Audioslideshows

Reduzierte Form für Liebhaber

Mehr als ein Diavortrag mit Tonspur: Vertonte Bildergalerien sind besonders für Reportagen gut geeignet. In Deutschland ist das junge Genre noch ziemlich unbekannt.

Szene aus der Audioslideshow "Außen Puff, innen Hölle" über Münchens schrägen Kneipenbesitzer Isi Yilmaz. Bild: screenshot www.sueddeutsche.de

Text. Foto. Video. Diese drei klassischen Formen dominieren den Onlinejournalismus. Hin und wieder verirrt sich dazwischen mal eine interaktive Grafik oder Landkarte, aber noch immer bilden sich eigenständige, crossmediale Online-Genres nur langsam heraus. Und wenn sie dann da sind, kriegt es kaum jemand mit - wie bei der Audioslideshow.

Die macht für den fernsehkonfektionierten User zunächst den Eindruck eines vollautomatischen Diavortrags mit Tonspur: Foto folgt auf Foto, nichts bewegt sich, allenfalls wird mal ein wenig gezoomt. Doch die reduzierte Form schafft eine spezielle Atmosphäre: Während Videos oft einfach so vorbeifließen, kann man sich hier die einzelnen Fotos genauer anschauen, wirken lassen, Details entdecken.

Ein gutes Foto ist ein Konzentrat der Zeit vor und nach dem Augenblick der Aufnahme, sagt Robert Wenkemann, Multimedia-Chef von faz.net. "In einer Audioslideshow springt man von einer sehr intensiven Situation zur nächsten", so Wenkemann. "Wenn man dann noch Atmo-Geräusche hört oder ein Reporter dazu subjektiv erzählt, hat man viel stärker das Gefühl, man sei vor Ort." Entsprechend eignet sich das Format besonders gut für magazinig-zeitlose Themen, Reportagen und Porträts. Bei faz.net finden sich etwa Beiträge über das größte hinduistische Fest in Deutschland bei Hamm, über die verlassene Todeszone von Tschernobyl und über Fußball in Palästina.

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Ihren Durchbruch schafften die Audioslideshows vor einigen Jahren, dank der preiswerten und leicht bedienbaren Software Soundslides, die sich schnell als Produktionsstandard durchsetzte. Doch während sich die Slideshows in den USA eine bedeutende Rolle erarbeitet haben - ein herausragendes Beispiel ist "One in 8 Million" von nytimes.com, eine Serie von 54 Kurzporträts der Bewohner New Yorks aus dem Jahr 2009 -, führen sie hierzulande noch ein Nischendasein. Ausprobiert wurden sie zwar inzwischen von vielen Seiten, aber neben faz.net setzt nur sueddeutsche.de wirklich regelmäßig auf das Format.

Anlass genug für erste Abgesänge: So erklärte Zeit-Online-Multimedia-Chef Fabian Mohr kürzlich in einem vielverlinkten Blogbeitrag, warum die Slideshow gegen das omnipräsente Bewegtbild verloren hätte. Der Online-Journalist Fabian Schweyher, der seine Diplomarbeit über Audioslideshows geschrieben hat und auch selbst produziert, sieht es weniger drastisch: "Vor ein paar Jahren gab es dank Soundslides eine gewisse Euphorie - daher kommt jetzt wohl die Enttäuschung." Aber auch er glaubt, dass der große Durchbruch in Deutschland ausbleiben wird.

"Die Audioslideshow ist ein Format, das sehr stark sein kann - das sich durch sein recht starres Korsett aber auch relativ schnell abnutzt", sagt er. Dazu kommt, dass Soundslides inzwischen an seine Grenzen stößt und so die Kreativität hemmt: Die Tonspur lässt sich nicht nachträglich editieren, der Einbau von Videosequenzen ist nicht möglich - wobei gerade die Kombination mit Video als nächster Entwicklungsschritt gesehen wird.

Ein weiteres Problem ist der vergleichsweise hohe Produktionsaufwand. "Ich habe außerdem das Gefühl, dass eine Audioslideshow höhere Standards erfüllen muss als ein vergleichbares Video, weil das Format nicht so angenommen ist", sagt Schweyher. "Genau wie die Bilder wirken auch die Fehler intensiver."

Schließlich ist da noch der ökonomische Faktor: Deutsche Media-Agenturen vergöttern nach wie vor die Page Impression (PI), den Einzelseitenaufruf, als Reichweitenmessgröße für Onlinewerbung. Und da verliert jede Slideshow gegen eine schnell gebaute Fotoklickstrecke. Solange es kein Umdenken gibt, Werbung nach Unique Visits oder gar nach Nutzungsdauer zu honorieren, wird die Audioslideshow ein Liebhaber-Genre bleiben, das allenfalls zur Userbindung einer Webseite dienen kann.

"Wir machen das nicht, weil wir da Klicks einsammeln können, sondern weil es ein besonderer journalistischer Mehrwert ist", sagt auch Robert Wenkemann. Leisten kann sich faz.net ein solches Aushängeschild nicht zuletzt dank des Zugriffs auf das weltweite Redaktionsfotografen-Netzwerk der Print-FAZ. Deswegen sieht auch Wenkemann die Zukunft der Slideshow eher als spezielles Format für spezielle Anlässe - und findet das auch gut so. Die Rückschau auf den letzten Bundesligaspieltag sei für eine Audioslideshow ohnehin zu profan.

Das Problem der PI-Fixiertheit kennt auch Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur von sueddeutsche.de, will das Angebot dennoch ausbauen. "Es muss unsere journalistische Aufgabe sein, ein Thema auch anders zu erzählen, wir machen schließlich kein Onlinepapier", sagt er. Man müsse beharrlich bleiben: "Viele Leute, gerade in der Werbebranche, sind ziemlich defensiv."

Als Bestätigung für diese Haltung gewann der freie sueddeutsche.de-Autor Matthias Eberl Ende 2009 einen Reporterpreis für seine Slideshow "Außen Puff, innen die Hölle" über eine Münchener Künstlerkneipe. Eberl ist in Deutschland ein Pionier, schon seit 2003 experimentiert er mit multimedialen Formen und neuen Verknüpfungen von Bild, Ton und Text. Von Audioslideshows allein leben kann Eberl noch nicht. Er ist aber zuversichtlich, dass sich ihre Zahl noch "erheblich steigern wird", und sieht nicht nur die Redaktionen in der Pflicht: "Der Wille ist bei vielen da, ich glaube, es mangelt eher an Journalisten, die das Medium beherrschen."

Und wenn der Onlinejournalismus endlich stärker auch in den Magazinbereich vordringt, könnte die große Stunde schlagen: "Wenn sich Tablet-PCs wie das iPad tatsächlich als Lesegerät für Zeitungen und Zeitschriften etablieren, wird die Audioslideshow bei Reportagen Standard sein."

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