die wahrheit

Der Mustermedizinmann

Schurken, die die Welt beherrschen wollen. Heute: Philipp "Bubi" Rösler.

Der inzwischen gar nicht mehr so neue Gesundheitsminister Philipp Rösler ist deutsch bis auf die Haut. Bild: ap

Höflich? "Ich gab ihm die Hand, und er brach mir den Arm entzwei." Fleißig? "Als ich ihn unangemeldet aufsuchte, ritt er nackt auf seiner entblößten Chefsekretärin durchs Büro, die vor Vergnügen quietschte." Sauber, ordentlich, pflichtbewusst? "Wenn das jemand ist, der statt ins Taschentuch in seine Arbeitspapiere schnäuzt, dann sicherlich."

Kaum zu glauben, aber wahr: Das sind drei von vier an den Haaren herbeizitierte Äußerungen, um Philipp Rösler vor der Leserschaft madig zu machen. Verzichten wir also auf das vierte Beispiel, das ihm die Gewandtheit bei öffentlichen Auftritten abspricht: "Bei der Vereidigung zum Bundesminister hob er die Hand und zeigte mir den steilen Mittelfinger!" Auch diese Stimme stimmt unmöglich, ist die Wirklichkeit doch in Wahrheit ganz anders gestrickt.

In ihr agiert Rösler als tadellos gebügelter Musterbubi. Wenn er, das Gesicht mit einem Lächeln bestrichen, sein poliertes Hochdeutsch zeigt, springt er stehenden Fußes seinen Zuhörern in die Herzen. Dort kann er sichs behaglich machen, sobald er ausplaudert, dass er am liebsten Udo Jürgens an seine Ohren lässt und gern ein Butterbrot mit mausetoten Nordseekrabben kaut.

Wer ihn hört, muss ihn sehen, um zu erkennen: Philipp Rösler ist deutsch bis auf die Haut und das nachtfarbene Haar. Ohne Eltern zur Welt gekommen und von einem Waisenhaus bei Saigon angeboten, wurde er 1973, kein rundes Jahr alt, von einem norddeutschen Ehepaar in Vietnam erworben. Nach dessen Trennung bei seinem Stiefvater stationiert, einem straff organisierten Bundeswehrpiloten, sog er deutsche Tugenden mit der Vatermilch ein und lernte, dass man den Makel, anders zu sein als die anderen, auswetzen konnte durch den Vorzug, genauso zu sein wie die anderen.

Oder sogar um ein paar Gramm besser, als es der deutsche Musterkatalog vorsieht - weshalb er mit stets gebührlichem Betragen, haargenauer Pünktlichkeit und allzeit wirsch ins Leben wuchs und beim Abi mit einem Spitzentempo von durchschnittlich 1,6 durchs Ziel ging.

Weil man, wie das Sprichwort singt, nicht das Land beißt, das einen füttert, lernte auch er Berufsoffizier, wobei er freilich statt am Schießgewehr brav an Spritze, Skalpell und Säge diente und als Doktor in Uniform endete. Wenn einem Rekruten ein Panzer über die Leber gelaufen war oder einem General das Gehirn verrutschte, hatte Rösler die passende Medizin im Köfferchen. Doch hat er auch die geeignete Rezeptur, um das aus den Fugen laufende deutsche Gesundheitssystem auf gerade Beine zu stellen?

Als Minister hat er nicht richtiggehende Menschen oder bloße Dienstgrade zu verarzten, sondern muss mit kranken Verbänden, perversen Lobbys, auf kriminellem Fuß lebenden Konzernen operieren.

Prompt ließ der nette Rösler Peter Sawitzki vor die Tür werfen. Deutschlands stärkster Arzneimittelkontrolleur hatte Medikamente als teuer und überflüssig entehrt, ohne ihre heilsame Wirkung auf die von Auszehrung bedrohte Pharmaindustrie einzukalkulieren. Ebenso ungesäumt berief der bezaubernde Rösler mit Christian Weber einen voll im Saft der privaten Krankenversicherer stehenden Agenten zum Leiter seines Grundsatzreferats, der Abteilung des Ministeriums, wo im Zuge der Gesundheitsreform die größten Eier gelegt werden.

Der strebsame Rösler, der sich 1992 in der FDP einmietete, sich 2000 auf dem eigens für ihn errichteten Thron des niedersächsischen FDP-Generalsekretärs einnistete, 2003 seinen Wohnsitz im Landtag von Hannover aufschlug und sogleich im Büro des Fraktionsvorsitzenden sesshaft wurde, seit Anfang 2009 als Niedersachsens Wirtschaftsminister logierte und Ende 2009 auf die Stelle eines Bundesgesundheitsministers übersiedelte - Rösler rutschte auf der politischen Leiter nicht nach oben, weil er der Fauna der Weißkittel angehört, sondern weil die sozialdarwinistische FDP ein Gesicht braucht, das Menschlichkeit ehrlich simuliert.

Er kann mit falscher Zunge die einheitliche Gesundheitsprämie als gerecht verkaufen, bei der gut ausgerüstete Bankdirektoren so wenig löhnen wie dürre Hartz-IV-Empfänger. Kaum ein Pieps dringt davon in die Öffentlichkeit, dass mit dem dünnen Geld dünne Leistungen bezahlt würden, für die Sahne auf dem Rezept aber mit langen Summen privat vorzusorgen wäre.

Dito, wenn Rösler die Krankenkassen in steilen Wettbewerb zu treiben ankündigt, damit sie verschieden geschneiderte Beiträge und Leistungen feilbieten - das Holzbein für die Hempels auf dem Sofa und für die Herrschaft das Menschenbein aus echtem Hempel, der sich dafür das schöne Holzbein leisten kann.

In der rasanten Hoffnung, dass nichts auffliegt, hat Rösler den Unternehmensberater Daniel Bahr als frischen Staatssekretär in sein Ministerium eingebaut. Man entnimmt bereits seinem Gesicht, dass er der FDP angehört, und deshalb wird er unter dem Deckel gehalten. Über ihm aber schwebt sichtbar der höfliche, fleißige, mustergültige Philipp Rösler: der Vertreter des Sozialdarwinismus mit menschlichem Antlitz!

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