegenes und Unvereinbares und treibt seine Spurenverbindung immer bis zu dem Punkt, an dem das Ganze kein Netz, sondern ein Bild ergibt.

Ein Reiher steht neben einem Parkplatz. Eine Katze schleicht vorbei. Diesen Vogel wird die Katze, das Raubtier, nicht jagen. Ein kleiner Vogel bedroht einen Rekordversuch mit Dominosteinen. Dafür gibt es einen Spezialisten, einen Kammerjäger für geflügelte Gefahren. Der braucht nur einen Schuss, um den Spatzen zu erlegen. Das Tier stirbt, damit die Menschen spielen können. In aller Welt berichten die Medien über diesen Vorfall. Dass der bezahlte Schütze anschließend Todesdrohungen erhält, erfährt man erst aus Scheffners Film.

Scheffner recherchiert gründlich für seine Filme, und er liebt es, den Geschichten, die er dabei findet, freien Lauf zu lassen. Sein voriger Film "Halfmoon Files" nahm seinen Ausgang in einem Schallplattenarchiv in Berlin und verknüpfte Gespenstergeschichten, deutsche Kolonialpolitik und die Geschichte der ersten Moschee in Brandenburg. Auch "Der Tag des Spatzen" stürzt sich beherzt auf Disparates. Die beiläufige Bemerkung und der Gedankensprung liegen Scheffner eher als die logische Verkettung. Dadurch erhält er überraschende Antworten.

Als der Filmemacher bei der Bundeswehr anfragt, ob diese bereit wäre, sein Projekt zu unterstützen, erhält er eine erste Antwort der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit: Das wird geprüft. Nach langer Zeit dann: Wir prüfen weiterhin. Auf weitere Nachfrage schließlich die Antwort: Fragen nach dem Einsatz in Afghanistan stelle man sich durchaus auch. Aber nur intern. In der Öffentlichkeit würde es sich nicht gut machen, wenn man Zweifel äußert.

Das letzte Bild: Ruhige See, blauer Himmel, weiter Horizont. Dann, in völliger Stille, mehrere Raketeneinschläge in der Ferne. Der Knall der Explosion braucht seine Zeit, um die Distanz zu überwinden. Bis dahin schweigen die Vöglein im Walde.

"Der Tag des Spatzen". Regie: Philip Scheffner. Essayfilm, Deutschland 2010, 104 Min.

********************

Dieser Text ist für Sie kostenlos verfügbar. Dennoch wurde er nicht ohne Kosten hergestellt! Wenn Ihnen der Text gefallen hat, würden wir uns freuen, wenn Sie der taz dafür einen kleinen Betrag bezahlen. Das können wenige Cent sein - wir überlassen es Ihnen.

Für unabhängigen Journalismus: taz-Konto 39316106 | BLZ: 10010010 | Postbank Berlin - Verwendungszweck "taz.de".

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de