Ausstellung auf Schloss Moritzburg

Unser aller Aschenbrödel

Schloss Moritzburg in Sachsen war einer der Drehorte des tschechisch-deutschen Kultfilms "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel". Eine Ausstellung lockt nun Zehntausende dorthin.

Immer noch so romantisch wie im Winter 1972/1973, als "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" gedreht wurde: Das Schloss Moritzburg. Bild: dpa

Kommt man aus Richtung Dresden nach Moritzburg, fährt man direkt auf das Barockschloss zu. Trutzig beherrscht es die Sichtachse, die mit der schmalen Hauptstraße identisch ist, und wirkt wie ein falsch proportioniertes Déjà-vu, denn es ist erschreckend groß. Im Film hatte die Kamera die Schlosstotale nur von jenseits des Sees eingefangen, von wo aus das Jagddomizil Augusts des Starken - er pflegte hier Enten zu schießen - das verträumte Bild eines einsam gelegenen Märchenschlösschens bietet und nichts von der selbstverständlichen Machtdemonstration zu spüren ist, mit der das Bauwerk den Ort optisch dominiert. Der See, im Film malerisch zugefroren, ist in der Realität des Jahres 2009 eine fast ausgetrocknete Schlammpfütze. Wer sich aufmacht, die Wirklichkeit hinter einem Märchen zu entdecken, hat mit Entzauberung zu rechnen. Das ist Strafe und Belohnung zugleich.

Schloss Moritzburg beherbergt derzeit eine Sonderausstellung über den tschechisch-deutschen Märchenfilm "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel", in dem es, als Schloss des Prinzen, während der Dreharbeiten im Winter 1972/1973 eine wichtige Rolle spielte. Es war der Winter nach der Geiselnahme von München, der Winter, in dem der Vietnamkrieg endete und in dem die beiden deutschen Staaten diplomatische Beziehungen zueinander aufnahmen. In der Tschechoslowakei ist der Einmarsch der Freunde aus dem Warschauer Pakt inzwischen vier Jahre her, es herrscht die "Normalisierung".

Viele Kulturschaffende haben aus politischen Gründen Berufsverbot, auch der Dramatiker und Drehbuchautor Frantisek Pavlícek, der gezwungen ist, seine Adaption des Aschenbrödel-Märchens unter der Hand an die Leute zu bringen. Einig wird er sich schließlich mit Václav Vorlícek, der allerdings teure Ambitionen hegt: Einen Renaissance-Film will er aus Pavlíceks emanzipatorisch angelegter Märchenkomödie machen. An Ausstattung und Kostüme stellt dieser Plan Anforderungen, die mit dem bewilligten Budget nicht zu realisieren sind; ein Koproduktionspartner muss her. So kommt, mit einer Million Mark Beteiligung, die Defa ins Spiel. Die Rollen werden mit tschechischen und deutschen DarstellerInnen besetzt, Drehorte zur beiden Seiten der Grenze werden gesucht.

***Die Ausstellung in Moritzburg wurde verlängert bis zum 28. Februar. Geöffnet ist sie bis 10. Januar von Di. bis So., 10-16 Uhr, danach nur Sa. und So., 10-16 Uhr. Sonderöffnungszeiten: 24. 12., 9-12 Uhr; 31. 12., 10-13 Uhr.

***Der Film "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" läuft über Weihnachten eigentlich ständig im Fernsehen, vor allem in den dritten Programmen, und zwar am

24. 12. um 14.35 Uhr im WDR,

um 21.15 Uhr im RBB

25. 12. um 11 Uhr in der ARD

26. 12. um 9 Uhr im RBB, um 10.45 Uhr im SWR/SR, um 12.20 Uhr im NDR, um 12.45 Uhr im MDR

27. 12. um 6.15 Uhr im MDR,

um 8.50 Uhr im BR

Ein Sommermärchen soll es werden; Vorlícek stellt sich, wie er im Videointerview erzählt, ein Aschenbrödel vor, das über Blumenwiesen reitet. Doch der Produktionsleiter der Defa möchte seine Kulissenbauer gern im Dezember beschäftigt wissen. Da die Studioaufnahmen in Potsdam-Babelsberg unbedingt im Winter stattfinden sollen, der Regisseur aber eine Drehpause vermeiden will, entscheidet er, die Dreharbeiten komplett in die kalte Jahreszeit zu verlegen. Das Budget für die Kostüme (Pelze!) muss damit allerdings aufgestockt werden.

Die Moritzburger Ausstellung entstand vor allem aufgrund des spürbar zunehmenden Publikumsinteresses, wie die Kuratorin Margitta Hensel erzählt. Auf welcher Treppe Aschenbrödel denn ihren Schuh verlor, hätten ständig Leute gefragt. "Auch Hochzeitsanträge haben wir bemerkt auf der Treppe!", sagt Hensel und lacht. Und so sei in ihr und den Kolleginnen der Gedanke gewachsen, dass man etwas auf die Beine stellen sollte, um dem großen Interesse entgegenzukommen. Dass die Ausstellung aber einen regelrechten Ansturm erleben würde, habe niemand ahnen können.

Ansonsten beherbergt das Schloss als ständige Schau die Porzellansammlung Augusts des Starken. Auf der hauseigenen Internetseite wird damit geworben, dass man jährlich "Tausende von Besuchern" anziehe. Die Aschenbrödel-Ausstellung aber haben, seit sie am 10. Oktober eröffnet wurde, bis Anfang Dezember bereits 60.000 Menschen gesehen. "Das ist für uns extrem!", sagt Margitta Hensel.

