Dokumentarfilm über Folgen einer Haussanierung

"Den Ausschlag gab die Abfindung"

Ein Film von Teresina Moscatiello und Jakob Rühle dokumentiert die Sanierung eines Altbaus in der Lychener Straße 64 in Prenzlauer Berg. Die wollten die Bewohner verhindern. Der Film erklärt, warum das ein Traum blieb.

Blick in der Hof der Lychener 64 vor der Sanierung Bild: Sinafilm

taz: Herr Rühle, Frau Moscatiello, Sie haben einen Film über die Lychener Straße 64 gedreht. Warum gerade über dieses Haus?

Jakob Rühle: Die Lychener 64 ist ein sehr durchschnittliches Haus, das die gleiche Geschichte hat wie viele als Arbeiterquartiere gebaute Häuser im Bezirk. Die Geschichte des Hauses ist damit auch stellvertretend die des Prenzlauer Bergs. Der Hauptgrund aber war, dass wir, die Filmemacher, selbst dort gewohnt haben. Als eines Tages die Modernisierungsankündigung im Briefkasten lag, haben wir beschlossen, den Sanierungsprozess mit der Kamera zu begleiten. Schließlich war die Lychener 64 eines der letzten nicht sanierten Häuser in Prenzlauer Berg.

Sanierung ist in Prenzlauer Berg Dauerthema. Welchen Unterschied macht es, wenn man selbst davon betroffen ist?

Foto: Sinaffilm

Die Filmmacher: Jakob Rühle und Teresina Moscatiello lebten ursprünglich selbst im Haus an der Lychener Straße 64. Zwei Jahre lang hat Rühle seine Nachbarn mit der Kamera begleitet - vom ersten Schock nach der Ankündigung, über den erwachenden Widerstandsgeist und die beginnende Vereinzelung bis zum Poker um möglichst hohe Abfindungen.

Der Film: "Lychener 64" dokumentiert die Sanierung eines Altbaus in Prenzlauer Berg. Bis 2005 wohnten dort zwischen blätterndem Putz und Kachelöfen lauter schräge Vögel. Simone zum Beispiel, die mit acht Papageien in einer Parterrewohnung lebte. Oder Sophie, geboren im Kiez, die gerade Abitur machte. Oder Karsten, der 1984 im Haus eine Wohnung besetzte. "Lychener 64" konzentriert sich ganz auf seine Protagonisten, während der Haussanierung ab dem Jahr 2005. So entsteht ein Mosaik von Hoffnungen, Enttäuschungen und Aufbrüchen, das einen Kiez im Wandel vom Szenekiez zum Wohlfühlviertel der Mittelschicht zeigt.

Das Filmfest: Regulär kommt "Lychner 64" am 24. April ins Kino. Vorab ist er dreimal im Rahmen des Filmfestes "achtung berlin" zu sehen, erstmals heute um 20.15 Uhr im Babylon-Mitte. Das Festival zeigt bis 21. April 70 Filme, die von in Berlin und Brandenburg ansässigen Produzenten realisiert wurden. Info: www.achtungberlin.de

Rühle: Viola im Film sagt: Da ist ein Raum, den man sich selber geschaffen hat. Plötzlich steht ein fremder Mensch in diesem Raum und verlangt, ihn zu verändern. Sonst entscheidet man selbst, ob und wie man sich verändern will. Man hat sich den Wohnstil ja freiwillig ausgesucht. Natürlich ist ein Kohleofen nicht komfortabel. Aber es gibt auch Freiräume in einem heruntergekommenen Haus. Und natürlich sind die Mieten sehr niedrig.

Teresina Moscatiello: Fast alle Mieter hatten sehr viel Zeit mit der Renovierung ihrer Wohnungen verbracht. Zu den Dielen, die du selber abgeschliffen hast, hast du einen Bezug. Zu den Wänden, die du selbst verputzt oder versetzt hast. Man konnte alles machen, bunt bemalen, keiner hat verlangt, dass am Ende wieder alles weiß sein muss. Die Zeit vor der Sanierung war für mich auch ein bestimmtes Lebensgefühl.

Gab es vor der Sanierungsankündigung eine funktionierende Hausgemeinschaft?

