Regional-Hype

Die Wegbereiterin

Die Wirtin Meta Rogall und ihre Kneipe in Norddeich haben sich im Nordwesten zu einem Mythos ausgewachsen. Warum? Weil Meta das wilde Leben an die Küste brachte. Und ihren Stiefel auch gegen Widerstände durchzog.

Bild: Sven Rogall

Auf Tonband ist eine klare Stimme zu hören, klar, fordernd und zugleich melancholisch. "Ich wohne in Norddeich", sagt die Stimme. "Norddeich kennt ja sicherlich jeder. Da geht's nicht weiter."

Norddeich ist in Ostfriesland. Von Norddeich aus kann man mit dem Schiff nach Juist oder Norderney fahren. Dass es von Norddeich aus nicht weiter geht, meint die Stimme auch im übertragen Sinn: Norddeich, das transportiert die Stimme, bedeutet kulturelle Beschränkung. Die Stimme gehört der Wirtin Meta Rogall, die 1994 im Alter von 59 Jahren gestorben ist.

Meta Rogall darf das: Despektierlich über Norddeich sprechen. Denn sie ist da geblieben. Sie hat dafür gesorgt, dass sich gleich mehrere Generationen von Ostfriesen nicht so gefühlt haben, als lebten sie am Ende der Welt. Nun, gut 15 Jahre nach ihrem Tod, wird Meta eine Ehrerbietung zu Teil, die das Wort Hype verdient hat: Im Dezember veröffentlichte Günter Wrobel vom Medienzentrum Norden eine Dokumentation auf DVD mit dem Titel "Meta… die Erinnerung lebt". Das Buch "Komm, wir geh'n zu Meta" von Werner Jürgens wurde neu aufgelegt. Und am heutigen Samstag findet die Uraufführung des Musicals "Meta, Norddeich" in Wilhelmshaven statt.

Das Musical macht die Landesbühne Nord, die mit dem Stück durch den Nordwesten tourt. Bereits vor der Uraufführung ist der Großteil der Vorstellungen ausverkauft. Die Geschichte um Meta ist noch ein Regional-Hype, aber sie hat das Zeug, über die Region hinauszuwachsen.

Meta Rogall hat 1960 direkt am Deich das Tanzcafé "Haus Waterkant" eröffnet. Aus dem Tanzcafé wurde ein Beat-Club: Meta holte Live-Bands, viele davon aus England und Holland. In den 1970er wurde aus dem Beat-Club eine Disco. Ins "Haus Waterkant" allerdings ging niemand, alle sagten: "Wir geh'n zu Meta". Mitte der 1980er taufte Meta ihren Laden um in "Meta's Musikschuppen". So heißt er noch heute: Metas Sohn hat den Laden übernommen. Vom 9. bis zum 11. Juli feiert die Kneipe 50-Jähriges Jubiläum, unter anderem mit einem Auftritt von Inga Rumpf.

Es gibt Geschichten wie die vom Ärger mit den Tierschützern: Meta hatte in der verqualmten Kneipe einen Papagei auf einer Stange hocken und ließ ihn angeblich Hochprozentiges aus einem Cognacglas trinken. Es gibt die Geschichte vom Kinderwagen voller Alkoholika, mit dem Meta durch die Kneipe zog und die Gäste direkt versorgte. Es gibt die Auftritte von späteren Stars. Howard Carpendale spielte bei Meta. Otto Waalkes war da, Mr. Piggi (Schildkröte) und die Scorpions.

Als die Behörden bei einer Durchsuchung 50 Gramm Haschisch finden, muss Meta zu machen. Die Leute demonstrieren dagegen vor dem Rathaus von Norden. Nach drei Monaten Pause macht Meta wieder auf.

Woher so viel Liebe, damals schon? Ein pragmatischer Grund ist, dass Meta den jungen Friesen ein Nachtleben ermöglichte. Und zwar nicht irgend eines, sondern ein Nachtleben mit neuer Musik und rauschenden Partys.

Außerdem stand Meta dafür, das eigene Ding gegen die Widerstände von außen durchzuziehen. Das Selbstbestimmte hat sie auch im Alter nicht verloren: "Auch als Vertreterin der Elterngeneration verkörperte Meta eine Mischung aus Mütterlichkeit und Widerstandsgeist", sagt Peter Schanz, der Autor des Musicals.

In jedem Fall war Meta eine Vertreterin der ersten Generation, die mit Rockmusik alt geworden ist. Und das wird man auch in München verstehen.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de