Extrem ist es auch, auf dem zugigen Schlosshof Schlange stehen müssen, um zur Kasse vordringen zu können. Hinter der Kasse wird wieder Schlange gestanden, um in die Ausstellung eingelassen zu werden. Endlich drinnen, ist es aufgrund der Enge schwierig, sich ungestört in die Lektüre der Texte zu versenken. Doch es herrscht ein geradezu freundschaftliches Geschiebe. Niemand drängelt, nur die wenigen mitgeführten Kinder quengeln nach Essen. Sie sind zu klein, um zu lesen, was auf den hoch gehängten Texttafeln steht.

Diese Ausstellung ist, abgesehen von den liebevollen Nachbauten der Filmkulissen, nicht für sie, sondern für ihre Eltern, die hier sind, um - ja, was? Einen Teil ihrer Kindheit wiederzufinden? Sich eine große kindliche Glückserfahrung lustvoll entzaubern zu lassen? Ein bisschen ostalgischen Stolz zu pflegen (unsere Defa!)? Wahrscheinlich sind von jeder Sorte welche dabei, denn der Querschnitt der Ausstellungsbesucher scheint annähernd einem Querschnitt der Bevölkerung zu entsprechen. Frauen wie Männer sind vertreten, junge, alte und mittlere. Es ist erstaunlich und fast so, als sei man Teil einer großen, zum Glück harmlosen Massenpsychose. Sächsisch schwirren die Stimmen, vereinzelt dringt preußischer oder tschechischer Zungenschlag durch.

Es gibt viel zu lesen, kein Mensch kann bei einem Rundgang alles schaffen (bald aber, vielleicht schon zu Weihnachten, soll man die Texte auch als Broschüre kaufen können). Neben biografischen Details zu sämtlichen Mitwirkenden lässt sich Tausenderlei rund um die Dreharbeiten erfahren, sogar die Namen aller mitwirkenden Pferde, tschechischer und deutscher, und ihrer ReiterInnen - denn bei riskanten Reitszenen wie der Verfolgungsjagd die vereiste Schlosstreppe hinunter wurden die SchauspielerInnen gedoubelt. Kein Double dagegen hatten Libuse Safránková und Pavel Trávnícek in der allerletzten Einstellung des Films, dem gemeinsamen Ritt über ein verschneites Feld, die bei minus einundzwanzig Grad gedreht wurde. Eine Grenzerfahrung im Renaissancekostüm, auch mit zwei Paar Strumpfhosen.

Der größte Teil der Kostüme ist in der Ausstellung nur in Kopien präsent, denn viele Originale werden derzeit in Prag ausgestellt. (Früher wurden die Kostüme von den Studios auch verliehen, weshalb es im Laufe der Jahrzehnte ein paar weniger geworden sind.) Immerhin das Stiefmutterballkleid mit seiner legendären Fledermaushaube konnte original aus Babelsberg entliehen werden. Vor einem flammend roten Etwas für die üppigere Dame fragt eine Frau, zwei kleine Mädchen mit sich ziehend: "Na, wisst ihr, wer dieses Kleid hier getragen hat?" - "Kleinröschen!", rufen die Fünfjährigen wie aus einem Mund. Die Kleinröschenszene, worin der Prinz beim Tanz vorübergehend die Bodenhaftung verliert, scheint Eindruck auf die Kinder gemacht zu haben; vor den anderen Kostümen versagt ihr Wissen. Der Kostümbildner Theodor Pistek übrigens gewann dreizehn Jahre nach "Aschenbrödel" für seinen Beitrag zu Milos Formans "Amadeus" einen Oscar.

"Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" wurde 1999 auf einem Festival zum "Märchenfilm des Jahrhunderts" gekürt. Und Václav Vorlícek ist besonders stolz darauf, dass der Film sogar bei einer Umfrage, bei der Prager Kinobesucher die beste Komödie des letzten Jahrhunderts wählen sollten, auf den dritten Platz kam. Sicher liegt in der perfekten Symbiose zweier Genres, die Pavlícek (der 2004 verstarb) und Vorlícek gelang, ein Teil des Erfolgsgeheimnisses. Aber das kann nicht die letztgültige Erklärung sein. Was suchen all die Menschen in Moritzburg?

Am besten fragt man nach bei einer, die es wissen muss, bei Kathrin Miebach aus Meschede, die die staunenswert faktenreiche Fansite dreihaselnuessefueraschenbroedel.de betreibt und auch die Moritzburger bei der Ausstellungskonzeption beraten hat. Was hat dieser Film, das ihn zum Kult macht? "Alles daran ist schön. Und es ist einfach eine geniale Mischung", erklärt sie bündig, "er ist nicht nur romantisch, sondern auch selbstironisch. Kinder können der Geschichte gut folgen, aber auch die Erwachsenen finden Dinge, die für sie lustig sind." Aber was hat Sie selbst daran so angezogen? "Die Figur des Aschenbrödel. Sie ist nicht nur darin emanzipiert, dass sie sich selbst den Prinzen angelt, sondern auch gegenüber der Stiefmutter. Kaum ist die beschäftigt, reitet sie mit ihrem Pferd in den Wald, obwohl es verboten ist."

Bei genauer Betrachtung kann man wohl froh sein, dass die damaligen Zensoren den Machern dieses individualistische Renaissance-Mensch-Gebaren nicht politisch auslegten. Dass ein Dissident das Drehbuch geschrieben hatte, war zwar nicht bekannt. Doch trat in der radikalen Uminterpretation der Aschenbrödel-Figur im Grunde recht offen die Botschaft zutage, dass Freiheit auch immer eine Frage der richtigen Geisteshaltung ist, durch die sich, jedenfalls mit der Hilfe von ein paar Freunden und am besten noch ein wenig märchenhafter Schönheit, auch unerträgliche Herrschaftsstrukturen überwinden lassen.

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