Moscatiello: Die war da, aber natürlich hat sich die danach ganz anders zusammengefunden.

Rühle: Ich fand es schön, dass es einen unkomplizierten Umgang untereinander gab. Man kannte die meisten Leute, und wenn jemand Party gemacht hat und man musste früh raus, hat man geklopft, und das Ganze war geregelt. In den sanierten Häusern holt doch jeder gleich die Polizei, weil man sich nicht kennt.

Moscatiello: Als im Februar 2005 die Ankündigung kam, hatte ich gerade eine kleine Feier gemacht. Wir alle waren etwas ratlos. Wie wird es jetzt weitergehen? Im Grunde war es ein Schock. Irgendwie war uns allen bewusst: Jetzt wird eine Veränderung eintreten.

Es gibt die hohe Renditeerwartung der Eigentümer und das Versprechen einer behutsamen Stadterneuerung im Sanierungsgebiet. Wie haben Sie das Ringen beider Seiten erlebt - und welche Rolle spielten Ihre eigenen Wünsche?

Rühle: Da gab es die Mieterberaterin, die vom Bezirk beauftragt wird. Dann war da der Vertreter des Eigentümers, der persönliche Gespräche mit den Mietern geführt hat. Die Mieter haben sich dann auch bei der alternativen Mieterberatung im Kiezladen informiert und wussten, dass sie das Recht haben, zurückzuziehen und an der Planung der Wohnungen mitzuwirken. Darauf hat sich der Sanierer anfänglich eingelassen. Doch von den Wünschen der Mieter blieb mit der Zeit nicht mehr viel übrig.

Moscatiello: Die Mieterberatung des Bezirks hat gleichzeitig den Mietern schnell und nachdrücklich durchsanierte Umsetzwohnungen angeboten und versucht, eine zügige Einigung zu erzielen.

Wann war Ihnen bewusst geworden, dass der Eigentümer gar kein Interesse daran hatte, dass Sie in Ihre Wohnungen zurückziehen?

Rühle: Als es um die Grundrisse ging. Die wollten einen einheitlichen Standard. Alle Wohnungen mussten gleich aussehen. Das mit den individuellen Wünschen war nur vorgeschoben. Irgendwann hatten die ihre Pläne, die wir unterschreiben sollten. Von unseren Vorschlägen war da nichts mehr übrig. Wahrscheinlich sind Einzelwünsche einfach teurer als der Standard. Und der Standard lässt sich auch besser verkaufen.

Moscatiello: Es war von Anfang an klar, dass aus der Lychener Straße 64 Eigentumswohnungen werden sollten. Das zu verhindern, hatte der Bezirk keine Möglichkeiten. Geld für eine Sanierung mit öffentlichen Mitteln war ja nicht mehr vorhanden.

Rühle: Für die meisten Mieter war damit klar: Das Besondere, das sie mit dem Haus und mit der eigenen Wohnung verbinden, würde es nach der Sanierung nicht mehr geben. Das war der Punkt, an dem sich viele gesagt haben: Jetzt versuchen wir, das Beste daraus zu machen - jeder für sich.

In Ihrem Film drängt sich der Gedanke auf: Wer, wenn nicht die Mieter, hätte eine solche Sanierung verhindern können? Stattdessen dann die Niederlage. Ein Bewohner, der zu hoch gepokert hat, wurde vom Eigentümer sogar um die Abfindung gebracht. Was ging schief?

Moscatiello: Die Energie, die Begeisterung war am Anfang da. Doch dann kamen die Einzelgespräche. Und die haben jedem von uns klargemacht, dass auch wir untereinander verschiedene Interessen haben. Mit denen löste sich der romantische Gemeinschaftsgeist langsam auf. Jeder hatte plötzlich eigene Ideen, neue Projekte im Kopf, eine Protagonistein wollte endlich nach Mexiko, ein anderer wollte ein Restaurant aufmachen.

Die Sanierung war für die Mieter also auch eine Zäsur, die Möglichkeit, eine neue Phase im Leben zu beginnen.

Moscatiello: Ja. Eine individuell neue Phase. Und die sieht für jeden anders aus. Beruflich weiterkommen. Erwachsen werden.

