Moorburgtrasse

Widerstand im Wipfel

Für die einen sind es nur Bäume. Für die anderen geht es ums große Ganze. Zu Besuch beim Neujahrsempfang an den besetzen Bäumen im Altonaer Gählerpark.

Beim Neujahrsempfang an den besetzen Bäumen. Bild: MIGUEL FERRAZ

Im Fernen Osten hat sich mitten im Turbokapitalismus der animistische Brauch erhalten, Bäume mit kleinen Wunschzetteln zu behängen, denen es zumeist ums Materielle - ein neues Auto, eine hübsche Wohnung - geht. In Hamburgs Westen dagegen ist ein Baum gerade zum Träger eines materialistischen Brauchs geworden, bei dem es um ein Jenseits vom Kapitalismus geht. Dieser Baum steht im Altonaer Gählerpark, zwischen Holstenstraße und Thadenstraße, und auf den Schildchen, mit denen er behangen ist, wird zum Handeln aufgerufen: "Träume nicht dein Leben, lebe deine Träume". Aufgehängt haben die Schilder Jürgen und Olivia. Die beiden leben seit mehreren Wochen oben auf einer Plattform im Wimpfel. Bei Schnee und Eis. Ein Alptraum, nach allgemeinem Dafürhalten.

Olivia und Jürgen haben zusammen mit der Initiative Moorburgtrasse-Stoppen zum Neujahrsempfang am Sonntag geladen. Mit dabei ist sind auch AktivistInnen von Robin Wood, die zwei weitere Bäume des Gählerparks besetzt halten. Um einen Stand mit Glühwein- und Suppenausschank und zwei Feuertonnen haben sich 70, 80 Leute zusammengefunden. Ringsum liegen ausrangierte Tannenbäume, die sollen später entlang der geplanten Trasse aufgehängt werden.

Eine junge Frau hat sich die Stiefel ausgezogen und hält die Füße wärmend ans Feuer. Sie ist Mitglied bei Robin Wood, kommt aus Rostock und ist übers Wochenende angereist, um unterhalb der besetzen Bäume im Zelt zu campieren. "Schon ganz schön kalt", sagt sie. Daran hat sich ihre Lüneburger Kollegin Cécile Lecomte, die seit dem 18. Dezember auf einer Plattform in den Bäumen residiert, "bereits gewöhnt". Sie hat zwei Schlafsäcke und dazu noch ein paar Wärmflaschen, die ihr die Anwohner vorbeibrächten. "Letzte Nacht habe ich so geschwitzt, da konnte ich gar nicht einschlafen."

wurde in der Planung vom Bezirk verlegt: von der Holstenstraße in den Grünstreifen.

Etwa 180 Bäume will Vattenfall dafür in Altona fällen, der Bezirk hat das Anliegen per Eilverfahren genehmigt.

Vattenfall will mit dem Fällen noch warten, bis am 15. Januar über eine Klage des BUND gegen die Genehmigung entschieden worden ist.

AnwohnerInnen befürchten, dass nach Vattenfall der Bezirk Hand anlegen wird. Der "Masterplan Altona" brächte Nachverdichtung und Aufhübschung auf Kosten der Grün- und Spielflächen.

Lecomte, die Vollzeitaktivistin, sagt, ihr gehe es mit der Besetzung primär um die globale Perspektive, um das Kohlekraftwerk Moorburg. Das aber sei nur mit der Fernwärmetrasse durch den Gählerpark rentabel - die damit zur Achillesferse des Kraftwerkbauers Vattenfall werde.

Und dann ist da noch die lokale Perspektive: "Für die Menschen hier vor Ort", sagt Verena Wendland und deutet auf eine Gelbklinker-Haus am Rand des Parkstreifens, "ist das Grün hier lebensnotwendig, die können nicht mal eben nach Thailand reisen." Die Frau mit dem klingenden Nachnamen, "wie das Freie Wendland", ist am Holstenplatz aufgewachsen und erinnert sich noch an die Zeit, als die Gegend um den heutigen Gählerpark eine einzige Trümmerlandschaft war.

In den 50er Jahren wurde dort das "Neue Altona" aufgebaut, geplant als eine aufgelockerte, vom Renditegesetz befreite Stadt, deren Zentrum nicht die Einkaufsstraße bilden sollte, sondern der Grünzug. Was sich noch immer mitzuteilen scheint: Besonders schön, sagt eine Vorübergehende, fände sie den Streifen nicht. "Aber es ist gut, dass es solche Freiräume gibt."

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