Der Eigentümer musste Sie gar nicht gegeneinander ausspielen?

Moscatiello: Den Ausschlag gaben die Abfindungsangebote.

Rühle: Hinzu kommt, dass die ganze Palette an Instrumenten der behutsamen Stadterneuerung - also Sozialplan, Umsetzwohnung, Milieuschutz - die Kampfeslust auch nicht gerade befeuert hat. Eher ist es so, dass sie den Widerstand brechen. Schließlich wird einem damit auch vorgeführt, dass man gegen den Prozess der Sanierung an sich keine Chance hat. Der Prenzlauer Berg wird saniert. So oder so. Alle Faktoren sprechen gegen Widerstand und dafür, zu gucken, wo man bleibt.

Heißt das, dass die behutsame Stadterneuerung vor allem da ist, um die Interessen der Eigentümer durchzusetzen?

Rühle: Ja, natürlich. Die behutsame Stadterneuerung konnte nicht verhindern, dass eine Bevölkerungsstruktur komplett ausgetauscht wurde. Natürlich kann man sagen, dass nicht jeder, der auszieht, vertrieben wurde. Das Ergebnis ist aber klar: Die Leute, die hier noch Anfang und Mitte der 90er-Jahre gewohnt haben, sind nicht mehr da. Damit hat sich natürlich auch das Lebensgefühl verändert. Eine Clubszene wie in den 90ern gibt es schon lange nicht mehr. Das Kreative, Unangepasste ist verschwunden.

Wird Prenzlauer Berg ein Berliner Schwabing?

Rühle: Vielleicht ist es das schon. Das wilde Leben ist auf jeden Fall zu Ende.

Sie arbeiten in Ihrem Film viel mit Archivmaterial aus der DDR: Die Lösung der Wohnungsfrage als soziale Frage war damals eine Parole. War es besser damals?

Rühle (lacht): Zumindest die Mieten waren stabil.

Moscatiello: 5 bis 10 Prozent des Einkommens musste man für die Miete bezahlen. Aber die Wohnverhältnisse waren ungleich, Wohnraum wurde zugeteilt, und es gab durchaus Privilegierte.

Und die Häuser gingen kaputt. Welche Alternativen hätte es denn zum Sanierungsgeschehen nach der Wende gegeben?

Rühle: Mehr auf individuelle Bedürfnisse eingehen. Mehr Selbstverwaltung.

Moscatiello: Genossenschaften sollten eine stärkere Rolle spielen. Allerdings wäre das für uns in der Lychener Straße 64 keine Alternative gewesen. Um in eigener Regie oder mit einer Genossenschaft zu sanieren, hätte uns das Geld gefehlt.

Rühle: Außerdem hätte sich der Eigentümer niemals darauf eingelassen, an eine Genossenschaft zu verkaufen.

Schräge Typen, individueller Lebensstil, die Suche nach Freiräumen: All das, was die Lychener Straße 64 ausgemacht hat, hat auch zum Image von Prenzlauer Berg als Szeneviertel beigetragen. In Ihrem Film haben Sie die eigene Rolle bei der Aufwertung des Bezirks aber nicht thematisiert. Warum?

Moscatiello: Wir sind Teil der Gentrifizierung.

Rühle: Auf jeden Fall. Es ging uns im Film aber nicht nur um den soziologischen Begriff, sondern um das Leben, den Mikrokosmos der Lychener 64 in dieser Umbruchphase.

Nach der Sanierung ist keiner der alten Bewohner in die Lychener Straße zurückgekehrt. Wo leben Sie seitdem?

Moscatiello: Im Wedding. Ich bin ins Brunnenviertel gezogen. Aber auch da hab ich schon mal Bionade entdeckt.

Rühle: Ich bin geblieben und wohne jetzt in der Schönhauser Allee. In einer günstigen sanierten Wohnung mit Zentralheizung. Ich weiß nicht, ob ich noch mal Kohlen schleppen wollte. Gestern habe ich in einer Anzeige gesehen, dass meine alte Wohnung in der Lychener jetzt das Vierfache kostet.

 

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